»Frühlingsstürme« in der Komischen Oper Berlin spielt mit den Identitäten

Hinter der Fassade

Die letzte Operette der Weimarer Republik wird neu inszeniert: Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper in Berlin, hat »Frühlingsstürme« von Jaromír Weinberger auf die Bühne gebracht.

Es war die letzte Operette der Weimarer Republik. Am 20. Januar 1933 feierte »Frühlingsstürme« mit drei jüdischen Hauptdarstellern im Berliner Admiralspalast Premiere. Zehn Tage später ergriffen die Nationalsozialisten die Macht, die Fackelzüge marschierten an dem Theater vorbei. Die Operette wurde am 12. März zum letzten Mal aufgeführt und der Admiralspalast vorerst geschlossen.
Ihr Komponist Jaromír Weinberger, ein in Prag geborener Jude, floh im Herbst 1938 in die USA. Seine Mutter und seine ältere Schwester wurden ins KZ deportiert und dort ermordet.

Anzeige

Der einst weltberühmte Komponist, der den internationalen Erfolg »Schwanda, der Dudelsackpfeifer« geschrieben hatte, geriet in Vergessenheit, ebenso seine Operette »Frühlingsstürme«. Er litt unter Depressionen, seine künstlerische Kar­riere konnte er jenseits des Atlantiks nicht fortsetzen. 1967 beging er in Florida Selbstmord.

Barrie Koskys Neuinszenierung an der Komischen Oper in Berlin ist der Auftakt eines Weinberger-Programms, das der Intendant Kosky im März mit »Schwanda« und einem Festival fortsetzen will. »Frühlingsstürme« liefert drei Stunden musi­kalischen Genuss. Die Originalpartitur fiel vermutlich den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen zum Opfer, doch Kosky konnte einen Klavierauszug finden, auf dem immerhin die originale Instrumentation aufgelistet war.

Norbert Biermann, der ehemalige Kapellmeister der Komischen Oper, konnte so die Operette rekonstruieren. Das Ergebnis ist sentimentale Spätromantik, die auch Jazzelemente, klassische Einflüsse und slawische Melancholie beinhaltet und einen manchmal Schmetterlinge im Bauch fühlen lässt: »Frühlingsstürme in der Mandschurei!«

Die Handlung von Gustav Beers Libretto ist nichts Bahnbrechendes: Operntypisches Verwirrspiel trifft auf Liebesgeschichte. Die Operette spielt größtenteils in der nordchinesischen Mandschurei während des Russisch-Japanischen Kriegs von 1904/05. Der russische General Katschalow ist in die junge Witwe Lydia Pawlowska verliebt, die wiederum in den japanischen Major Ito – in der Original­inszenierung vom damaligen Startenor Richard Tauber, hier aber auch vortrefflich von Tansel Akzeybek gespielt – verliebt ist, der die Russen getarnt als chinesischer Diener ausspioniert.

Mit von der Partie ist der deutsche Kriegsreporter Roderich Zirbitz, getarnt als Koch. Er wird schnell entlarvt, legt sich aber eine neue Tarnung als chinesischer Zauberer auf Lydias Ball zu. Dort hofft er, der von ihm begehrten Tatjana, Katschalows Tochter, näherzukommen.

Ito wird beim Spionieren von Katschalow erwischt, verhaftet und zum Tod verurteilt. Doch Ito gelingt es auszubrechen, er findet bei Lydia Zuflucht. Um die Front zu passieren, braucht Ito das Losungswort – »Frühlingsstürme«. Lydia versucht, Katschalows Zuneigung für sich auf verführerische Art auszunutzen, um an das Losungswort zu kommen.

Doch Katschalow ahnt ihre wahren Motive und gibt ihr das falsche Wort. Ito wird an der Grenze gefasst, Katschalow lässt ihn aber laufen, als Lydia dem Drängen des Generals nachgibt.

Zum Schluss befinden sich alle bei den Friedensverhandlungen in einem Hotel in Italien. Ito, der Verhandlungsführer der japanischen Dele­gation, ist jedoch mittlerweile verheiratet, da er glaubte, dass Lydia ihn verraten habe. Itos Frau bittet Lydia inständig, ihr den Mann nicht wegzunehmen. Lydia gibt daraufhin Katschalow endgültig ihr Jawort und Ito singt ihr schmachtend hinterher: »Du wärst für mich die Frau gewesen.« In der Zwischenzeit hat Roderich Katschalows Tochter Tatjana mit nach Italien genommen, wo sie sich vor ihrem Vater verstecken. Sie heiraten heimlich und bitten einen wütenden Katschalow um seinen Segen.

Das alles sorgt natürlich für viel Albernheit, die Verwirrungsszenen führen zu einer großzügigen Por­tion Slapstick. Den beherrscht Stefan Kurt sehr gut, der Katschalow spielt und für seine Darbietung den größten Applaus des Premierenabends erhielt.
Doch die Inszenierung bietet mehr als bloße Abendunterhaltung, auch wenn man zu keinen bereichernden Erkenntnissen über Geschichte, Krieg oder Politik gelangt. An manchen Stellen wird ein politischer Subtext, allerdings durch Humor, angedeutet. »Wie mögen Sie Ihre Pasteten? Braun oder hell?« fragt beispielsweise Roderich. Katschalow: »Braun, natürlich!« Roderich: »Entschuldigen Sie, aber das ist Geschmackssache!« Eine reine Lachnummer ist die Operette allerdings nicht, oszilliert stattdessen zwischen verspielter Komödie und fesselndem Noir.

Das Spiel mit Identitäten ist ein wichtiger Strang von »Frühlingsstürme«. Roderich Zirbitz ist in dieser Hinsicht eine besonders interessante Figur: Katschalow will nichts mit einem Journalisten zu tun haben. So muss Roderich immer vortäuschen, jemand anderes zu sein, und sein wahres Ich verstecken, um seinen Job auszuüben oder sich seiner Begehrten anzunähern. Er gibt seinen Namen in einer Szene sogar mit dem deutscher klingenden »Roderich Meier« an. Seine Figur kann man als ­einen Kommentar des jüdischen Librettisten Gustav Beer über Assi­milation und jüdische Identität verstehen.

Sogar das Bühnenbild ist wortwörtlich eine Fassade: Zu Beginn steht eine riesige Reisekiste auf der Bühne, die signalisiert, dass die Reise an einen fiktiven Sehnsuchtsort geht. Die Kiste entfaltet sich, um die versteckte Szenerie, die Projizierungen zu offenbaren. Es ist ein modulares Bauteil, das die Bühne wie ein Shōji-Trenner teilt. Es wirkt aber auch wie ein Schrank, in dem man sich in diesem Katz-und-Maus-Spionagespiel verbergen kann.

Die Inszenierung bietet mehr als Abendunterhaltung. An manchen Stellen wird ein politischer Subtext, allerdings durch Humor, angedeutet.

Dieser performative Aspekt von Identität wird auch auf einer Metaebene ausgeführt. Die Gefahr, in ­einer Operette mit einem chinesischen Schauplatz während eines Kriegs gegen Japan in stereotype Darstellungen zu verfallen, ist groß. Abgesehen von vereinzelten kitschigen Dekostücken, die wahrscheinlich einen gewissen Exotismus beschwören sollen, geschieht das kaum einmal, auch die Darsteller der ostasi­atischen Figuren wurden nicht besonders geschminkt oder inszeniert.

Das tragische Schicksal Weinbergers ist in der Leichtigkeit der Operette kaum zu spüren. Und doch: Es überschattet sie. »Frühlingsstürme« kann heutzutage von dieser Assoziation nicht mehr getrennt werden. Nach Neuinszenierungen von Paul Abrahams »Ball im Savoy« und Oscar Straus’ »Die Perlen der Cleopatra« gelingt es Kosky erneut, einem ver­lorenen Stück aus der Weimarer Republik neues Leben einzuhauchen.

»Frühlingsstürme« wird wieder am 8., 13. und 23. Februar in der Komischen Oper Berlin gezeigt.