Laborbericht: Langsam sterbende Sterne

Stirb langsam

Kolumne Von

Die Debatte darüber, ob es sich in der Stadt oder auf dem Land besser lebt, bleibt ganz sicher auch mit der dümmlichen Kampagne »Dorfkinder« des Landwirtschaftsministeriums unentschieden. Ein Aspekt allerdings spricht klar für die dünnbesiedelten Regionen: Der nächtliche Blick in den Himmel kann dort überwältigend sein, vor allem wenn man an die sogenannte Lichtverschmutzung der Ballungsräume gewöhnt ist, die die meisten Sterne überstrahlt.

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Immerhin besteht Hoffnung auf ein Himmelsspektakel, das auch in der Großstadt unübersehbar wäre – wenn man den Schlagzeilen Glauben schenkt, die eine baldige Explosion des Riesensterns Beteigeuze prophezeien. Richtig daran ist, dass der Stern, der die linke Schulter des Sternbilds Orion bildet, sich am Ende seines Lebens befindet: Es handelt sich um einen sogenannten Roten Überriesen, also einen aufgeblähten massereichen Stern, dem das Material für die Kernfusion ausgeht. Kommen schließlich auch die letzten Fusionsprozesse zum Erliegen, stürzt so ein Gigant unter seiner eigenen Schwerkraft in sich zusammen. Bei diesem finalen Wumms wird noch einmal enorme Energie frei: Der Stern explodiert in einer Supernova.

Unstrittig ist, dass dieses Schicksal Beteigeuze in näherer Zukunft bevorsteht; auf astronomischen Zeitskalen kann das jedoch auch in 1 000 oder 100 000 Jahren heißen. Oder halt übermorgen. Die Spekulationen, dass es auch nach menschlichen Maßstäben demnächst so weit sein könnte, basieren auf einer Verdunklung des Sterns in den vergangenen Monaten; derzeit funzelt er mit gerade einmal 25 Prozent seiner üblichen Leuchtkraft vor sich hin.

Das ist zwar ein Rekordtief seit dem Beginn systematischer Beobachtungen, generell sind solche Schwankungen für Beteigeuze allerdings nichts Ungewöhnliches. Fachleute sind daher skeptisch, ob der Stern in seinen letzten Zügen liegt. Für wahrscheinlicher halten sie, dass sich zwei Verfinsterungszyklen überlagern oder Turbulenzen in der Atmosphäre des Riesen für seine Verdunkelung verantwortlich sind.

Insgeheim hoffen sie aber wohl selbst, dass sie sich irren. Schließlich wurde seit 1604 keine Supernova innerhalb der Milchstraße mehr beobachtet, und Beteigeuze ist mit einer Entfernung von etwa 600 Lichtjahren nah genug, um sein fulminantes Ende detailliert zu studieren, aber auch weit genug weg, dass der Strahlungsausbruch keine Gefahr für die Erde darstellen würde. Es wäre lediglich ein Leuchten am Himmel zu sehen, das ein paar Wochen oder Monate lang dem Mond Konkurrenz machen könnte, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verblassen.

Die Fakten dürften all die Untergangspropheten da draußen nicht davon abhalten, wieder einmal die Apokalypse auszurufen. Noch mehr Durchgeknalltheit kann die Menschheit aber gerade wirklich nicht brauchen – deshalb sollte man Beteigeuze lieber noch einen langen Lebensabend wünschen, statt auf die große Show am Himmel zu hoffen.