Die Covid-19-Pandemie wird die ­finanziellen Schwierigkeiten der kubanischen Regierung verschärfen

Ärzte als Exportprodukt

Seit Monaten droht Kuba die Zahlungsunfähigkeit. Die Covid-19-Pandemie wird die finanziellen Schwierigkeiten verschärfen – die zu umstrittenen Entschei­dungen beigetragen haben.

Die Schulen seien nicht geschlossen, der öffentliche Nahverkehr funktioniere schlecht und recht wie immer, und nur Kulturveranstaltungen seien derzeit ausgesetzt, berichtet Omar Everleny Pérez über die derzeitige Situation in Havanna. »Hier herrscht angespannte Normalität. Die Pandemie Corvid-19 ist ein Thema, aber nicht das dominierende«, so der Ökonom, der als unabhängiger Analyst in Havanna lebt. Der Alltag der Bevölkerung sei vor allem bestimmt von der täglichen Jagd nach Lebensmitteln. »Die Lücken in den Regalen sind immens. Huhn, früher überall zu bekommen, gibt es kaum. Überall stehen die Leute Schlange und Tomatenpüree sowie Wasch- und Reinigungsmittel sind ebenfalls knapp.« Der Regierung fehlen die Devisen, um benötigte Produkte, und dazu gehören auch Lebensmittel, zu importieren. Eventuell ein Grund, weshalb Kuba anders als die Nachbarländer Jamaika und Dominikanische Republik nicht sofort entschieden hat, die Grenzen zu schließen, so Pérez. »Der Tourismus ist derzeit die wichtigste Devisenquelle, deshalb sind die Flug- und Seehäfen erst ab diesem Dienstag geschlossen.« Die Schließung wurde am Freitag voriger Woche nach viel Kritik in den sozialen Medien angekündigt. Drei Wochen ist die Einreise vorerst nicht möglich, die rund 60 000 Touristen auf der Insel sollen in den kommenden Tagen ausgeflogen werden – nach Spanien, Italien sowie Kanada, woher das Gros der Besucher kommt.

UN-Angaben zufolge beliefen sich die Deviseneinnahmen aus den medizinischen Dienstleistungen Kubas 2017 auf fast elf Milliarden US-Dollar.

Die Kritiker der Regierung halten die Entscheidung für überfällig, wie Foren unter dem Hashtag #CierraLaMuralla (Schließ’ die Mauer) zeigen. Der Ökonom Pedro Monreal beispielsweise beklagte auf Twitter, dass das Risiko eingegangen werde, die Zahl der Infizierten durch den Tourismus zu erhöhen. Monreal, der als Ökonom für eine UN-Organisation in Paris arbeitet, kennt die finanziellen Nöte der kubanischen Regierung, die am Rande der Zahlungsunfähigkeit steht. So konnte die Kuba Verbindlichkeiten beim sogenannten Pariser Club, einer informellen Vereinigung staatlicher Gläubiger, nicht fristgerecht bedienen. Die Zahlungen sollen nach Angaben der zuständigen Ministerien im Mai erfolgen.

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Diese Verpflichtung sei kaum einzuhalten, da der Tourismus als wichtigste Devisenquelle ausfallen werde, prognostiziert Omar Everleny Pérez. Andere Möglichkeiten, an Devisen zu kommen, sind jedoch rar. Einzig die pharmazeutische Industrie sowie die Entsendung von Medizinern und Pflegepersonal ins Ausland könnten derzeit für entsprechende Einnahmen sorgen. Kuba produziert mit Interferon alpha-2b eines der Medikamente, die zu den rund 30 Präparaten gehören, die in China bei der Covid-19-Therapie eingesetzt wurden. Deshalb sei die Nachfrage gestiegen, berichtete das Zentrum für Genetik und Biotechnologie (CIGB), Kubas wichtigste Forschungs- und Entwicklungseinrichtung im biotechnologischen Sektor. Das Interferon stärke die körpereigene Immunabwehr, die die Viren angriffen, so die Experten in Kuba. Dort ist Interferon alpha-2b eines von 22 Präparaten, die gegen Covid-19 eingesetzt werden sollen und mit Hochdruck in der pharmazeutischen Industrie produziert werden, um landesweit verfügbar zu sein und zugleich die Nachfrage aus dem Ausland zu decken.
Die Ärzte der Insel befinden sich in Alarmbereitschaft. Am Sonntag gab es dem kubanischen Internetportal »Cubadebate« zufolge 35 an Covid-19 erkrankte Patienten, 954 weitere befanden sich in Quarantäne, darunter 255 Menschen ausländischer Herkunft und 727 aus Kuba. Bei den ersten nachgewiesenen Coronainfektionen auf der Insel handelte es sich um Patienten ausländischer Herkunft oder um jüngst aus Krisenregionen zurückgekehrte Kubanerinnen und Kubaner. Doch das hat sich geändert. Unter den Infektionsfällen, die bis Sonntag bekannt waren, befinden sich nun auch Kubanerinnen und Kubaner, die sich auf der Insel infiziert haben müssen, meist bei Menschen aus dem Ausland oder mit Auslandsaufenthalten. Ob das zum Umdenken der Verantwortlichen beigetragen hat, ist unklar, aber wahrscheinlich.

Derweil laufen am Institut für Tropenmedizin Pedro Kourí (IPK) auf Hochdruck Weiterbildungskurse für Ärzte und Pflegepersonal in Sachen Covid-19. Einige sollen ins Ausland gehen, um zu helfen, andere sollen auf der Insel Dienst tun. Zu Ersteren zählt eine Gruppe von 52 Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegepersonal, die am Samstag in Italien ankam. »Die Armee der weißen Kittel« nannte Fidel Castro diese Hilfsbrigaden, die seit Mitte der sechziger Jahre im Ausland helfen. Schlagzeilen macht der Einsatz der medicos cubanos 2014 in Westafrika während der Ebola-Epidemie, die Weltgesundheitsorganisation bescheinigte ihnen, exzellente Arbeit geleistet zu haben. Das könnte sich in der Covid-19-Pandemie wiederholen, wenn Gesundheitssysteme zu kollabieren drohen, wie derzeit in Italien.

Bei einer weiteren Verbreitung des Coronavirus droht ein solcher Zusammenbruch auch in anderen Weltgegenden, wo die kubanischen Brigaden bereits im Einsatz waren, wie in Afrika, Lateinamerika oder der Karibik. Dort erfassen die Gesundheitssystem oft nicht das ganze Land und sind meist schlecht ausgestattet. Für Kuba ist das eine Chance, denn die Insel hat verhältnismäßig mehr Ärzte (neun pro 1 000 Einwohner) als so ziemlich jedes andere Land. In Venezuela, Brasilien und anderen Ländern haben Mediziner aus Kuba in den vergangenen 20 Jahren Dienst getan – und Deviseneinnahmen für die Inselökonomie generiert. Der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD) zufolge beliefen sich die Deviseneinnahmen aus den medizinischen Dienstleistungen Kubas im Jahr 2017 auf fast elf Milliarden US-Dollar. Bei traditionellen Exportprodukten wie Zucker, Tabak, Nickel und auch Rum waren es 2018 kaum drei Milliarden US-Dollar – Tendenz sinkend.

Wegen der Krise in Venezuela, wo Schätzungen zufolge 20 000 kubanische »Weißkittel« im Einsatz sind, und wegen des Endes der Verträge mit Brasilien und Bolivien nimmt die kubanische Regierung gegenwärtig deutlich weniger Devisen ein. Das könnte sich ändern, und damit rechnen kubanische Experten wie Pérez. »In den vergangenen Jahren sind Reformen ausgeblieben, traditionelle Exporte eingebrochen, so dass die pharmazeutische Industrie und die Gesundheitsbrigaden die einzige Hoffnung darauf darstellen, Einnahmeausfälle ansatzweise zu kompensieren.« Gleichwohl blickt er sorgenvoll in die Zukunft der kubanischen Ökonomie. Die mit der Coronapandemie einhergehende Wirtschaftskrise werde das ohnehin unter den verschärften US-Sanktionen leidende Kuba voll treffen. Lebensmittel, aber auch Hygieneartikel sind schon knapp, finanzielle Reserven nicht vorhanden und die kubanische Regierung improvisiert am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Anders als Venezuela, das den Internationalen Währungsfonds (IWF) bereits – wenn auch erfolglos – um einen Kredit gebeten hat, steht Kuba diese Option nicht zur Verfügung, denn das Land ist kein Mitglied des IWF. Trübe Aussichten, die ihren Teil dazu beitrugen, dass Kuba als einziges Land der Region die Grenzen bis Dienstag offen hielt – ein gesundheitspolitisches Risiko.