Über den Stress sich ungewollt verteilender Erdkrümel im Wohnbereich

Mit Kanonen auf Corona schießen

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 63
Kolumne Von

Wohl dem, der sich jetzt Kleingärtner nennen kann und seinen Garten direkt neben der eigenen Wohnstätte hat. Dort, in meinem safe space, ist Platz für Gedanken der Milde und Güte, aber nicht für Ausgangssperren. Während draußen Krieg gegen Corona geführt wird, habe ich gerade mehrere Reihen dicker Bohnen und Zuckererbsen gelegt und zu Hause auf der Fensterbank in Blumentöpfen Samen von verschiedenen Salatsorten, Gurken und Zucchini zum Vorziehen ausgebracht. Das verursacht leider immer innerhäuslichen Stress, weil zugegebenermaßen ein paar Krümel Erde weder im Blumentopf noch auf der Fensterbank bleiben, sondern sich im ganzen Haus ausbreiten. Währenddessen sehe ich vor meinem inneren Bildschirm bereits die blühende Landschaft meines kleingärtnerischen Kosmos. Vorbildlich und fleckenlos, einfach perfekt.

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Draußen ist allerhand los. Der neoliberale Wicht im französischen Präsidentenamt, Monsieur Macron, redet von Krieg gegen Corona, die deutsche Militärministerin will die Bundeswehr aufmarschieren lassen. Aber warum lässt man meine Freunde, die Jäger, außen vor? Statt auf Wildtiere zu ballern, könnten sie doch mit ihren Laser-Hochpräzisionswaffen das Coronadings angreifen. Jeder Schuss ein Treffer. Und wenn es nicht mit Präzision gelingt, dann eben im Sinne der rückgängig gemachten deutsch-französischen Freundschaft mit brachialer Gewalt, wie damals vor Verdun. Wenn man alles kaputt macht, hat man auch Corona erledigt. Ein logischer und schmerzhafter Befund.

So wie in der vorherigen Ausgabe dieser Kolumne (Jungle World 11/2020) schaue ich zehn Jahre voraus und dann auf die zurückliegenden Jahre. Und ich sehe Erstaunliches: Sowohl das Gesundheitssystem inklusive der Forschung als auch die Züchtung von Saatgut sind allesamt entprivatisiert und in verschiedene Formen von Gemeineigentum überführt worden. Die Weltgesundheitsorganisa­tion, wird von allen Staaten mit ausreichend Mitteln ausgestattet. Das Gesundheitswesen ist weltweit in jedem Land auf einem nie dagewesenen Stand. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist das technisch Machbare für alle zugänglich – rund um den Globus. An Universitäten entstehen in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen Studien en masse, die akribisch und in monotoner Aneinanderreihung von Fakten das zuvor schon bekannte Ergebnis zum x-ten Male wissenschaftlich untermauern: Wie der Kapi­talismus und sein Kumpel und Helfershelfer, der Neoliberalismus, wider besseres Wissen jahrzehntelang wie eine Religion das Leben unserer Vorfahren mit ideologischem Starrsinn prägen konnten.

Und man hat sich von der Politik der Grenzschließungen gelöst, so wie man es in der Coronakrise und 40 Jahre davor bei der Durchsetzung der Atomenergie in Frankreich praktizierte. Damals taten deutsche Politiker von SPD, Union und FDP so, als würde Radioaktivität aus den französischen Atomkraftwerken in Fessenheim am Rhein und den vier Reaktoren in Cattenom an der Mosel an der Grenze halt machen. Und Frankreich richtete an seinen Grenzen geladene Maschinenpistolen auf AKW-Gegner. Heutzutage, im Jahre 2030, wird es immer schwieriger, den Kindern und Heranwachsenden diese gruseligen Geschichten aus der jüngeren und älteren Vergangenheit begreiflich zu machen. Im Internet macht eine Peti­tion die Runde – na so was, Online-Petitionen haben die Krise überlebt –, in der die Freilassung von Jens Spahn gefordert wird. Die Zeit heile alle Wunden, steht in der Petition, und man müsse Vergebung üben. Spahn hatte zehn Jahre zuvor, trotz bekannter Fakten aus China und Italien, erst arg spät etwas gegen die Ausbreitung der Coronaseuche unternommen, viele Tage vertrödelt und zunächst noch Veranstaltungen mit bis zu 1 000 Personen zugelassen. Eine Delegation aus ergrauten Würdenträgern aus CDU und SPD ließ sich auf die Audienzliste des Bundeskanzlers Robert Habeck setzen und hofft noch diese Woche, vorgelassen zu werden. Sie wollen dann um Gnade für Spahn bitten.

Er kann meinetwegen zur Buße in meinem Garten arbeiten. Mich als Kleingärtner wird es ewig geben und ich habe zugestimmt, mich mit Herzblut um seine Resozialisierung zu kümmern, damit die geläuterte Gesellschaft mit biblischer Geste ihren verlorenen Sohn wieder zurückbekommt. Seit Habeck Bundeskanzler ist, und auch von mir als Vorsitzendem der VKP (Vereinigten Kleingärtnerpartei) mitgewählt wurde, bin ich schließlich der Spiritus Rector von allen und allem, sozusagen die ideengeschichtliche Erfüllung der »Celluloid Heroes«, die, wie The Kinks wussten, niemals sterben. Der Song wurde Anfang der siebziger Jahres des 20. Jahrhunderts aufgenommen, lange bevor die Coronakrise über die Welt kam. In diesem Sinne: Freies Geleit für Jens Spahn!