Homestory #14

Sonderbar an der gegenwärtigen Krise ist die Kombination von Allgegenwärtigkeit und Unsichtbarkeit. Alles hat sich sehr schnell ge­ändert, aber man kann vieles davon mit dem bloßen Auge nicht erkennen – allen voran die Viren der Unterart Sars-CoV-2, mit denen alles anfing. Die Berliner Stadtteile Neukölln und Kreuzberg, in denen viele Redakteurinnen und Redakteure dieser Zeitung ihr Homeoffice betreiben, erinnern vor allem nachts an längst vergangene Zeiten, als Touristen und sogenannte Expats eher ein Phänomen in unendlich weit entfernten Bezirken wie Mitte oder Prenzlauer Berg waren. Wenn man spazierend oder zum Einkaufen seine Runde dreht, weichen die Menschen immer häufiger respektvoll aus, auf den Straßen muss man beim Fahrradfahren nicht mehr um sein Leben fürchten. Man müsste kein knurriger Berliner Touristenhasser sein, um der Situation auch etwas Positives abzugewinnen – wüsste man nicht von überlasteten Gesundheitssystemen, elf Millionen arbeitslosen Wanderarbeitern in Indien, der Lage der Flüchtlinge auf Lesbos und anderswo und einer drohenden Weltwirtschaftskrise von vielleicht nie dagewesenem Ausmaß.

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Schon die Berichte, die man von Freundinnen und Freunden aus Italien oder Süddeutschland erhält, sind nicht ermutigend. Und während gerade Familien an der gemeinsamen Isolation leiden, sind in vielen linken Wohngemeinschaften erbitterte Kämpfe ob des richtigen Umgangs mit der Pandemie entbrannt. Wer darf noch zu Besuch kommen? Ist es in Ordnung, nicht in der WG lebende Partnerinnen und Partner zu besuchen? Müssen die Kleider bei Betreten der Wohnräume gewechselt werden? Sind Desinfektionsschleusen erforderlich? Über solche Fragen und deren Berechtigung wird derzeit hart gestritten, so hört man häufig.

Trotz all dieser beunruhigenden Entwicklungen ertappt sich auch der eine oder andere Jungle World-Redakteur schon einmal bei dem bösen Gedanken, dass der alltägliche Ausnahmezustand sich bisher zumeist recht erträglich gestaltet. Die eine oder andere Veränderung sollte vielleicht auch nach dessen Beendigung beibehalten werden. Schnell und vergleichsweise reibungslos gelang, vor allem dank des unermüdlichen Einsatzes des EDV-Spezialisten, die Verlagerung des Produktionsprozesses ins Homeoffice. Die Kommunikation findet nun in Telefonkonferenzen und Chatgruppen statt. Vor allem verschwand das mühsame und so manchem Redaktionsmitglied schon länger reichlich anachronistisch erscheinende Verfahren, dem Lektorat Korrekturfahnen auf Papier zu überreichen, um dann die mit Rotstift eingetragenen Korrekturen in ein digitales Dokument einzutragen. Eine heilige Kuh, die der Notschlachtung zum Opfer fiel. Und zwar über Nacht. Das neue, gänzlich digitale Verfahren ist merkbar schneller – zwar nicht für das Lektorat, aber für die Kolleginnen und Kollegen, die zuvor die Korrekturen abtippen mussten. Es mag auch geholfen haben, dass ein beflissener Lektor einen Teil seiner montäglichen Arbeit derzeit bereits am Sonntag erledigt – das Homeoffice kennt schließlich keine Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit.