Ein Treffen mit dem letzten radikalen Theatermacher Deutschlands, Frank Castorf

Die Bretter, die den Sarg bedeuten

Die preisgekrönte Reportage Von

»Ich arbeite jetzt knapp 50 Jahre am Theater, glauben Sie, ich habe noch irgendwelchen Lebenswillen in mir? Oder mein Publikum?« Es ist ein stilles Hinterzimmer, irgendwo in der Nähe der Berliner Volksbühne. Hinter einer Wolke aus Körpergeruch und Haaren kann man die schemenhaften Umrisse der Regielegende Frank Castorf erkennen. Zur Begrüßung spuckt er in die Hand und wischt uns damit im Gesicht herum: »Ja, so sagen wir nun mal ›hallo‹ bei uns daheim! Rümpfen Sie ruhig die Nase, das ist mir egal.« Der ehemalige Intendant der Berliner Volksbühne hat zum Hintergrundgespräch geladen: »Man muss ja leider wieder aufpassen, was man sagt. Überall sind Mikrophone, zum Beispiel Ihres oder das von Spiegel Online

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Ist Frank Castorf nur einer von ­vielen älteren Prominenten, bei denen in der Krise die Maske fällt und verschwörerisches Gerede zutage kommt – oder ein streitbarer Intellektueller, der mit scharfen Pointen zum Nachdenken anregen will? »Na klaro! Ich bin beides! Drunter mache ich es nicht. Ich lasse mich von den Herrschenden nicht unter Wert verkaufen.« Nach einem Interview mit Spiegel Online, in welchem sich der Theatermacher unter anderem mit Donald Trump solidarisierte und Angela Merkel vorwarf, ihn zum Händewaschen zu zwingen, regnete es Kritik – für Castorf nur Ansporn: »Ich habe seit zehn Wochen nicht mehr geduscht, aus Protest gegen das Merkel-Regime! Da kann sie mal schauen, da bin ich ganz der unbeugsame Theatermensch.«

Castorf – schon immer im Konflikt mit den Herrschenden. »Ich erinnere mich noch, praktische Führerscheinprüfung 1970. Plötzlich fragt mich der Prüfer, ob ich schon mal was von ›rechts vor links‹ gehört hätte. Da wurde ich stutzig. Dass eine Himmelsrichtung der anderen bevorzugt wird, so etwas lehne ich ab. Nicht mit mir, habe ich gesagt, und bin ausgestiegen, bei laufendem Motor. Da lasse ich mir auch nichts von sogenannten ›Experten‹, ›Ärzten‹ oder ›Fahrlehrern‹ sagen! Ich gehe meinen eigenen Weg in den Tod.«

Frank Castorf scheint die Krise persönlich zu nehmen. »Erst wollen sie mir angeblich das Leben retten, jetzt, nach meinem Interview, wollen mich alle umbringen! Da muss es doch einen Mittelweg geben.« Ob er etwas an seinen Aussagen zu Trump zurücknehmen möchte? »Keine Spur! Trump geht es ein bisschen wie mir: in eine Ecke gedrängt, machtlos, vergessen. Wenn du nicht mehr gehört wirst, ist der Atomkoffer für Künstler wie uns beide nur ein schwacher Trost!«

 

Aus der Urteilsbegründung:
Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.