Das neue Album von Coriky, der Band des Ex-Fugazi-Gitarristen Ian MacKaye

Neue Wege in Washington

Coriky, das derzeitige Bandprojekt des ehemaligen Fugazi-Gitarristen und Eigners des Dischord-Labels, Ian MacKaye, nimmt viele Anleihen beim Post-Hardcore der achtziger Jahre aus Washington, D.C., entwickelt ihn aber auch weiter.

Erst erklingen leicht verzerrte Gitarrenakkorde, dann schiebt sich ein grooviger, hüpfender Basslauf in den Vordergrund. Es folgen ein betonter Schlag auf die Snare – und ein Break. Der Staccato-Bass, die Pause als Stilmittel, all das kommt einem bekannt vor. Noch ehe Ian MacKaye und Amy Farina im Zwiegesang die ersten Verse singen (»Beautiful is dirtier / beautiful is blurrier«), sind die ­Assoziationen da: So klingt nur D.C.-Post-­Hard­core, so klingt nur jener Musikstil, der sich im Umfeld des ­Labels Dischord in Washington, D.C. seit den frühen achtziger Jahren entwickelt hat.

Keine Überraschung sind die Haltung und der Gestus, mit denen die Band Coriky auftritt. Wie schon bei der Vorgängerband Fugazi beschränkt man die Außendarstellung auf das Nötigste.

Der Song, um den es hier geht, heißt »Say Yes« und findet sich auf dem Debütalbum der Band Coriky. Coriky sind ein bereits seit 2015 bestehendes Trio aus Washington, D.C., in dem Ian MacKaye (Gitarre, Gesang) und Joe Lally (Bass), beide ehemals Kollegen bei Fugazi, mit Amy Farina (Schlagzeug, Gesang) gemeinsame Sache machen. Kein Wunder also, dass »Say Yes« mit diesem break­reichen, funkigen und noisigen Klang deutlich an Fugazi erinnert. Und es gibt noch eine weitere Vor­gängerband aus dem Hause Dischord Records, die in Coriky gewissermaßen ihre Fortsetzung findet: Unter dem Alias The Evens haben MacKaye und Farina (ehemals The Warmers und Ted Leo and the Pharmacists) als Duo in den Jahren 2001 bis 2012 insgesamt drei Alben veröffentlicht, die musikalisch zwischen Singer / Songwriter und Indierock angesiedelt sind. Auch diesen Sound greifen die beiden nun wieder auf, etwa im hypereingängigen »Clean Kill«, der ersten Single aus dem Album.

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Dem Bandnamen kommt übrigens keine größere Bedeutung zu, es scheint ein reiner Phantasiename zu sein. »Alle guten Bandnamen ­waren schon vergeben, und die Bands haben alle Anwälte«, merkte MacKaye jedenfalls bei einem Konzert in Washington an; kurz darauf hieß es, ein Würfelspiel namens ­Coriky sei in der D.C.-Punkszene ziemlich beliebt gewesen – der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist unbekannt.

Und das Album, ist es der große Wurf? Nun, auf jeden Fall ist es weit mehr als ein Projekt altgedienter Szene-Recken die ein Album veröffentlichen, weil sie sich einen Namen gemacht haben und über die nötige Infrastruktur verfügen. Im Gegenteil, es gibt etwas zu sagen: Die Mehrzahl der elf Tracks ist dezidiert politisch, in Teilen klingt es wie eine aus dieser Szene überfällige Unmutsbekundung über den Zustand der USA unter Trump.

In dem ruhigen, melancholischen Song »Have a Cup of Tea« benennen Coriky zum Beispiel realistisch den Schaden, den die Demokratie in den Vereinigten Staaten seither genommen hat (»Damage has been done / (…) poison ever flowing / living with the enemy«), das Stück endet mit einer für MacKaye typischen positiven Volte: »What has grown / can be disowned / It’s not what you found / but what can be found in you«. Den Tag der Amtseinführung Trumps, den 20. Januar 2017, beschreibt MacKaye als Schockmoment für die Stadt. »There’s some people here to see you / I don’t think they agree with you / one hundred thousand strong / standing out on the lawn«, heißt es in im mitgröltauglichen Chorus von ­»Inauguration Day« über die Präsidentenparade. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung der Hauptstadt Washington muss sich die Präsidentschaft Trumps und seine Präsenz im Weißen Haus tatsächlich wie ein »living with the enemy« anfühlen: in dem liberalen District of Columbia, in dem Washington liegt, stimmten 2016 nur ganze 4,1 Prozent der Wähler für Trump und über 90 Prozent für Hillary Clinton.

Auch zu Social Media und Newsfeeds, der Macht der Algorithmen und dem Einfluss der Omnipräsenz von Medien auf das menschliche Verhalten äußern sich Coriky und MacKaye. »BQM« (für »Business Quality Messaging«) ist der vielleicht stärkste Text des Albums, mit seinen Wiederholungen bildet er sprachlich nach, wie Hirne sich vernebeln: »It’s confusing because it’s confusing / just take a look at the look on your face / there was a book about human behaviour / turned out that none of it was true«, singt MacKaye, um kurz darauf zu konstatieren: »The current current is over my head«. Auch »BQM« klingt wie eine abgespeckte Version eines Fugazi-Songs.

Coriky musikalisch aber nur als Fortführung der vorherigen Bands des Trios zu verstehen, würde zu kurz greifen. Das gleichnamige Album lotet auch aus, in welche Richtungen der D.C.-Sound sich im Jahr 2020 noch weiterentwickeln kann. Überraschend in dieser Hinsicht ist etwa das abschließende Stück »Woulda Coulda«, das mit Gospelgesang und Americana-Anleihen aufwartet und sich auch textlich in die Tradition der Afro-American Spirituals zu stellen scheint (»We are out of water / we are out of running water«, singt Farina). Sowieso spielt der mehrstimmige Gesang eine gewichtige Rolle, »Last Thing« zum Beispiel ­basiert auf dem Wechselgesang der Musikerinnen und Musiker. Das ­unkonventionelle Schlagzeugspiel Farinas bringt zudem immer mal wieder überraschende Anteile von Jazz und freier Musik mit ein.

Weniger überraschend ist, mit welcher Haltung und welchem Gestus die Band auftritt. Wie schon bei Fugazi beschränkt man die Außendarstellung auf das Nötigste – Text und Musik – und verzichtet auf Videos, Merchandise und Marketing. Hübsch lakonisch ist so auch die erste Pressemitteilung zum Release: »Coriky is a band from Washington, D.C. Amy ­Farina plays drums. Joe Lally plays bass. Ian MacKaye plays guitar. All sing.«

Das verrät natürlich auch einiges über die Philosophie des Labels Dischord. MacKaye und Jeff Nelson, die die Plattenfirma zusammen ­betreiben, hielten schon immer größtmögliche Distanz zum großen ­Musik-Business und dessen Mechanismen – das hat sich in den vergangenen knapp 40 Jahren kaum geändert. Dafür hat sich aber der Kreis an Musikerinnen und Musikern, die auf dem Label veröffentlichen, seit der Jahrtausendwende auch nicht wesentlich erweitert. Größenteils hat man das – allerdings immense – Erbe verwaltet, für jüngere lokale Bands ist Dischord nicht unbedingt eine Adresse. »Coriky« ist eine recht typische Dischord-Veröffentlichung, das Label war schon immer bekannt dafür, Punk, Hardcore und D.I.Y. Genreübergreifend zu definieren. Und was MacKaye kürzlich in ­einem Interview über die Entstehung und Entwicklung der Szene sagte, trifft auch auf seine neue Band zu: »Die Punkszene in der Stadt war schon immer sehr bodenständig. Es war einheimische Musik, gemacht von Menschen, die über ihr Leben und über ihr Umfeld singen. Es war Folk Music im wahrsten Sinne des Wortes.«

Die Gospel-Anspielungen und die Anti-Trump-Songs verweisen deutlich auf diesen Folk-Aspekt bei Coriky. Einige Tracks – etwa »Too Many Husbands«, »Jack Says« oder »Shedileebop« – bleiben etwas unter dem insgesamt hohen Niveau des Albums und sind verzichtbar. Entschädigt aber wird man mit einigen der besten Songs, die man von den alten D.C.-Helden seit langer Zeit gehört hat.

Coriky: Coriky (Dischord/Cargo)