Homestory #24

Drei Monate – im Zeitungsgeschäft ist das eine halbe Ewigkeit. Stets soll es nur der allerneuste, allerheißeste Scheiß sein, und was vor drei Monaten geschehen ist, liegt da so lange zurück, dass sich Journalistinnen und Journalisten, Redakteurinnen und Redakteure kaum mehr daran erinnern können. Die Redaktion der Jungle World befindet sich mittlerweile seit drei Monaten im Homeoffice. Auch da wird so manche Erinnerung allmählich blass. Dank regelmäßiger Telefonkonferenzen hören wir die aus der Redaktion vertrauten Stimmen zwar weiterhin. Aber wie sehen die zu den Stimmen gehörenden Kolleginnen und Kollegen nochmal aus?

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Um diese Frage zu beantworten, kam es in der vergangenen Woche zu einem denkwürdigen Ereignis: Nach der rigiden dreimonatigen Kontaktsperre trafen sich acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jungle World im Görlitzer Park auf ein Feierabendgetränk – also unter freiem Himmel und Wahrung des empfohlenen Abstands. Rein äußerlich hatten die erschwerten Bedingungen der vergangenen Monate keine Spuren bei den Anwesenden hinterlassen, lediglich die ungewohnt üppige Haarpracht eines Redakteurs erinnerte noch an die Wochen, in denen die Friseurgeschäfte geschlossen hatten. Spurlos ging die bisherige Zeit im Homeoffice allerdings nicht an den Redaktionsmitgliedern vorbei: Wer zu Hause täglich stundenlang an einem improvisierten Arbeitsplatz sitzt, merkt spätestens nach drei Monaten, dass der Rücken nicht alles ohne Weiteres mitmacht. Wer neben dem Homeoffice noch für das Homeschooling zu sorgen hat, merkt, dass die eigenen Nerven nicht alles ohne Weiteres mitmachen – dagegen hilft nicht einmal Homedrinking.

Doch insgesamt, das lässt sich festhalten, ist die Redaktion glimpflich durch die vergangenen drei Monate gekommen. Das gilt wohl auch für Europa, wie eine Anfang der Woche im Magazin ­Nature veröffentlichte Studie nahelegt. Den Forschern vom Imperial College London zufolge hätten ohne die Grenzschließungen, ­Kontaktbeschränkungen und -sperren sowie die Schließung von Schulen und Universitäten in elf untersuchten europäischen ­Ländern bis zu 3,1 Millionen Menschen mehr sterben können. Angesichts solcher Zahlen lässt sich auch ein gelegentliches Ziepen im vom Homeoffice geplagten Rücken verschmerzen.