Kommentar zu den Vorwürfen der Transphobie gegen J.K. Rowling

Feminismus als Hass

Die Kritik an J. K. Rowling ist unfair und übertrieben. Wer die Existenz von Geschlecht nicht anzweifelt, ist keineswegs automatisch transfeindlich.
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»Transfeindlich«, »transphob« oder gar ähnlich spalterisch wie Trump: Mit solch heftigen Worten wurde in der vergangenen Woche nicht etwa eine Person wie Beatrix von Storch gebrandmarkt. Diese Vorwürfe galten vielmehr der linksliberalen Schriftstellerin Joanne K. Rowling, und sie stammen nicht aus den Tiefen des Internets, sondern aus ­großen deutschen Tageszeitungen wie der Taz.

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Transfeindlich? Man kann über die Unerbittlichkeit dieses Vorwurfs aufgrund dessen, was Rowling auf Twitter und später in einem Essay auf ihrer Homepage verlautbarte, nur ungläubig den Kopf schütteln. Da stehen zum Beispiel Sätze wie dieser: »Ich respektiere das Recht jedes Transmenschen, so zu leben, wie es sich für sie authentisch und angenehm anfühlt. Ich demonstriere mit euch, wenn ihr diskriminiert werdet, weil ihr trans seid.« In weiser Voraussicht, dass sie im Umfeld von Twitter als Transfeindin bezeichnet werden würde, erklärte sie, wieso sie dies nicht ist: »Der Gedanke, dass Frauen wie ich, die seit Jahrzehnten einfühlsam gegenüber Transmenschen sind und eine Verwandtschaft mit ihnen fühlen, weil sie genauso verwundbar durch männliche Gewalt sind wie Frauen, Transfrauen hassen, weil sie denken, dass Geschlecht real ist und gelebte Konsequenzen hat, ist Unsinn.«

»Sex is real« – diese Worte hatten Rowling schon vor ein paar Monaten eine Kontroverse eingebracht, als sie ihre Solidarität mit der Ökonomin Maya For­stater ausdrückte, deren Arbeitsvertrag bei einer britischen Denkfabrik nicht verlängert worden war, nachdem sie auf ihrem privaten Twitter-Account Sätze wie »Ich glaube nicht, dass ›Frau­sein‹ eine Frage der Identität oder weiblicher Gefühle ist« veröffentlicht hatte. »Mein Leben wurde dadurch geformt, dass ich weiblich bin, ich glaube nicht, dass es hasserfüllt ist, dies zu sagen«, twitterte Rowling nun, am 7. Juni.

Dass sie auf dieser Tatsache ihres Lebens insistiert, liegt nahe: Bevor sie mit der Harry-Potter-Reihe reich und berühmt wurde, war sie alleinerziehend und arbeitslos; ein Schicksal, das nun wahrlich fast ausschließlich Frauen trifft. Auch sexuelle Gewalt betrifft ganz überwiegend Frauen, und auch diese hat Rowling am eigenen Leib erfahren, wie sie in ihrem Essay schrieb. Wenn jetzt der Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe einen Text gegen Rowling veröffentlicht und mit den Worten »Transfrauen sind Frauen« zitiert wird, zeugt das nur davon, dass er nicht verstanden hat, was Rowling sagen wollte. Sie hat nicht bestritten, dass Transfrauen kulturell, und nach operativen Eingriffen auch anatomisch, Frauen sind.

Es ist eklig und falsch, wenn Transfrauen absichtlich mit dem falschen Pronomen angesprochen werden. Auch Rowling sieht das so. Was sie kritisiert ist die mittlerweile in großen Teilen des Transaktivismus herrschende Ansicht, dass ­biologisches Geschlecht überhaupt nicht existiere und dass Transfrauen beispielsweise menstruieren könnten. Wäre es so, wie es dieser Geschlechtsvoluntarismus will, dann könnten, wie Rowling es ausdrückte, weder Frauen noch Homosexuelle sinnvoll über ihr Leben diskutieren; auch gäbe es faktisch keine Transmenschen, denn diese machen ja für gewöhnlich eine Transition vom einen zum anderen Geschlecht – Binarität pur, wenn man so will. Überdies verleugnet diese Position die Frauenunterdrückung weltweit, denn diese trifft eine Person nicht deswegen, weil sie sich als Frau identifiziert, sondern aufgrund ihrer körperlichen Merkmale: Weil sie eine Frau ist. Frauen sind, wie Rowling in ihrem Essay ausführte, auch ganz anders als Männer von Krankheiten wie Multipler Sklerose betroffen. Verzichtete man auf diese Unterscheidung, wäre medizinische Forschung nur noch mit erheblichen Einschränkungen möglich.

Der Grund, aus dem Feministinnen, darunter auch Transmenschen, auf der Realität von Geschlecht insistieren, ist nicht, Transmenschen herabzusetzen oder zu diffamieren oder weil sie ­Geschlecht für eine tolle Sache halten. Sie tun dies vielmehr, um Misogynie präzise zu verstehen und zu kritisieren, und auch, um mit ihrer eigenen geschlechtlichen Verfasstheit umzugehen – so auch Rowling, die in ihrem langen Text auch davon erzählt, wie unwohl sie sich als Teenager mit ihrem Körper gefühlt habe. Diffamiert wird von anderer Seite: Bei Twitter konnte man zahllose Schmähungen Rowlings lesen, in denen sie immer wieder als »bitch« und als »cunt« bezeichnet wurde. »J. K. Rowling can suck my dick«, so der Tenor bei vielen. Diese Tweets sind keine Einzelfälle: Auf der Plattform Medium.com zeigt ein Blogeintrag knapp über 120 Postings dieser Art, deren Skandalisierung ausbleibt und deren Legitimität als Gegenwehr gegen die angeblich transfeindliche Rowling nicht angezweifelt wird. Die offenste misogyne Schmähung scheint diesem Milieu mittlerweile recht zu sein.

»Ich kenne und liebe Transmenschen«, twitterte Rowling am 7. Juni. Dennoch kann sie ihre differenzierte, ruhige und klare Kritik an einem Teil des Transaktivismus nicht äußern, ohne nicht nur auf Twitter, sondern auch in den Zeitungen als Trans­hasserin bezeichnet zu werden. Wer den Ton dieser Aussage albern und paternalistisch findet, sollte auf das Twitter-Profil von Emma Watson gehen: Die distanzierte sich von Rowling,mit denselben Worten, nämlich, dass sie Transmenschen liebe. Einen Shitstorm hat sie für diese Aussage nicht geerntet.

Der Streit über das Geschlecht ist längst kein Streit mehr: Er ist ein Kampf um Deutungshoheit, bei dem Transaktivisten andere, vor allem feministische, Positionen als Hass darstellen, und zwar unabhängig davon, wer die Position formuliert hat, wie sie artikuliert wurde und was die Gründe für sie sind. Man nennt es auch cancel culture.

Rowling hingegen versucht sich an einem Feminismus, der Frauen wie Transmenschen im Blick hat, die Unterschiede zwischen ihnen aber nicht leugnet, da diese Auswirkungen auf beide haben. In einem Satz: Frauen werden vor allem aufgrund ihrer Reproduktionsorgane unterdrückt, Transfrauen nicht. Die Diskriminierung beider geht in erster ­Linie von reaktionären Männern aus. Die gilt es zu kritisieren – nicht eine Feministin wie J. K. Rowling.