Endlich wieder Schul­türen zuschlagen

Wünsche werden wahr

Klassenkampf Von

Berlin steht, als diese Kolumne geschrieben wird, kurz vor den Sommerferien. Deren Nahen ist für mich vor allem deswegen greifbar, weil die Flut von Arbeitsergebnissen, die meinen Posteingang bis vor kurzem regelmäßig zum Überlaufen brachte, einer Flut von E-Mails gewichen ist, in denen nach Noten gefragt oder über Noten geklagt wird. Und das ist wirklich mal ein positiver Aspekt, den ich dem Ganzen abgewinnen kann: nicht die Rückbesinnung auf die wahren Werte, das Erkennen der Notwendigkeit zwischenmenschlichen Beisammenseins oder tiefe spirituelle Einsichten, sondern dass das Feilschen um Noten in diesem Jahr per E-Mail absolviert wird. Das ist toll, weil alle viel weniger aufgeregt sind als sonst und sich genau überlegen, was sie schreiben, das geschriebene Wort bleibt ja nachweisbar. Beschimpfungen, Drohungen und sinnloses Quengeln machen sich also schlecht, während Herumschreien, Fußstampfen und Türenschlagen sogar unmöglich sind. Und die Kinder reißen sich natürlich auch viel mehr zusammen. Eine rundum erfreuliche Entwicklung also.

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Während das Schuljahr sich seinem absehbaren Ende entgegenschleppt und sich viele Menschen auf sechs Wochen freuen, in denen nicht permanent diskutiert wird, ob man genug verschiedene digitale Medien eingesetzt, zu viele oder zu wenige Videokonferenzen auf der falschen oder genau der richtigen Plattform abgehalten hat und wann die Schule endlich wieder normal wird, war der Berliner Senat offenbar traurig, dass er nicht, so wie Niedersachsen zum Beispiel, die Wiedereröffnung des Regelbetriebs verkünden durfte. Deswegen hat er es einfach trotzdem gemacht. Für den Zeitraum nach den Sommerferien halt und insofern ohne Kenntnis irgendwelcher Fallzahlen oder Infektionsrisiken bei der Wiedereröffnung, aber WTF und was soll’s, man will auch mal was Gutes verkünden können, wenn man der Berliner Senat ist und es sonst nicht leicht hat, mit einer Tourismusbranche, die auf dem letzten Loch pfeift, Vierteln, in die aufgrund der Übermacht der allgegenwärtigen Autonomen nicht mal mehr die Polizei noch einen Fuß setzen will, und Neukölln halt. Gebt ihm mal eine Pause, dem Berliner Senat, lasst ihn auch mal was Schönes verkünden. Ich finde, es muss auch nicht alles immer Sinn ergeben, wenn man es rational durchdenkt, manche Dinge sind einfach schön und deswegen wahr – man muss nur sehr fest an sie glauben. Und das machen wir jetzt mal alle zusammen: Wir schließen die Augen und glauben sehr fest daran, dass wahr wird, was wir uns wünschen: dass ich bald wieder vor den Kleinen stehen und herumschreien, mit den Füßen stampfen und Türen zuschlagen darf. Das wär’ doch mal was.