Völkische Siedler wollen die ­Hegemonie im ländlichen Raum erringen und ­Umweltgruppen unterwandern

Ausstieg rechts

Die Verbindung von Rechtsextremismus und Umweltschutz hat eine lange Tradition. Völkische Siedler und die Anhänger der Anastasia-Bewegung arbeiten daran, sie durch Siedlungsprojekte wiederaufleben zu lassen.

Der rechtsextreme Rapper Chris Ares will in der Nähe von Dresden eine Kolonie aufbauen; die mittlerweile wegen Terrorverdachts verbotene Organisation »Nordadler« warb für einen Zuzug ins niedersächsische Bad Sachsa; die Organisation »Ein Prozent für unser Land« sammelt Geld, um »patriotische Familien« zu unterstützen, die sich im ländlichen Raum niederlassen wollen: Der Rückzug aufs Land liegt in der rechten Szene im Trend. Er verspricht ein Leben vermeintlich im Einklang mit der Natur und fern von schädlichen Einflüssen.

Völkische Rechtsextreme versuchen, jenseits der städtischen Zentren und fern des staatlichen Zugriffs rechte Rückzugsräume zu schaffen, um darin ungestört ihre Ideologie ausleben zu können.

Die Strategie der völkischen Landnahme wird in der rechten Szene positiv rezipiert und unterstützt. So appellierte der rechtsextreme Publizist Götz Kubitschek bereits 2007 in der Zeitschrift Sezession an junge Familien, leerstehende Gehöfte aufzukaufen und als »Anführer vor Ort« gemeinsam mit den »jungen Männern« rechtsextremer Kameradschaften »etwas aufzubauen« im Sinne des »Nationalen Sozialismus«.

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Die rechte Plattform »Ein Prozent für unser Land« griff Kubitscheks Anregung in den vergangenen Jahren auf und ermunterte junge »Pioniere«, sich im ländlichen Raum anzusiedeln und dort »um landwirtschaftliche Projekte herum« »patriotische Zentren« aufzubauen. Zuletzt entstand mit der Initiative »Zusammenrücken in Mitteldeutschland« eine neue Gruppierung, die dazu auffordert, von »den multiethnischen Gebieten Westdeutschlands in die noch weitgehend autochthon geprägten Regionen Mitteldeutschlands« zu ziehen, um dort »eine Zukunft un­­ter Deutschen aufzubauen«.

Die Vorbilder für diese Bestrebungen sind die sogenannten völkischen Siedler. Abseits von staatlichen Strukturen versuchen diese, im ländlichen Raum eigene Netzwerke aufzubauen und bereits bestehende Strukturen zu unterwandern. Ihre Strategie ist langfristig angelegt und zielt darauf ab, jenseits der städtischen Zentren und fern des staatlichen Zugriffs rechte Rückzugsräume zu schaffen, um darin ungestört ihre Ideologie ausleben zu können. Vor Ort versuchen die Rechten, eine Vormachtstellung und damit politischen Einfluss zu erlangen. Neben Mecklenburg-Vorpommern, das in den neunziger Jahren ein beliebtes Ziel völkischer Siedlungsprojekte war, lässt sich in der jüngeren Zeit vor allem der Nordosten Niedersachsens als Ballungsraum ausmachen.

Die völkische Szene befürwortet ein zurückgezogenes Leben auf dem Land, eine heidnisch-germanische Naturreligion, starre Geschlechterrollen und kinderreiche Familien, um das Fortbestehen des »Volkes« zu sichern. Völkische Personen betreiben häufig ein Handwerk oder ökologische Landwirtschaft, engagieren sich für die Umwelt und werden in den Bildungseinrichtungen ihrer Kinder aktiv. Sie inszenieren sich oft als hilfsbereite Nachbarinnen und Nachbarn oder sorgende Eltern, um in ihrem Umfeld Vertrauen aufzubauen. Ihre völkische Ideologie lassen sie meist erst später durchblicken.

Die völkische Ideologie richtet sich zudem gegen sämtliche Erscheinungsformen der urbanen Moderne, die ihr als »dekadent« und nicht mit der vermeintlich ursprünglichen deutschen Kultur vereinbar gelten. Als Agenten gesellschaftlicher Entwicklungen der Moderne werden Wissenschaftlerinnen, Journalisten und Politikerinnen ausgemacht, die nicht im Sinne des »Volkes« handeln. Oftmals wird behauptet, diese seien von größeren »Mächten« wie der EU, Israel oder den USA gesteuert, die wiederum allesamt mit dem Judentum assoziiert werden.

Der Naturschutz nimmt im völkischen Denken eine wichtige Rolle ein. Die Blut-und-Boden-Ideologie geht davon aus, dass die Menschen mit dem Land, auf dem sie leben, eine untrennbare Einheit bilden. Als Ausdruck dieser Verbindung ließen sich die Charaktereigenschaften und das Aussehen der Mitglieder eines »Volkes« direkt aus dessen Lebensraum ableiten. In dieser Vorstellung existiert ein eindeutiger Ursprung des Volks, der von klaren Naturgesetzen geprägt sei und »rein« erhalten werden müsse. Die Verbindung von ökologischen Themen mit einem völkischen Weltbild hat in Deutschland eine lange Tradition, die mit dem Slogan »Naturschutz ist Heimatschutz« zusammengefasst werden kann.

Mit der Anastasia-Bewegung ist in den vergangenen Jahren eine neue Gruppierung entstanden, in der sich völkische Siedler, Reichsbürger und rechte Esoteriker begegnen. Sie fußt auf einer zehnteiligen Romanreihe des russischen Autoren Wladimir Megre. Die weibliche Hauptfigur dieser Bücher, Anastasia, verfügt über übernatürliche Fähigkeiten: Sie lebt allein in der russischen Taiga, kann mit Tieren reden, ist der Telepathie fähig und kann jeden Menschen auf der Erde heilen. Neben allerhand esoterischem Humbug enthalten die Bücher allerlei menschenfeindliche und diskriminierende Positionen sowie das Konzept der »Familienlandsitze«, die alle Probleme dieser Welt beheben sollen.

In den Romanen legt der Autor seine Weltsicht dar. Die westlichen Staaten bezeichnet er als »Dämon Kratie«, sie würden von sogenannten »Dunkelmächten« gesteuert. Hinter diesen Kräften stünden Oberpriester, welche das »jüdische Volk« erwählt haben, um als ihre »Soldaten« ihr Streben nach der Weltherrschaft zu befördern. Juden wird eine Mitschuld am Holocaust zugeschrieben, da sie »Schuld auf sich geladen« hätten. Neben diesem deutlichen Antisemitismus finden sich in den Büchern auch sexistische Inhalte wie der Mythos der »Telegonie«, nach der der erste Sexualpartner einer Frau dieser einen »Stempel« aufdrücke, welcher dafür sorge, dass ihre späteren Kinder – egal mit welchem Partner – die körperlichen und charakterlichen Eigenschaften des ersten Mannes tragen.

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren eine Szene formiert, welche das Weltbild der Romane in die Realität übertragen will. Derzeit befinden sich zahlreiche auf Selbstversorgung angelegte »Familienlandsitze« in ganz Deutschland im Aufbau. Zudem planen die Anastasianer eigene Schulprojekte, die sich an einem autoritär-nationalistischen Vorbild in Russland orientieren.