Das Vermächtnis des Soziologen Pierre Bourdieu

»Das Ethos des Forschers«

Pierre Bourdieu hat gezeigt, warum es so schwierig ist, dem Arbeitermilieu zu entkommen. In der jüngeren Vergangenheit schien seine Theorie der feinen Unterschiede, die die Gesellschaft stabil halten, Wissenschaftlern wenig zu sagen. Nicht zuletzt durch die Rezeption von Didier Eribon und Annie Ernaux haben die Schriften des 2002 verstorbenen französischen Soziologen nun wieder an Bedeutung gewonnen. Ein Interview mit Franz Schultheis anlässlich des 90. Geburtstags von Pierre Bourdieu am 1. August 2020.
Interview Von

Pierre Bourdieu ist einer der wichtigsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, seine Arbeiten haben die Sozial- und Kultur­theorien der vergangenen Jahrzehnte maßgeblich beeinflusst. Sie haben viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet und eigene Studien auf Grundlage seiner Theorie verfasst. Gibt es ein zentrales Vermächtnis Bourdieus?
Auf den ersten Blick besteht dieses Vermächtnis natürlich in einem Werk von unglaublicher thematischer Breite, methodologischer Vielfalt und sozialtheoretischer Stringenz. Es ist ein Werk, das aus Hunderten Publikationen besteht und in alle erdenklichen Sprachen der Welt übersetzt wurde. Es stellt einen Werkzeugkasten mit Konzepten bereit, die mittlerweile fest im sozialwissenschaftlichen Diskurs etabliert sind. Wichtiger scheint mir noch der spezifische wissenschaftliche Habitus, der dieses Werk generierte, ein von Bourdieu exemplarisch vorgelebtes Ensemble an Haltungen und Praktiken. Während das Werk mittlerweile die zweischneidige Weihe eines »Klassikers« erfahren hat und zu einem Steinbruch für vermeintlich immer neue Interpretationen geworden ist, bleibt das in ihm zur Geltung kommende Ethos des Forschers das lebendige Erbe. Wie Bourdieu zu sagen pflegte: »Forscht selber, statt mich ständig zu zitieren!«

Anzeige

 

»Während Bourdieus Werk mittlerweile die zweischneidige Weihe eines ›Klassikers‹ erfahren hat und zu einem Steinbruch für vermeintlich immer neue Interpretationen geworden ist, bleibt das in ihm zur Geltung kommende Ethos des Forschers das lebendige Erbe. Wie Bourdieu
zu sagen pflegte: ›Forscht selber, statt mich ständig zu zitieren!‹«

 

Bourdieu lehnte sich in seinen soziologischen Arbeiten auch immer wieder an die Klassiker des Fachs an. Von Émile Durkheim übernahm er die Frage nach der Regelhaftigkeit sozialen Handelns, von Max Weber die Bedeutung des Lebensstils für soziale Strukturierung. Bourdieus Klassen- und Kapitalbegriff sind als Modifizierungen der Konzepte von Karl Marx zu begreifen. Aber Bourdieu war kein Marxist. Worin gründet Ihrer Ansicht nach seine Distanz zu marxistischen Theorieannahmen?
Zunächst muss entgegen dieser gängigen Sichtweise betont werden, dass Bourdieu eine grundlegende Revision der Marx’schen Klassen­theorie vorgelegt hat, die viel von deren herrschaftssoziologischen ­Aspekten fortführt, dies allerdings ohne den etwas kruden ökonomischen Determinismus, sondern auf sehr fruchtbare Weise erweitert durch die an Weber angelehnte ­Integration symbolischer und kultureller Grundlagen von gesellschaftlicher Ungleichheit und Herrschaft. Bourdieus frühe Studien zum kolonialisierten Algerien und seine Analyse der zerstörerischen Auswir­kungen eines oktroyierten ­kapitalistischen Wirtschaftssystems ­stehen in bester Tradition einer mit Anleihen bei Weber bereicherten marxistischen Gesellschafts­analyse.
 

Bourdieu hat sich gelegentlich auf Marx bezogen, aber mit An­leihen bei der marxistischen Theorie eher zurückgehalten. Antonio Gramscis Schriften etwa scheint er kaum wahrgenommen zu haben, er erwähnt ihn in »Die feinen Unterschiede« nur ein einziges Mal. Inhaltliche Überschneidungen wie die Aktualisierung des Klassenbegriffs oder die Frage nach den konsensuellen Formen von Herrschaft hätte es genug ­gegeben. Ist das vielleicht auch auf das stark polarisierte intellektuelle Feld im Frankreich der sechziger und siebziger Jahre ­zurückzuführen, in dem Bourdieu einseitigen Vereinnahmungen entgehen wollte?
Tatsächlich herrschte während Bourdieus Studienzeit an der elitären École normale supérieure ein – wie er sagte – »stalinistischer« Konformismus in Bezug auf die das intellektuelle Feld beherrschende Kommunistische Partei, weswegen er gemeinsam mit Jacques Derrida die Initiative zur Gründung eines »Comité pour la Défense des Libertés« ergriff. Auch stand Bourdieus Sicht auf die vermeintlich revolutionäre Kraft des algerischen Subproletariats quer zu der Haltung der damals bestimmenden Propheten der französischen Linken – Fanon und Sartre. Was die seltenen Erwähnungen von noch so wahlverwandten Intellektuellen wie Gramsci in Bourdieus Werken betrifft, so erklärt sich dies wohl aus dem dezidiert empiriebasierten, aus eigenen Forschungen heraus entwickelten sozial- und kulturtheoretischen Perspektiven. Bourdieu vermied weitgehend das für den Homo academicus so typische Ritual beflissener Demonstration von wissenschaftlicher Gelehrtheit und Legitimität in Form auswuchernder Fußnoten voller ­Literaturverweise. Darüber darf aber nicht vergessen werden, dass er eine klassentheoretische Position weiterentwickelt hat, die die marxistische Theorie von ihrem ökonomis­tischen Determinismus befreit und in mancherlei Hinsicht radikalisiert hat.
 

Neben der Neufassung des Klassenbegriffs gehören die Begriffe »Habitus« und »Feld« sicherlich zu den wichtigsten Pfeilern der Bourdieu’schen Theoriearchitektur. Der Habitus soll das bezeichnen, was den Menschen an sozialen Strukturen förmlich in Fleisch und Blut übergangen ist. Ein Feld beschreibt gesellschaftliche Teilbereiche wie Kultur, Ökonomie, Recht, Sport und so weiter. Mit Habitus und Feld hat Bourdieu versucht, dualistische Konzepte in den Sozialwissenschaften zu überwinden: Individuum vs. Gesellschaft, Praxis vs. Struktur, aber auch Basis vs. Überbau. Würden Sie sagen, dass dieser Versuch geglückt ist?
Mir scheint dieser Forschungsansatz in weiten Teilen sehr erfolgreich, überzeugend und als Inspirationsquelle für eine breite scientific community aller sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen, die diese theoretischen, methodischen und forschungsstrategischen Werkzeuge verwendet, weiterhin fruchtbar zu sein. Diese Konzepte darf man jedoch nicht als in Stein gemeißelten und abgeschlossenen Code missverstehen. Bourdieu hat Zeit seines Lebens an ihrer sehr diversifizierenden empirischen Fundierung und begrifflichen Schärfung gearbeitet und erwartete beziehungsweise erhoffte eine ­Fortsetzung dieser undogmatischen Haltung und Praxis bei der Rezep­tion seines Werks.
 

Auf die Rezeption kommen wir noch zu sprechen. Davor würde ich gerne noch einen inhaltlichen Punkt ansprechen, nämlich eine Frage zur Kunst. Bourdieu hat zu keinem der sozialen Felder so ­intensiv gearbeitet wie zu dem der Kunst. Dabei hat er aufgezeigt, wie voraussetzungsreich der Kunstkonsum ist und wie stark er zur Reproduktion sozialer Klassen beiträgt. Am Ende von »Die Regeln der Kunst« (1992) ruft Bourdieu dann in einer »normativen Stellungnahme« zur Ver­teidigung der Kultur gegen das Eindringen der Ökonomie auf. Besteht zwischen diesen beiden Positionen nicht eine ungeheure Spannung, um nicht zu sagen ein unaufgelöster Widerspruch? Sie haben ja selbst zum Feld der Kunst geforscht, vielleicht haben Sie eine vermittelnde Antwort.
Ja, das wirkt ebenso paradox wie Bourdieus über mehrere Jahrzehnte verfolgte Kritik an der Illusion der Chancengleichheit in der Bildung bei gleichzeitiger Verteidigung der Autonomie universitärer Lehre und Forschung gegen ihre ökonomische Instrumentalisierung. Ebenso paradox wirkt die harsche Kritik an der medienwirksamen Selbstinszenierung bestimmter Intellektueller neben seinem großen Einsatz für die Bewahrung der Autonomie des intellektuellen Felds. Bourdieus kritische Aus­einandersetzung mit der von gesellschaftlichen Eliten als symbolisches Kapital zur sozialen Distinktion ge- beziehungsweise missbrauchten Kunst und dem von Inhabern kulturellen Kapitals weitgehend monopolisierten Zugang zur Kunst darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er – wie zum Beispiel in einem publizierten Gespräch mit Hans Haacke dokumentiert ist – in der Kunst wie auch generell im Feld kultureller Praxis eine der kritischen Sozialwissenschaft wahlverwandte Ressource des Widerstands gegen die fortschreitende Ökonomisierung und Entpolitisierung des Gesellschaftlichen sah.
 

»In den achtziger Jahren, als Bourdieus und Ernaux’ Gesellschaftsanalysen in Frankreich zum Standard­repertoire des intellektuellen Lebens gehörten, feierte die deutsche Mainstream-Soziologie das Ende der Klassengesellschaft und den Fahrstuhl nach oben für alle. Jetzt, fast vier Jahrzehnte danach, scheint man sich angesichts wachsender gesellschaftlicher Ungleichheit beim Zugang zu allen Formen an Lebenschancen zu besinnen und die Schwerkraft gesellschaftlicher Reproduktion neu zu entdecken.«
 

Sie haben 2019 ein Buch mit dem Titel »Unternehmen Bourdieu« veröffentlicht, in dem Sie seine Arbeitsweise als eine Art kol­lektives Unterfangen beschreiben. Wie ist das zu verstehen?
Von seinen frühen autodidaktischen Forschungen in Algerien bis hin zu den späten Jahren seines Schaffens – man denke an »Das Elend der Welt« (1993) – pflegte Bourdieu eine kollektive Forschungspraxis, die sich auch darin spiegelt, an wie vielen Studien er als Mitautor beteiligt war. Bourdieu verfolgte eine Idealvorstellung von Forschung, die er mit dem Begriff des »kollektiven Intellektuellen« umschrieb. Damit meinte er nicht nur die von ihm systematisch gepflegte Form intensiver gemeinschaftlicher Arbeit in Projekten, die übrigens nach eigener Erfahrung immer eine ausgesprochen fröhliche Wissenschaft bot, sondern auch den Umstand, dass jenseits der Illusion des »totalen Intellektuellen« Sartre’scher Prägung die je limitierten individuellen Kompetenzen und Ressourcen eines Forschers für die Bewältigung komplexer Forschungsfragen der wechselseitigen Ergänzung und Verstärkung bedürfen.
 

Spätestens in den neunziger Jahren wurde Bourdieu nicht nur als Sozialforscher, sondern auch als öffentlicher Intellektueller wahrgenommen. Er agitierte gegen die »neoliberale Offensive« und sprach 1995 vor streikenden Bahnarbeitern. Auch in der Studie »Das Elend der Welt« ging es darum, dem Leiden an den neoliberalen Zumutungen Stimmen und Gesichter zu geben. Sie gehören zu denjenigen, die darauf hinweisen, dass Bourdieu nicht erst in den neunziger Jahren politische Ansprüche formulierte, sondern schon von Beginn an, nämlich seit seinen ethnologischen Forschungen im noch kolonialen Algerien der späten fünfziger Jahre. Worauf gründen Sie diese Ansicht?
Zunächst auf Bourdieus Antwort auf meine in einem Gespräch gestellte Frage: »Kann man sagen, dass in diesen frühen Studien schon der ganze Bourdieu enthalten war?« Seine Antwort: »Ja!« Man schaue sich dazu einfach seine 1964 erschienene Studie »Die Entwurzelung« an und ­vergleiche sie mit dem drei Jahrzehnte später erschienenen Werk »Das Elend der Welt« oder auch mit »Die männliche Herrschaft«. Die theo­retischen und methodologischen Kontinuitäten sind frappierend. Bourdieu sagte mir dazu, er habe in den frühen Jahren ein Kapital an ­soziologischen Fragen erworben, das ihm für ein gesamtes Forscherleben ausreichte.
 

Bourdieu versuchte, soziale Ungleichheit nicht nur theoretisch zu fassen, sondern auch politisch anzugreifen. Er untersuchte deshalb auch Strategien der Einbindung der Beherrschten und ihres Mitmachens. Ohne diese Formen der Kollaboration war Herrschaft seiner Ansicht nach nicht zu begreifen. Dieser Ansatz hat Bourdieu immer wieder den Vorwurf eingebracht, seine Herrschaftssoziologie stütze die Herrschaft mehr, als sie in Frage zu stellen. Wie beurteilen Sie diese Kritik an Bourdieu?
Ich halte das für eine naiv moralisierende Sichtweise. Bourdieu hat mit seinem Konzept der symbolischen Gewalt und Herrschaft den Finger auf den nun mal wunden Punkt gelegt, dass Herrschaft ganz wesentlich auf ihrer Anerkennung durch die Beherrschten beruht und sie sich wie etwa im Falle der »männlichen Herrschaft« maßgeblich dadurch stabilisiert und reproduziert, dass die Beherrschten die zur Begründung von Herrschaftsansprüchen verwendeten Klassifizierungen ­unterschiedlicher Qualitäten und Legitimitäten als quasi in einer ­natürlichen, wenn nicht transzendenten Ordnung angelegt hinnehmen beziehungsweise auf sich nehmen. Hierbei betont Bourdieu, dass diese stillschweigende Bereitschaft selbst Ausdruck der symbolischen Herrschaftsverhältnisse ist.
 

In den vergangenen Jahren war es in der Wissenschaft nicht immer einfach, mit Bezug auf Bourdieus Theorie zu argumentieren. Die unaufhaltsam scheinende Beschleunigung technologischer und sozialer Entwicklungen machte einen Denker nicht gerade attraktiv, der sich sein ganzes Leben lang mit der Stabilität und Behäbigkeit des Sozialen beschäftigt hatte. Das hat sich mit der starken Rezeption von Didier Eribon und Annie Ernaux geändert. Es kam zu einem kleinen Bourdieu-Revival. Erleben Sie das auch so?
In Frankreich hatte Annie Ernaux parallel zu Bourdieus »Die feinen Unterschiede« vor fast vier Jahrzehnten eine wahlverwandte und in vielerlei Hinsicht ergänzende lite­rarische Sicht auf die französische Klassengesellschaft entwickelt. Es ist erstaunlich, wie spät man sie im deutschsprachigen Raum entdeckt hat, wo ihr Werk erst nachdem Eribons »Rückkehr nach Reims« einen in Frankreich schon längst abgeebbten Hype erlebte. In den achtziger Jahren, als Bourdieus und Ernaux’ Gesellschaftsanalysen in Frankreich zum Standardrepertoire des intellektuellen Lebens gehörten, feierte die deutsche Mainstream-Soziologie das Ende der Klassengesellschaft und den Fahrstuhl nach oben für alle. Jetzt, fast vier Jahrzehnte danach, scheint man sich angesichts wachsender gesellschaftlicher Ungleichheit beim Zugang zu allen Formen an Lebenschancen zu besinnen und die Schwerkraft gesellschaftlicher Reproduktion neu zu entdecken.
 

Bourdieu ist 2002 im Alter von 71 Jahren relativ überraschend verstorben. Was vermissen Sie am meisten?
Ihn persönlich, sein undiszipliniertes wissenschaftliches Denken und Arbeiten und sein nicht nachlassendes politisches Engagement.
 

Franz Schultheis wurde 1953 in Bendorf geboren. Er studierte an den Universitäten Freiburg und Nancy II und promovierte an der Universität Konstanz, wo er von 1989 bis 1992 Wissenschaftlicher Assistent war. Gleichzeitig begann in Paris seine langjährige Zusammenarbeit mit Pierre Bourdieu. Schultheis war im deutschen Sprachraum maßgeblich an der Verbreitung von Bourdieus Theorie beteiligt. Seit 2007 ist er Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen.