Gastronomie und Landwirtschaft auf der griechischen Insel Euböa leiden unter den Folgen der Coronakrise

Leere Kneipen, leere Kassen

Die griechische Tourismusbranche hat aufgrund der Covid-19-Pandemie große Einbußen zu verzeichnen. Ähnlich geht es landwirtschaftlichen Betrieben, die von den Bestellungen von Hotels und Gaststätten abhängig sind. Das zeigt sich auch auf Euböa, der zweitgrößten Insel des Landes.

»Euböa ist das diesjährige Mykonos«, schreiben griechische Nutzer in sozialen Medien. Die Beiträge unterlegen sie mit Bildern von relativ vollen Stränden. Euböa, Griechenlands zweitgrößte ­Insel (nach Kreta), ist von Athen aus in einer knappen Stunde mit dem Auto erreichbar. Zwei Brücken verbinden die Inselhauptstadt Chalkida mit dem Festland. Bilder von den malerischen Stränden der Insel sind im aktuellen ­offiziellen Werbespot Griechenlands für den Tourismus zu sehen.

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Der Wirt Vasilis Baroutas sitzt seit Beginn des lockdown Ende März täglich an einem Tisch vor seinem Ouzeri, ­einer Fischtaverne, im acht Kilometer von Chalkida entfernten, inzwischen eingemeindeten Küstenort Nea Artaki. Für jeden Passanten, der ein Gespräch sucht, hat der Wirt ein Ohr. Ansonsten gibt es derzeit nicht viel für ihn zu tun. In normalen Jahren müssen Gäste ganzjährig ihre Tische Tage im Voraus reservieren. An jedem Wochenende und an jedem Feiertag, insbesondere in den Sommermonaten ist die Küstenmeile von Nea Artaki voll mit Tagesausflüglern. Autos dürfen hier nicht mehr verkehren. Die Stadtgemeinde hat die gesamte Uferpromenade aufwendig verschönert. Ein »kleines ­Miami« sollte hier entstehen, das hatten alle Bürgermeisterkandidaten im Kommunalwahlkampf 2019 versprochen.

Dieses Versprechen wurde hinsichtlich der baulichen Änderungen, für Griechenland unüblich, einge­halten. Der Verein der Artakier und Kyzikier hatte 2019 mit einem mehr­tägigen, zum ersten Mal veranstalteten kulinarischen Festival mehr als 10 000 auswärtige Besucher in den 9 000 Einwohner zählenden Ort gelockt und mit Gerichten aus Kleinasien verwöhnt.

»Wir leben jeden Tag mit der Angst, dass wir plötzlich wieder schließen müssen.«
Vasilis Baroutas, Wirt auf Euböa


Nea Artaki ist ein Flüchtlingsort. Aus der Türkei vertriebene Griechen gründeten ihn 1923. Die Flüchtlinge aus Artaki, dem heutigen Erdek, legten in ihrer neuen Heimat ein Sumpf­gebiet trocken und errichteten darauf Nea Artaki. Sie brachten ihre orientalisch geprägte Küche mit. 2020 hätte für den Ort ein wirtschaftlich erfolg­reiches Jahr werden können, doch dann kam die Covid-19-Pandemie.

Die erste Begegnung zwischen dem Jungle World-Reporter und Vasilis ­Baroutas fand am 21. März, einem Samstag, statt. Am Vorabend hatte die Regierung überraschend alle Gaststätten im Land schließen lassen. Baroutas’ Taverne war ein Motiv auf Fotos, die das Ereignis illustrieren sollten. »Warum nur haben die den Beschluss am Freitag ­gefasst und nicht am Donnerstag oder wenigstens am Sonntag?«, klagte Baroutas damals. Er hatte sich nach einem sehr betriebsreichen Wochen­ende und aufgrund perfekten Frühlingswetters mit Vorräten eingedeckt. »Was mache ich mit 3 000 Euro frischer Ware? Das sind Fische und Muscheln, die kann ich doch nicht einfrieren«, sagte er.
Der Vorrat ging damals fertig zubereitet und in Portionen verpackt an die Armenspeisung der Kirche und an Altenheime. Der Wirt wollte mitten im Elend zumindest etwas Gutes tun. Die Regierung ermöglichte es Restaurants, ihre Speisen während des lockdown auch ohne gesonderte behördliche Genehmigung an Kunden auszuliefern. Baroutas nahm diese Möglichkeit, wie viele seiner Konkurrenten, nicht wahr. Wie auch? Während des lockdown mussten selbst die Schnellimbisslieferanten mangels Kundschaft schließen.
Euböa ist ein Ziel für inländische und auswärtige Touristen. Es gibt nur relativ wenige große all inclusive-Ferienanlagen. Frühzeitig gab es auf der Insel, die seit Griechenlands Beitritt zur ­Europäischen Gemeinschaft 1981 nach und nach deindustrialisiert wurde, ein ganzjähriges, nicht nur auf Sonne und Strand ausgerichtetes Urlaubs­angebot. Die Bewohner leben hauptsächlich von der Agrarwirtschaft, der ­Fischerei und dem Tourismus.

Im März fiel in Chalkida die beliebte Touristenattraktion »Karneval auf See« aus. Mehr als 100 000 Besucher locken die mehrtägigen Feierlichkeiten gewöhnlich an, die mitten im Euripos, der Meerenge zwischen der Insel und dem Festland, stattfinden. Der auf der Insel gelegene Berg Dirfys ist bei Bergsteigern beliebt. Das Bergdorf Steni bietet Besuchern vom Festland nahezu alpine Bergromantik mitten in Griechenland. Moderne Pilz- und Weinbauern bieten Besuchern neben ihren Produkten auch Führungen und Bewirtung an. Der Ort Edipsos im Norden der Insel ist für seine Kurbäder bekannt.
In Chalkida befindet sich die Synagoge einer seit 2 500 Jahren bestehenden jüdischen Gemeinde. Wegen der Pandemie kommen keine Besuchergruppen mehr aus Israel. Zu Chalkida gehört auch das auf dem Festland gelegene Avlida, das frühere Aulis, Ort der homerischen Erzählung und der Dramen um Iphigenie. Von hier fuhren der Sage nach die Griechen in Richtung Troja. Venezianische Burgen und ­osmanische Befestigungsanlagen gibt es an vielen Stellen der Insel – geschichtsträchtige Orte, die nun ohne Besucher bleiben.

Als der lockdown Anfang Mai gelockert wurden, erlaubte die Regierung auch Straßen- und Volksfeste. Die Wirte in Nea Artaki baten den Verein der Artakier und Kyzikier, das kulinarische Festival nicht abzusagen. Doch der Verein blieb skeptisch, denn die Regierung ändere die Vorgaben ständig. Zudem war unklar, wer haftbar gemacht worden wäre, wenn sich Menschen auf dem Festival infiziert hätten. Am 13. Juli wurden die Feste wieder verboten. Die Veranstalter blieben auf ihren Kosten sitzen.
»Wir leben jeden Tag mit der Angst, dass wir plötzlich wieder schließen müssen«, sagt Baroutas. Alle Wirte beobachten mit Sorge die Bekanntgabe neuer Infektionen. Als Anfang dieses Monats zwei Mitglieder einer 80köpfigen serbischen Reisegruppe in Edipsos positiv getestet wurden, brach dort die Tourismuswirtschaft in wenigen Stunden ein. Acht weitere positive ­Befunde von Serben in der Umgebung folgten. Am Tag darauf wurde das ­positive Testergebnis einer drei Tage zuvor eingereisten Rumänin bekannt. Die meisten der Infizierten hatten keine oder nur leichte Symptome. Edipsos und die benachbarten Orte gleichen nun Geisterstädten.
Infektionen sind schlecht fürs Geschäft
Die Wirte in Nea Artaki fürchten, dass auch die Besucher aus anderen Orten der Insel fernbleiben werden, wenn es im Ort einen Infektionsfall geben sollte. Anfang vergangener Woche teilte die örtliche Ärztekammer mit, ein Angestellter einer der größten Bankfilialen in Chalkida habe sich mit Sars-CoV-2 infiziert. Am Mittwoch voriger Woche wurde bekannt, dass ein auf Euböa urlaubender Tourist aus Athen positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde. »Dieses Wochenende werden viele Athener aus Angst wegbleiben«, sagt Baroutas. Seine Tochter, die mit ihrer Familie in Athen wohnt, denkt darüber nach, der Insel fernzubleiben. Die griechischen Hoteliers baten die Regierung öffentlich, bei der Bekanntgabe von Infektionen auf eine Ortsangabe zu verzichten.
Baroutas hat das Jahr bereits so gut wie abgeschrieben. »Dabei geht es mir noch relativ gut, denn meine Frau und ich arbeiten auch selbst im Lokal«, sagt er. »Was sollen die anderen sagen, die für den Wochenbetrieb sieben ­Angestellte und fürs Wochenende bis zu zehn bezahlen müssen? Die haben auch noch höhere Mieten als ich.« Seit 27 Jahren arbeitet er in der Gastronomie. Er hofft, dass er durchhält, bis bessere Zeiten kommen. Die bisherigen staatlichen Hilfen waren unabhängig von den Ausgaben der Wirte, jeder erhielt den gleichen Betrag. Bei Baroutas deckt das knapp zwei Drittel der wegen der Pandemie geminderten Miete.
Die Aussichten für das Personal des Ouzeri? Baroutas’ Kellner lächelt nur achselzuckend. Er hat einen Halbtagsvertrag. Eine Küchenhilfe hat es noch schlimmer erwischt, sie steht auf Abruf bereit, falls doch einmal mehr Gäste ins Lokal kommen. Wenn das der Fall ist, wie am zweiten Juliwochenende, dann kommen schon einmal die Steuer- und Gesundheitskontrolleure. Sie prüften besonders streng, ob alle Regeln eingehalten wurden: Maskenpflicht, Abstandsregeln, Kassenbonpflicht – sie fanden keine Verstöße. Trotzdem hatte der Steuerprüfer etwas zu monieren: »Warum nur haben Sie unter der Woche so geringe Einnahmen angegeben? Das kann doch nicht stimmen.«
Dieses Jahr kommen besonders viele Wochenendausflügler nach Nea Artaki, mehr als in normalen Jahren. An den übrigen Tagen ist kaum etwas los. Doch nur wenige der Wochenendtouristen kehren in die Gaststätten ein. Sie übernachten auch nur selten in Hotels. Meist besuchen sie Inselbewohner oder ein Ferienhaus, das ihnen oder Freunden gehört, und bringen Verpflegung mit. Viele kaufen höchstens ein Gyros im Schnellimbiss. Die wenigen, die sich in ein Ouzeri trauen, haben es meist eilig. Sie haben kaum Muße für einen gemütlichen Abend am Meer, die Angst vor Covid-19 und der ungewissen ökonomischen Zukunft überwiegt.
Besucher der Strandpromenade von Nea Artaki können schnell sehen, dass die dortige Tourismusbranche unter der Pandemie leidet. Im Hafen von Nea Artaki ankern ein halbes Dutzend Segelschiffe. Sie wurden den Winter über aufwendig renoviert. Eigentlich sollten sie nun Passagiere zu Inseln wie ­Mykonos bringen und dort wohlhabenden Touristen Freude bereiten. Die ­Besatzung ist bis auf den jeweiligen Kapitän, der Wache schiebt, arbeitslos. Die Schiffe bleiben in Nea Artaki, weil hier die Hafengebühren niedriger sind als fast überall sonst in Griechenland. Die Ortsansässigen nehmen es mit Humor. »Die machen nun unser Meer dreckig. Oder was meinst Du, wo ihre Toilettenabwässer hingehen?« witzelt ein Fischhändler, der gerade bei Baroutas Ware geliefert hat.
Es gibt kaum noch Geld für die Aussaat

»Dieses Jahr gibt es keine Reise­gruppen. Bis Oktober haben fast alle abgesagt. Gruppen, die Monate im Voraus ihren Trip buchen, waren unser Hauptverdienst.«
Katerina, Fremdenführerin in Athen

Die kleinen mittelständischen Bauern sind abhängig von Ouzerien wie dem von Baroutas, von Hotels und vom Export nach Nordeuropa. Derzeit erhalten sie keine Aufträge von großen Hotelketten, der Export ist stark zurückgegangen. Passanten in Chalkida freuen sich über die ungewöhnlich schönen, frischen und leckeren Kirschen, die ein Straßenhändler relativ günstig für 2,50 Euro pro Kilo feilbietet. »Weißt du warum?«, fragt der Händler mit ernstem Gesicht. »Weil wir dieses Jahr nicht exportieren und keine Touristen da sind.« Viele Bauern auf der Insel haben kaum noch Geld für eine neue Aussaat. Andere haben ihre Produk­tion für das kommende Jahr bereits zur Hälfte reduziert. Das trifft auch die Zulieferbetriebe für Saatgut, deren Auftragsbücher leer bleiben.

Smaro Psatheri-Mimikou und ihr Mann haben einen solchen Betrieb auf der Insel. »Wir haben unsere Geschäftspolitik geändert. Vieles geben wir auf Kredit und teilen damit das Risiko zwischen uns und den Bauern«, sagt sie. Sie schätzt, dass es ab Herbst ein ­geringeres Angebot an Obst und Gemüse geben wird. Das werde bis ins kommende Jahr so bleiben. Weniger Produktion und eine geringere Ernte hätten erhöhte Preise für Agrarprodukte zur Folge. Psatheri-Mimikou erwartet ­Lieferengpässe für den einheimischen Markt.

Viele Fremdenführer in Griechenland hoffen auf das übernächste Jahr. Kate­rina arbeitet als Fremdenführerin in Athen. Sie meint, 2021 würden maximal halb so viele Touristen in die Hauptstadt kommen wie vergangenes Jahr. »Dieses Jahr gibt es keine Reisegruppen. Bis Oktober haben fast alle abgesagt. Gruppen, die Monate im Voraus ihren Trip buchen, waren unser Hauptverdienst«, sagt sie. Kreuzfahrten, die ebenfalls eine gute Einnahmequelle darstellten, erwarten die Fremdenführer erst im Frühjahr 2021 wieder. Bis dahin versuchen sie, sich mit anderen Tätigkeiten oder, wenn sie zu den Glücklicheren zählen, mit Erspartem und der Hilfe von Freunden über Wasser zu halten. Vom Staat gab es bislang lediglich 800 Euro Beihilfe.

Verzweifelt versuchen die Regionen im Land nun, so viele einheimische Touristen wie möglich anzulocken. »Kommen Sie an unsere Strände, wir sorgen für Ihre Sicherheit«, »Wir transportieren Sie sicher«, »Wir bewirten Sie sicher« – das sind Sätze, die griechische Fernsehzuschauer mehrmals täglich zu hören bekommen. Nach Angaben des griechischen Tourismusverbands SETE sind rund 30,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts unmittelbar oder mittelbar vom Tourismus abhängig.

2019 reisten rund 30 Millionen ausländische Touristen nach Griechenland. Als der lockdown Anfang Mai gelockert wurde, hoffte die Regierung auf bis zu zehn Millionen Touristen im laufenden Jahr. Vom 1. bis zum 19. Juli reisten nur knapp 900 000 Personen ins Land ein, Grenzpendler und Saisonarbeiter eingeschlossen. Die Fremdenführerin Katerina sieht maximal vier bis fünf Millionen Touristen als ­realistisches Ziel – wenn die Infektionszahlen nicht wieder deutlich steigen.