Hundefreunde in Dolgenbrodt

Fernweh

Cocolumne Von

Sie hat die Nase wirklich so richtig gestrichen voll. Seit Monaten schon trägt Coco wegen eines Beinbruchs einen Verband am linken Vorderbeinchen. Sie darf nicht mit anderen Hunden ­toben, nicht frei laufen, nicht hüpfen, nicht springen, nur kleine Pippi-Runden sind erlaubt. Man kann sich vorstellen, wie sehr das nervt: immer, immer an der Leine. Das ist so, als wäre man Individualverkehr gewohnt und dürfte plötzlich nur noch Bus fahren. Als böge Niki Lauda in eine Tempo-30-Zone ein. Naja, Sie wissen, was ich meine. Jedenfalls, beim Gassigehen – soweit man von Gehen reden kann – »läuft« es jetzt so: Zunächst hoppelt Coco auf drei Beinen wie von Sinnen los, allerdings dahin, wo sie hinwill. Dass hinten noch ein Mensch an der Leine hängt, nimmt sie kaum zur Kenntnis. Dann bleibt sie plötzlich stehen und blickt theatralisch wehmütig in die Ferne und bewegt sich keinen Zentimeter mehr. So kann sie zehn Minuten verharren. Spätestens wenn ihr klar wird, dass es jetzt wieder nach Hause geht, weiß sie sehr wohl, ihr schlimmes Bein einzusetzen, nämlich zum Bremsen, und zwar mit aller Kraft. Für nichts in der Welt will sie wieder zurück. Machte man die Leine ab, würde sie wie ein Torpedo abzischen, mit wild flatternden Öhrchen immer geradeaus hoppeln, so weit die drei Füßchen sie tragen, nur weg, nur rennen, nur raus.

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Sie sehen, das Problem bei Coco ist wie bei Corona die Rückreise. Da stellen Coco und ich uns die Frage: Müssen wir überhaupt zurückkehren? Doch selbst der reisefreudigste Vogel, die Küstenseeschwalbe, segelt nicht einfach frei herum, sondern pendelt immer zwischen Arktis und Antarktis hin und her. Und zwar so geschickt, dass für ihn fast nie die Sonne untergeht. Fast immer ist Tag. 25 Jahre lang. Das Leben – eine einzige Fernreise, ein ewiger Sommerurlaub. Die Schwalbe fliegt in ihrem Leben dreimal zum Mond und zurück, oder jedenfalls eine Strecke dieser Länge. Jetzt, da schon die Anti­deutschen an die Ostsee fahren oder ins Allgäu oder nach Brandenburg oder mit der Vespa durch die Pfalz – nicht wegen Greta, sondern ­wegen Corona –, wirkt das wie eine schöne Utopie. Ich war ja im brandenburgischen Dolgenbrodt, den Älteren unter Ihnen sagt das vielleicht noch etwas. Wunderschön, vom Wasser aus. Die Dorfgemeinschaft wehrte sich Anfang der Neun­ziger gegen eine Flüchtlingsunterkunft, dann jahrzehntelang gegen die Rückübertragung von Grundstücken an einen von den Nazis enteigneten Juden, die AfD ist im Wahlkreis stärkste Kraft. Aber Coco war sehr willkommen: »Oh, ein neuer Spielkamerad für Herrmann!« freute sich eine Dolgenbrodterin, als sie uns sah. Ferien in Deutschland eben. Wenn uns das Virus eines Tages wieder von der Leine lässt, sind wir alle aber so was von weg, so weit uns die Füßchen oder Motoren tragen.