Warum ist das neue Album von Kanye West noch nicht erschienen

Ein ausgewiesener Edgelord

Er will zum US-Präsidenten gewählt werden, ist gegen Schwangerschafts­abbrüche, seine psychische Gesundheit ist ein Thema öffentlicher Debatte und sein Name ist nicht Donald Trump. Zum Erscheinen oder Nicht­erscheinen von Kanye Wests neuem Album »Donda: With Child«.

Die Karriere von Kanye West ist oft beschrieben worden: Der Sohn einer bald alleinerziehenden Mutter, Dr. Donda C. West, fand früh zur Musik und produzierte schon mit Anfang zwanzig Rapsongs für Größen wie Jay-Z oder Ludacris. Nach einem Autounfall wurde sein Kiefer zur Heilung verdrahtet, was ihn zu seiner ersten Single »Through the Wire« inspirierte, die 2003 ein Überraschungshit wurde. Sein Debütalbum »The College Dropout« erschien im folgenden Jahr, er thematisierte darauf seinen Studienabbruch.

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Es folgten einige von der Kritik ­gelobte Platten (insgesamt hat er neun Studioalben veröffentlicht), unzählige angekündigte, aber unver­öffentlichte Projekte, ein Label für Streetwear (bei dem man sich bei einem Lotteriesystem für das Kaufrecht von 400 US-Dollar teuren Turnschuhen anmelden musste), meh­rere öffentliche Kontroversen, seine Hochzeit mit dem Reality-­TV-Star Kim Kardashian, eine Zwangseinlieferung ins Krankenhaus aufgrund einer Psychose, seine öffentlich zelebrierte Konversion zum erleuchte­ten Christen (er gründete auch eine Art Freikirche), die Produktion von religiösen Opern zusammen mit der Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft, eine häufig kritisierte Sympathie für Donald Trump und seit 2015 schließlich Ankün­digungen, bei der US-Präsidentschaftswahl 2020 anzutreten. Besonders Letzteres versetzt die US-amerikanische Öffentlichkeit immer wieder in Unverständnis bis hin zur Rage, denn Kanye Wests Absichten sind für Außenstehende nie ganz klar. Ist die Kandidatur das Ergebnis einer manischen Phase, eines Komplexes, eines ernsthaften Interesses an Politik oder doch nur die Promo für das Album eines ausgewiesenen »Edgelords«, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, dauernd mit nihilistischen oder betont provokanten Aussagen aufzufallen?

Nun erscheint Kanye Wests zehntes Album »Donda: With Child«, ­benannt nach seiner 2007 im Alter von 58 Jahren an den Folgen einer Schönheitsoperation verstorbenen Mutter und Managerin Donda. Oder besser: Es erscheint erst einmal nicht. Denn die für den 24. Juli vorgesehene Veröffentlichung fand, zumindest bis zum Redaktionsschluss dieser Zeitung, nicht statt.

Fans und Kritiker vermuten den Grund in einer paranoiden Flucht nach einer verwirrenden Pressekonferenz zu Wests Präsidentschaftsambitionen sowie in seiner psychischen Krankheit, die schon öfter dazu geführt hat, dass er Ankündigungen nicht erfüllte. Manche munkeln auch, die Verzögerung könne dem Umstand geschuldet sein, dass seine Erzfeindin Taylor Swift ihr neues Al­bum überraschend am selben Tag veröffentlichte.

Anders als viele zeitgenössische Aktivisten sieht West moderne afroamerikanische Kultur nicht nur in der Tradition der Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegung, sondern vor allem in der des afroamerikanischen christlichen Protestantismus.

Die fragliche Pressekonferenz fand am 19. Juli in einem wenig prachtvollen Hochzeits- und Kongresssaal im suburbanen North Charleston in South Carolina statt. West stand in einer schusssicheren Weste mit der Aufschrift »Security« vor einem königsblauen Samtvorhang und erläutert vor kleinem Publikum eine Stunde lang seine politischen Ansichten, gespickt mit allerlei Anekdoten aus seinem Leben und der einen oder anderen provokanten Stichelei. Das intime Setting und die Inszenierung erinnerten an zeitgenössische Performance- und Videokunst oder die jüngsten Modenschauen des Labels Balenciaga und deren Koketterie mit Endzeitstimmung und gesellschaftlicher Militarisierung.

Die von West angesprochenen Themen reichten von der Opioidkrise über die Sklavenbefreiung, Pornographie und Waffengesetze bis hin zu Abtreibung. Unter Tränen gestand West, dass er seine älteste Tochter ursprünglich hatte abtreiben lassen wollen; auch sein eigener Vater habe versucht, seine Mutter zu überzeugen, ihn abzutreiben. Unter vereinzelten Buhrufen skandiert er: »No more Plan B – Plan A!« In den USA ist »Plan B« eine umgangssprachliche Bezeichnung für die »Pille danach«. In einer aufgeheizten Konfrontation mit dem Publikum erläuterte West dann seinen Plan, jeder Frau, die sich gegen eine Abtreibung entscheidet, pro Jahr 50 000 Dollar auszuzahlen.
Kanye Wests politische Ideen sind jedoch nicht als zusammenhanglose Äußerung eines Wahnsinnigen zu verstehen, wie es seine Kritiker gerne erscheinen lassen würden. In seinem schon Wochen zuvor erschienen Feature auf Ty Dolla Signs Single »Ego Death« rappte er: »One in four get locked up, your girlfriend get knocked up/Plan B was they Plan A, to lower the count of our families/To lower the count on our damn votes«. West ist Teil eines Milieus schwarzer Alt-Right-Aktivisten wie Candace Owens, in dem liberaler Politik Rassismus und in machen Fällen sogar ein stiller Genozid unterstellt wird – pro choice als Plan, den Bevölkerungsanteil der Afroamerikaner zu senken.

Angesichts abebbender Proteste der »Black Lives Matter«-Bewegung und wachsender Frustration über das Ausbleiben struktureller Reformen fallen solche Aussagen von rechtsaußen auf fruchtbaren Boden, wie wohl auch die erste und bisher einzige Single-Auskopplung aus Wests neuem Album, »Wash Us in The Blood«, die am 30. Juni mit einem höchst politisch anmutenden Musikvideo des Videokünstlers Arthur Jafa erschienen ist.

Jafa bedient sich im schnellen Schnitt an den bestimmenden Symbolen dieser Zeit: Videos von »Black Lives Matter«-Protesten und hyperventilierende Covid-19-Patienten wechseln sich ab mit Videos tanzender Menschen, alten Aufnahmen afroamerikanischer Künstler und Prediger sowie einer animierten Aufklärungsdrohne, während mit Hilfe des split screen auch West zu sehen ist, der unter einem computerge­nerierten Polygonschleier seine Predigt hält und rappt: »Whole life bein’ thugs/No choice, sellin’ drugs/Genocide what it does/Mass incarc‘ what it does/Cost a cause what it does/ ’nother life bein’ lost« (mass incarceration = massenhafte Inhaftierung).

Video und Text malen ein (übertriebenes) Bild des Lebens junger schwarzer Menschen in den USA, geprägt von Ungerechtigkeiten des Justizsystems, aber auch dem Drang nach Freiheit und Lebensfreude. Anders als viele zeitgenössische Aktivisten sieht West moderne afroamerikanische Kultur jedoch nicht nur in der Tradition der Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegung, sondern vor allem in der des afroamerikanischen christlichen Protestantismus. Entsprechend versucht West, christliche Afroamerikaner und mit konservativen Wertvorstellungen anzusprechen, die traditionell trotzdem meist die Demokraten wählen.

Das Kanye West etwa in dem Song »I Thought About Killing You« von 2018 ganz unverschleiert über seine menschlichen Abgründe berichtet, macht ihn wohl zu einer der interessantesten Persönlichkeiten der neo­liberalen Gesellschaft, in der nur die domestizierteste, kontrollierteste und mit guten Absichten gespickte Regung negativer Gedanken oder Emotionen akzeptiert zu sein scheint. Unter der Vorherrschaft einer überkorrekten Herangehensweise, die Unzufriedenheit mit PR-Jargon statt dem Kampf gegen reale Missstände begegnet, und der Sucht der US-amerikanischen Gesellschaft nach spannenden Dramen und Eskalation – die zuletzt in der Wahl eines Entertainers in das höchste Amt des Landes gipfelte – bieten Wests Musik und Leben eine scheinbar erfrischend realistische Perspektive und werden dadurch sogleich zur Zielscheibe des linksliberalen Establishments.

Unter Wests Postings bei Twitter kann man regelmäßig die wildesten Äußerungen lesen, etwa einen Kommentar unter einem Post der Tracklist des neuen Albums, in dem eine Twitter-Userin ihre Empfehlungen für eine psychiatrische Behandlung des Künstlers mitteilt: Stabilisierung mit einem Antidepressivum und einem Stimmungsstabilisator für manische Phasen; dazu 30, bevorzugt 60 Tage stationärer Behandlung mit möglicher Sedierung und einer darauffolgenden medikamentösen und therapeutischen Behandlung.

Die Art, in der öffentlich über die bipolare Störung von Kanye West gesprochen wird, spiegelt im Allgemeinen den Umgang westlich-kapitalistischer Gesellschaften mit psychischer Gesundheit wider. Wie schon Mark Fisher 2008 schrieb, wurde die mentale Gesundheit privatisiert und das Verständnis von ihr auf rein chemische, im Körper stattfindende Prozesse reduziert; eine Sichtweise, in der Wechselwirkungen mit der Gesellschaft keinen Platz finden. Der geniale Kanye West, so die implizite Forderung, soll nur produzieren und funktionieren, nicht verstören.