»Schleichend an die Macht« von Andreas Audretsch und Claudia C. Gatzka

Kein Geschichtsseminar

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Dem kürzlich neu aufgelegten Videospielklassiker »Command & Conquer: Alarmstufe Rot« ist ein Zitat des Erzschurken Kane vorangestellt: »Wer die Vergangenheit kontrolliert, hat Macht über die Zukunft. Wer Macht über die Zukunft hat, erobert die Vergangenheit.« Das könnte leitmotivisch auch für die Geschichtspolitik der Neuen Rechten gelten, die Autoren aus dem Umfeld des Berliner Think Tanks »Das Progressive Zentrum« analysiert haben.

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Die These, dass Geschichte ein Kampffeld ist und zu politischen Zwecken immer wieder umgegraben wird, ist wenig überraschend. Der Band illustriert sie im ersten Teil schlaglichtartig anhand der geschichtspolitischen Praxis der Rechts­populisten in Deutschland, Ungarn und Italien. Im zweiten Teil geht es um zentrale Themen rechtspopulistischer Geschichtsdeutung mit einem aktuellen Exkurs zur Coronakrise. Hier zeigen sich begriffliche Unschärfen. Neue Rechte, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus tauchen im Band immer wieder als Synonyme auf. Die Beispiele sind skandalträchtig gewählt und in eine relativ widerspruchsfreie Darstellung eingebettet. Dass der Stil der Artikel eher appellativ als analytisch ist, mag der Zielgruppe geschuldet sein. Die nachvollziehbare politische Intention der Autoren steht aber differenzierter Erkenntnis im Weg und mündet bisweilen in Jargon.

Der Versuch hingegen, die neurechte Geschichtspolitik durch Hinweise auf geschichtswissenschaftliche Banalitäten wie die der erfundenen Traditionen zu widerlegen, nimmt die Neue Rechte für dümmer, als sie ist, und übersieht, dass sie schlicht von anderen Prämissen ausgeht. Die Neuen Rechten betreiben kein Geschichtsseminar, das den Forschungsstand respektiert, sondern skrupellose Politik, wobei sie in Kategorien von Macht denken. Dafür reicht es, wenn ihr Geschichtsbild Glauben findet. Es muss nicht wahr sein, sondern die Geschichte kann – Kane dixit – erobert werden.

Andreas Audretsch, Claudia C. Gatzka (Hg.): Schleichend an die Macht. Wie die Neue Rechte Geschichte instrumentalisiert, um Deutungshoheit über unsere Zukunft zu erlangen. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 2020, 140 Seiten, 14,90 Euro