Homestory #35

Es ist dunkel und leer in der Redaktion, die Kaffeemaschine läuft aber. Ich klappere die Büros ab, um zu schauen, wer heute da ist. Eine Kollegin aus der Geschäftsführung klammert sich an eine Flasche Sprudelwasser, die frisch aus dem Eisfach kommt. »Puh, ­sorry, es sieht hier gerade aus wie nach der Zombie-Apokalypse. Das ist nicht immer so.« Entschuldigend schaut sie mich an. Ich grinse, das macht doch nichts, und versuche mir vorzustellen, wie es sonst ist. Lauter wahrscheinlich, mit klingelnden Telefonen und mehr Licht. Ich drehe weiter meine Begrüßungsrunde, finde aber niemanden vor. Nur das Ressort Ausland wird von einem Redakteur repräsentiert, der zurzeit am Fenster rauchen kann, da niemand anders anwesend ist, den es stören könnte. Die Runde ist beendet, ich gehe zurück nach vorne. Da steht der große Konferenztisch und ich stelle mir vor, wie sich die Leute üblicherweise treffen, die ich nur als Stimmen aus der »Telko« kenne, wie sie sich austauschen, die dritte Kaffeetasse des Tages leeren und wieder an die Arbeit gehen. So ein Coronapraktikum ist schon etwas seltsam, ich habe es mir anders vorgestellt, den Redaktionsalltag kennenzulernen.

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Mir dieser etwas betrüblichen Erkenntnis gehe ich in mein auserkorenes Büro – den Layout-Raum. »Da ist es nicht ganz so heiß wie beim Inland«, hat man mir gesagt. Das überzeugt, was will ich mehr. Ich habe die freie Platzwahl und schaue, welcher Schreibtisch am wenigsten dystopisch aussieht: Ganz vorne liegt eine halbvolle Packung Gummibärchen, weiter hinten steht eine offene Cola-Dose, Stühle stehen irgendwo im Raum herum. Es sieht wirklich ein bisschen so aus, als seien alle plötzlich herausgestürzt und hätten den Raum einfach so zurückgelassen. »War auch irgendwie so«, erzählt mir eine Redakteurin. »Wir dachten ja, dass wir bald alle ­wieder zurückkommen.« Ich möchte auch ein Wasser aus dem Gefrierfach haben und gehe in die Küche. Tür auf, Flasche rein, Freude über die dort bereitliegende Flasche Tubi 60, Tür zu, zurück ins Büro. Ich entscheide mich für den Platz hinten rechts, weil mir der Stuhl dort gefällt und weil er recht aufgeräumt ist. Vor allem aber, weil ich dort einen kleinen USB-Ventilator entdecke. Über diese Gimmicks habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, bis jetzt, es ist nämlich wirklich heiß. So weht er mich den Tag über an und ich frage mich, ob ich mich womöglich erkälten werde. Das Risiko nehme ich in Kauf. Leider ist der Ventilator bei meinem nächsten Mal im Büro nicht mehr da. Also, Unbekannter oder Unbekannte, falls du das liest, stell ihn mir doch bitte wieder an den Platz, danke!