Auf’s Land zu ziehen, ist auch keine Lösung

Unser Dorf soll hipper werden

Städte werden immer lauter und teurer, während viele ländliche Regionen veröden. Metropolennahe Dörfer profitieren daher von ihrer Lage: Projektgruppen aus der Stadt suchen im Umland nach Orten zum Nestbau und zur sogenannten Selbstverwirklichung.

Es scheint, als entstehe spätestens mit dem ersten Kind bei Berliner Start-up-Gestressten der Wunsch nach einem Waldspielplatz, einem eigenen Garten für den Bioanbau und viel Auslauf für das Haustier. Insbesondere in der Pandemie wächst das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz für die eigene kleine Familie. Nach Angaben des Portals Immobilienscout24 stieg die Nachfrage nach Häusern in ländlichen Gebieten im Mai im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 50 Prozent. »Die neuen Landbewohner, die sich zum gemeinschaftlichen Wohnen zusammenfinden, haben meist einen akademischen Hintergrund. Sie bringen Qualifikationen mit, die bislang im ländlichen Raum selten anzutreffen sind«, heißt es in der Studie »Urbane Dörfer – Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann« eines unabhängigen Think Tanks namens Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Vor allem seien es Menschen aus »Wissens- und Kreativberufen – von den klassischen Digitalarbeitern wie Programmierern oder Graphikdesignern bis hin zu Architekten, Journalisten, Sozialwissenschaftlern oder Kulturmanagern« zwischen 30 und 49 Jahren, die das Landleben favorisierten. Diese Gruppe entscheidet sich jedoch nicht für die Doppelhaushälfte mit Gartenzwerg. Der Rückzug ins Private hat eine andere Form angenommen. »Anders als die typischen Familienwanderer gehen sie nicht in der klassischen Kernfamilie hinaus aus der Stadt und ziehen in ein Eigenheim im Speckgürtel.« Es sind häufig sogenannte Landprojekte, in denen Menschen sich in größeren Gruppen zusammenfinden, gemeinsam heruntergekommene Immobilien kaufen und sich aus dem Auf- und Ausbau eine Lebensaufgabe machen. Die Großstadt ist zu teuer, zu voll und zu laut, dennoch soll das urbane Gefühl mit Coworking Space und Yoga­studio erhalten bleiben. Sie nehmen sich ein wenig Stadt mit aufs Land.

Anzeige

44 Prozent der Deutschen wollen auf dem Land leben, nur 16 Prozent in einer Großstadt. Doch wer möchte oder kann eigentlich in einem Dorf in Brandenburg leben? Der Ladenbesitzer, die Sozialarbeiterin, der Pfleger oder auch die Lehrerin können nicht einfach weg aus der Stadt. Pendeln muss man sich zeitlich und finanziell leisten können, Homeoffice ist beispielsweisefür die genannten Berufsgruppen unmöglich. Und Menschen, die nicht weiß und heterosexuell sind, bietet die Stadt auch Schutz und Freiraum.

Das Milieu, das derzeit aufs Land zieht, ist nicht aus der Stadt verdrängt worden. Es kauft auch nicht das Eigenheim im Vorort. Die neuen »Familienwanderer«, wie sie in der Studie genannt werden, sehnen sich nach einer funktionierenden Gemeinschaft, die zusammenhält, gemeinsam plant und wohnt und die vor allem die eigenen Wertvorstellungen teilt. Sie wollen nicht nach Brandenburg ziehen, um sich in bestehende Dorfstrukturen einzugliedern; sie halten an ihren eigenen fest. Die neuen Landbewohner bringen Freunde und Gleichgesinnte mit, heißt es in der Studie, daher müssten sie »soziale und kulturelle Isolation nicht fürchten«. Die Stadt erfüllt ihre veränderten Anforderungen an das gute Leben nicht mehr, sie ist gefährlicher, lauter und diverser als ein erträumtes Dorfleben. »In einst leerstehenden Resthöfen, aufgegebenen Berufsschulen oder unbewohnten Plattenbauten früherer LPGs haben sie neue Formen gemeinschaftlichen Wohnens und Arbeitens entwickelt – samt Coworking Spaces, Workation- oder Retreat-Angeboten«.

Derartige Angebote entstehen von deutschen Akademikerinnen für deutsche Akademikerinnen. Denn es geht nicht um das Dorf und darum, was dort ist oder fehlt, sondern um die Projektion städtischer Sehnsüchte. Diese Sehnsüchte könnten enttäuscht werden, denn das Landleben ist nicht im 19. Jahrhundert stehengeblieben: Es finden sich große landwirtschaftliche Betriebe statt kleiner Bauernhöfe, Dorfläden sind schon lange den Filialen von Supermarktketten gewichen und das Handwerk wird durch Industrie und Dienstleistung ersetzt. Auch auf dem Land ist die neoliberale Realität angekommen.

Internetplattformen und Verbände beraten, informieren und organisieren Vernetzungstreffen für Umzuggsinteressierte. Die versprechen sich zum einen individuelle Verwirklichung – für die auf dem Land noch so viel Platz sei –, und zum anderen herrscht die Vorstellung, die Zuzügler seien das, was die zerfallende rurale Sozialstruktur für ihre Rettung brauche. Wer zuzieht, bringe Menschen, Nachwuchs, Geld und Bildung mit – aber er oder sie kommt auch mit einer idealisierten Vorstellung vom Landleben, dem Naturnähe und Ursprünglichkeit zugeschrieben wird. Und wer Geld bringt, kann andere Geld kosten – was nicht allen als Nachteil gilt. »Diese Orte bräuchten etwas von der vielgescholtenen Gentrifizierung, die in den Städten als Ungemach gilt. Denn nur, wenn sie (…) eine Aufwertung erfahren, dann können sich auch die lange brachliegenden Bauten wieder füllen.«, sagte Reiner Klingholz, einer der Autoren von »Urbane Dörfer«, der FAZ. Die Gentrifizierung sei zu Unrecht verschrien, so viel Marktwirtschaft müsse schon sein.

Eine Auseinandersetzung mit der Frage, was diese Regionen eigentlich brauchen und wer das beitragen könne, findet in umzugswilligen Gruppen aus der Stadt kaum statt. Plattformen wie das »Netzwerk Zukunftsorte« sprechen in ihren Positionspapieren davon, wie mit einer »neuen politischen Diversität durch Zuzug« der Rechtspopulismus ­geschwächt werden könne. Und die »negative Gesamtstimmung« bekämpfe man mit »Aufbruchstimmung im Umfeld von Impulsorten«. Kreative Menschen aus der Stadt sollen also der ländlichen Bevölkerung mit Carsharing und Montessori-Schulen ihre Vorstellung vom guten Leben vorführen. Eine Aufwertung könnte stattfinden, falls die AfD bei der kommenden Landtagswahl in Brandenburg nicht mehr die zweitstärkste Partei wird. Doch ob die Freunde des Landlebens sich wirklich der Aufgabe widmen wollen, mit ihrer »Diversität« eine »Aufbruchstimmung« zu erzeugen, ist fraglich, und auch an einer aufgeschlossenen Reaktion der Dorfnazis darf gezweifelt werden. Das Konzept Yoga mit Rechten statt Antifa klingt nicht sehr erfolgversprechend.