Heinrich Schultz, der Erfinder des autogenen Trainings, befürwortete Euthanasie

»Psychotherapeu­ti­scher Selektionsarzt«

Vor 50 Jahren starb Johannes Heinrich Schultz. Er gilt als Erfinder des autogenen Trainings. Weniger bekannt ist, dass er im National­sozia­lis­mus Karriere machte, die massenhafte Ermordung psychisch Kranker und Behinderter befürwortete und sich aktiv an der Verfolgung Homosexueller beteiligte.

»Ich bin ganz ruhig … Mein rechter Arm ist ganz schwer … Mein Atem fließt … .« Diese Formeln kennt jeder, der schon einmal autogenes Training ausprobiert hat. Das Entspannungsverfahren ist wissenschaftlich gut erforscht und hat sich als vielfältig wirksam erwiesen, etwa zur Reduktion von Spannungskopfschmerzen oder bei der Behandlung von Angststörungen und psychosomatischen Leiden. Auch unzähligen Gesunden hilft es beim Bewältigen von Alltagsstress. Zudem ist das autogene Training, anders als etwa die boomenden Meditations- oder Achtsamkeitsübungen, frei von esoterischer Kontamination und somit auch für Menschen attraktiv, die um Klangschalen und Räucherstäbchen lieber einen weiten Bogen machen.

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Doch auch das autogene Training hat unangenehme Aspekte, und zwar in der Person seines Erfinders, des 1884 geborenen Psychiaters Johannes Heinrich Schultz. Der Sohn eines evangelischen Theologen studierte Medizin in Göttingen, Lausanne und Breslau und verlegte sich nach seiner Approbation auf die Nervenheilkunde. Schon damals deutete sich an, dass er zwei Jahrzehnte später gute Karrierechancen haben würde: 1913 scheiterte seine angestrebte Habilitation vorerst, weil sich jüdische Kollegen an der psychiatrischen Klinik in Jena über antisemitische Äußerungen des jungen Arztes beschwert und mit Kündigung gedroht hatten.

Im Ersten Weltkrieg war Schultz in einem sogenannten Auffanglazarett tätig, wo er »Kriegsneurotiker«, »frontscheue Psychopathen« und »Zitterer« wieder fit für den Einsatz machte. Seine Behandlungsmethode: Die Patienten wurden einer »produktiven Tätigkeit zugeführt und in ihr gehalten«.

Auch nach dem Krieg behandelte Schultz Kriegstraumatisierte, wobei er das aus der Hypnose abgeleitete autogene Training entwickelte. Weder seine Begegnungen mit den seelisch schwer beschädigten Patienten noch seine eigenen Kriegserfahrungen brachten ihn dazu, am Militarismus zu zweifeln. Vielmehr schrieb er noch in seiner 1964 publizierten Autobiographie »Lebensbilderbuch eines Nervenarztes – Jahrzehnte in Dankbarkeit« glorifizierend: »In Wirklichkeit war die alte Armee das größte Volkserziehungsinstitut, das ­jemals in Europa existierte und sein Verlust ist sehr zu beklagen. War doch für den jungen Deutschen einigermaßen gesunder Art in allgemeinen Kreisen die Militärzeit etwa dasselbe wie die Studentenzeit für den Akademiker.«

Damit zeigt sich Schultz als typischer Deutscher seiner Generation. Ebenso typisch ist es, dass Bewertungen seiner Rolle im Nationalsozialismus aufgrund der 1945 einsetzenden kollektiven Amnesie beziehungsweise der allgemein verbreiteten Beschönigungen, was die eigene und die Beteiligung anderer betrifft, mit Vorsicht zu genießen sind. Selbst die größten Apologeten können jedoch nicht ignorieren, dass Schultz unter dem überzeugten Nazi Matthias Heinrich Göring, einem Vetter Hermann Görings, am Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie (DIPFP) in Berlin als stellvertretender Direktor tätig war.

In dieser Eigenschaft wusste er nicht nur vom »Euthanasie«-Programm, sondern befürwortete die Ermordung psychisch Kranker und Behinderter ausdrücklich: »Wenn ich persönlich zum zweiten Mal heute abend auf die Seite von Hoche treten muss (…) dann, indem ich an die ›Vernichtung von lebensunwertem Leben‹ erinnere und der Hoffnung Ausdruck geben darf, dass die Idiotenanstalten sich bald in diesem Sinne umgestalten und ­leeren werden«, berichtete er 1940. Er bezog sich auf den Psychiater Alfred Erich Hoche und dessen zusammen mit dem Strafrechtler Karl Binding 1920 veröffentlichte Schrift »Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens«, die damit dem NS-Mordprogramm den Weg bereiteten.

Besonders erwähnenswert ist Schultz’ aktive Beteiligung an der Verfolgung von Homosexuellen. Er vertrat die These, es gebe »erbliche« und »heilbare« Homosexualität und leitete eine Kommission, die Männer vor Zeugen zum Sex mit Prostituierten zwang, um herauszufinden, welcher Kategorie jemand angehörte. Regine Lockot, die 1985 über die Psychotherapie im National­sozialismus promovierte, schrieb, dass es Schultz dadurch gelungen sei, Homosexuelle vor Kastration, Euthanasie oder dem KZ zu retten – was sich reichlich zynisch liest, wenn man das Schicksal derjenigen bedenkt, die den per­versen Test nicht bestanden. Der Psychiater Ulrich Schultz-Venrath urteilte ein Jahr zuvor in der Taz denn auch ­wesentlich deutlicher: »Der Erfinder des autogenen Trainings war ein psychotherapeutischer Selektionsarzt.«

Schultz verkörperte beispielhaft postfaschistischer Kontinuitäten, als er in seiner 1952 erschienenen Schrift »Organstörungen und Perversionen im Liebesleben« Homosexualität zu den »Kümmer- und Krüppelformen allgemeiner Persönlichkeitsentwicklung« zählte; wenig überraschend befürwortete er auch die Beibehaltung des schwulenfeindlichen Paragraphen 175. Medizinern wie Schultz ist es zu verdanken, dass es noch bis 1984 dauerte, bis die WHO Homosexualität nicht mehr als Krankheit einstufte.

Auch sonst verlief Schultz’ Nachkriegskarriere exemplarisch: Biographen ließen die Jahre 1933 bis 1945 stillschweigend unter den Tisch fallen, er selbst bezeichnete sich in seinen ­Lebenserinnerungen als »von Herzen deutschen Menschen« – dass er aber »Nationalsozialist gewesen« sein soll, davon habe er »zum ersten Mal« durch die »Behauptungen über politische Belastungen meiner Person« kurz nach dem Krieg erfahren. »So möchte ich in Scham schweigen, fühle ich mich doch ebenso wie ein Mitglied einer ordentlichen Familie, in der plötzlich ein Sohn zum Raubmörder wurde, ohne eine ›Kollektivschuld‹ ­aller Deutschen anerkennen zu können«, lautet ein bezeichnender Satz ­seiner Autobiographie, der das Selbstbild vieler seiner Zeitgenossen widerspiegeln dürfte.

In Fachkreisen als Wegbereiter der modernen Psychotherapie hoch angesehen, starb Schultz vor 50 Jahren, am 19. September 1970. Eine kritische Forschung zu seiner Person begann erst in den achtziger Jahren, die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) brauchte noch bis 2002, um Schultz posthum die Ehrenmitgliedschaft abzuerkennen. Die von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene Enzyklopädie »Neue Deutsche Biographie« weiß bis heute lediglich zu berichten, Schultz habe sich in der NS-Zeit »im Hintergrund« gehalten.

Das autogene Training mag mit dem Wissen um die NS-Verbrechen seines Erfinders vielleicht nicht mehr ganz so entspannend sein. Aber Gelassenheit ist heutzutage angesichts der neuen Nazis, die allesamt keine sein wollen, ­eigentlich auch gar nicht angebracht.