Covid-19, Arbeiten und Ausgehen in Istanbul

Lock ’n’ Roll in Istanbul

Asena Hayal hat ihre DJ-Auftritte ins Internet verlegt, Batool Mohamad legt im »Zeytuna« vor einer begrenzten Anzahl von Gästen mit Masken auf.

Träumerisch lässt Asena Hayal den Blick über die glitzernden Wellen des Goldenen Horns schweifen. Am Seitenarm des Bosporus liegt eine ehemalige Werft, ein Industriedenkmal. Auf der linken Seite ragt das Hotel »Marmara Pera« mit seiner Glasfassade empor. Die Terrasse des Hotels »Büyük Londra« im Istanbuler Stadtteil Beyo­ğlu bietet eine unvergleichliche Aussicht. Schon Fatih Akin nutzte diese Kulisse in mehreren seiner Filme. »The Sound of Istanbul« ist einer seiner wenigen Dokumentarfilme. Er hat die bewegte Musikszene der Stadt zum Thema.

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Hayal, selbst in Deutschland aufgewachsen, liebt diesen Film. Doch nicht nur deshalb hat die 35jährige den Ort für ihre Geburtstagsfeier gewählt.

Im Internet erlangte Batool Mohamad 2014 mit satirischen politischen Musikvideos Bekanntheit. »I Love Death« und »I’m from Syria« waren große Hits bei säkularen syrischen Oppositionellen.

»Momentan haftet allen Indoor-Veranstaltungen etwas Verbotenes an«, meint sie, eine Spur von Traurigkeit huscht über ihr meist strahlendes Gesicht. Durch einen Erlass des Innenministeriums vom 16. März mussten alle Einrichtungen mit Alkoholausschank schließen. Seit dem 1. Juni dürfen Restaurants und Hotels, sofern sie Sicherheitsmaßnahmen gegen Infektionen ergriffen haben, wieder Gäste bewirten. Hayal sitzt mit einem ausgewählten Kreis von Freunden auf der Terrasse im Freien. Die Mund-Nase-Masken haben viele noch am Arm hängen, alle haben einen Drink vor sich stehen, Alkohol darf wieder öffentlich konsumiert werden.

Seit Jahren gehört die bildende Künstlerin zu den gefragten DJs der Stadt. Ihre Kindheit in Deutschland und ihre Universitätszeit in Istanbul sind ihr heute von Nutzen. »Ich habe viele Kontakte zur Musikszene in Berlin und bin auch manchmal dort.« Berliner Clubs wie »Kater Blau« haben immer wieder mal die Kooperation mit Clubs in der Türkei gesucht und sie zu Events eingeladen, wie auch umgekehrt.

Seit März tritt Asena Hayal, wie 50 ­ihrer Kollegen und Kolleginnen auch, nur noch online auf. »Life*fromistan­bul« ist ein Youtube-Kanal, der mit Live-Sets für das Internet die vielen, die sonst in Clubs gingen, zu unterhalten versucht. Doch seit einem Monat ist auch dort Sendepause. »Alle sind erst einmal an die Küste gefahren«, so ­Hayal. Doch sie selbst hatte keine Lust, Partys an die Strände an der Ägäis zu verlegen, wo vor allem Çeşme Alaçatı ein Brennpunkt dieser Szene ist. »Die Neuinfektionszahlen schnellen in der Türkei wie überall in die Höhe. Mir ist nicht nach Musik und Masse, dazu gehören für mich Unbeschwertheit und Stimmung. Und die kommen zurzeit nicht auf.«

Noch nie war der Sommer so leise in Istanbul. Die Zahl der Neuinfektionen war im Juli unter 1 000 pro Tag gesunken. Anfang September liegen sie wieder fast bei 1 500. Die Maskenpflicht wird hier sehr viel ernster genommen als in vielen deutschen Städten. Nicht nur in Läden, auch auf der Straße versuchen die Menschen, sich mit Sicherheitsabstand und Masken aneinander vorbei durch die Millionenstadt zu manövrieren. In den öffentlichen Verkehrsmitteln mahnen Schilder und Aufkleber, sich an die Regeln zu halten. Neben jedem besetzten Sitzplatz muss einer frei sein.

Im September erwacht die Stadt kulturell gemeinhin aus den Sommerferien. Konzerte, Eröffnungen von Ausstellungen sowie Neueröffnungen von hippen Lokalen und Clubs sind Highlights des gesamten Jahres. Doch 2020 mussten viele schließen. Der Club »Karga-Bar« im Stadtteil Kadıköy etwa ist seit März geschlossen. Murat Seçkin, der dort den Konzertbetrieb betreut, ist frustriert. »Die ersten Orte, die von der Pandemie getroffen wurden, waren Clubs mit Live-Konzerten wie wir.« Einzelne Künstler versuchten, in virtuelle Umgebungen auszuweichen, etwa auf Youtube, Facebook, Instagram oder Twitch. Das funktionierte aber nur dann zufriedenstellend, wenn sie bereits viele Follower hatten und Sponsoren anzogen. »Kurz gesagt, wir sehen uns mit der Tatsache konfrontiert, dass wir in unserem Arbeits­bereich, dem Unterhaltungssektor, völlig allein sind. Es gibt keine staatliche Organisation, die sowohl Clubs als auch Künstler und die Angestellten in der Branche unterstützt.« Das »Karga« wurde zwar, wenn es keine Konzerte gab, als Kneipe betrieben, da es aber als Musikbar lizenziert ist, muss es bis auf weiteres geschlossen bleiben. »Wir gelten als Ort der Massenunterhaltung, ein Ende des Betriebsverbots ist noch nicht in Sicht«, sagt Seçkin. Bis Januar reichen die Rücklagen der Betreiber, was danach passiert, weiß derzeit niemand.

In Karaköy an der Galatabrücke versuchen Kellner vor den Restaurants Gäste in die Lokale zu locken. Vor allem diejenigen mit Terrasse werden bevorzugt. Ein Boot mit Festbeleuchtung ist etwas weiter draußen in der Meerenge zwischen dem europäischen und dem asiatischen Kontinent zu sehen. Noch besser aber ist es zu hören. Laute orientalische Rhythmen werden vom Brüllen eines DJ übertönt. Partyboote dieser Art sind nach den hiesigen Coronaauflagen eigentlich verboten. Ein Boot der Küstenwache kommt angerast, nähert sich der Yacht und entfernt sich dann wieder. Der Kellner Murat Ö. vom Restaurant »Afrodit Paradise« grinst. »Entweder die haben da ganz strenge Sitzordnungen und alle haben ihre Maske aufgezogen, oder sie regeln das anders.« Viele Boote werden von Arabern gemietet, die Privatpartys anmelden. Mit Auflagen ist das erlaubt. Dennoch verdächtigen die Einheimischen diese »Syrer-Boote« generell, die Regeln zu unterlaufen.

Das ist ungerecht, findet Batool Mohamad, die wie Asena Hayal in Istanbul erfolgreich als DJ auftritt. Beide sind im gleichen Alter, Mohamad flüchtete allerdings vor vier Jahren aus Syrien nach ­Istanbul. An Wochenenden nutzt sie im Restaurant »Zeytuna« eine Nische. ­Lokale dürfen für private Partys genutzt werden, allerdings unter strengen Auf­lagen. Das »Zeytuna« liegt in einem Altbau unterhalb der Galatasaray-Schule, maximal 45 Gäste dürfen gleichzeitig im Lokal sein. Am Eingang und im ganzen Gebäude stehen Spender mit Des­infektionsmitteln. Die Gäste verteilen sich über das Gebäude, mehr als zehn bis 15 dürfen sich nicht in einem Raum aufhalten, die meisten stehen auf der Terrasse. Dort dürfen die Masken abgenommen werden.

Mohamad ist eigentlich Schauspielerin, eine Abgängerin des High Institute for Dramatic Arts in Damaskus. 2011 nahm sie an den Demonstrationen in Damaskus und Homs teil, dann musste sie Syrien verlassen. Seit vier Jahren macht sie Musik und produziert unter dem Künstlernamen Om.El Beat hauptsächlich im Internet. Eigentlich war sie im vergangenen Jahr bereits nach ­Kanada ausgewandert, kam jedoch Anfang dieses Jahres zurück, um am Bosporus zu arbeiten. Dann kam der lockdown. Bereut hat sie die Rückkehr nie: »Hier sind eigentlich meine Szene und mein Publikum.« Seit Juli legt sie an den Wochenenden im »Zeytuna« auf.

Die Künstlerin trägt bei der Performance keine Maske, die Gäste müssen aber einen Sicherheitsabstand von zwei Metern einhalten. Es sind fast alles Bekannte und Freunde aus der arabischen Exilszene. »Für mich waren die Pandemieverbote zunächst absurd«, gibt Batool Mohamad zu, »doch mittlerweile haben wir alle vor allem in Syrien Verwandte und Freunde, die infiziert sind. Bei einer katastrophalen medi­zinischen Versorgung für die Normalbevölkerung.«

Für die arabischen Exilierten sind Treffpunkte wie das »Zeytuna« wichtige soziale Anlaufpunkte. Viele leben in kleinen Wohnungen, die es erschweren, sich zu treffend. Im »Zeytuna« legt ­Mohamad vor allem Dubstep-Rhythmen auf, durchmischt mit Sequenzen arabischer Stücke. Im Internet erlangte Batool Mohamad 2014 mit satirischen politischen Musikvideos Bekanntheit. »I Love Death« und »I’m from Syria« waren große Hits bei säkularen syrischen Oppositionellen. Das milita­ristische Schulsystem in Syrien und die Brutalität sowohl des »Islamischen Staats« als auch des Assad-Regimes nimmt sie mit beißendem Spott aufs Korn. An eine Rückkehr nach Syrien ist nicht mehr zu denken, seit die Stücke auf Youtube tausendfach geteilt wurden.

Asena Hayal lud Batool Mohamad immer mal wieder zu gemeinsamen Aktionen ein. Derzeit haben die beiden keinen Kontakt. Die Pandemie hat ­jeden auf seine eigene Szene zurückgeworfen. Beide möchten, dass sich das wieder ändert. »I’m from Syria« – der Refrain hallt durch das halbleere »Zeytuna«. Von der Straße ist am Eingang des Restaurants vor allem der Desinfektionsspender zu sehen. Kein Ton dringt nach draußen.