Gästeliste in der Diskussion

Sinn und Unsinn von Gästelisten

Sind Gästelisten Fluch oder Segen für Clubbesuchende und Veranstalter?

Demokratie auf der Tanzfläche

Die Gästeliste fördert selbstverständlich die Demokratie auf der Tanzfläche. Wer das anzweifelt, glaubt womöglich, ein politischer Rave sei möglich und die Partyszene nicht mehrheitlich männlich und weiß geführt. Die Frauen toben sich nämlich freiwillig hauptsächlich schön bei der Dekoration aus oder blocken im Produktionsbüro den Stress ab oder polstern mit ihren Soft Skills den Safe Space ab. Und der junge Mann aus Südamerika ist eben deswegen der Runner, weil er leider, leider nicht genügend Deutsch spricht – hat mit Rassismus nichts zu tun. Aber genug des Club-Bashings!

Eine Gästeliste wirkt durch alle Hierarchien hindurch, zumindest wenn nicht nur Boss und DJ, sondern auch Putz­mann und Garderoben­girl ihre Freunde draufschreiben dürfen.

Denn es gibt ja auch viel Gutes an Clubs, zum Beispiel die Gästeliste. Sie eignet sich hervorragend, um ein möglichst diverses Clubpublikum zusammenzustellen – zumindest wenn Booking und Einstellungspolitik divers sind. Eine Gästeliste wirkt nämlich durch alle Hierarchien hindurch, besser als der trickle down-Effekt, zumindest wenn nicht nur Boss und DJ, sondern auch Putzmann und Garderobengirl ihre Freundinnen und Freunde draufschreiben dürfen.

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Die Gästeliste mag die Menschen benachteiligen, deren Namen nicht auf ihr stehen. Aber soll deswegen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nicht zugestanden werden, dass sie bei der Arbeit Besuch von Freunden bekommen? Unter diesen sind zudem sicher Leute, die sich das Eintrittsgeld nicht leisten können oder die die falschen Turnschuhe tragen.

Denn machen wir uns nichts vor, an Clubtüren wird nach unfairen Kriterien ausgesiebt – auch mal nach rassistischen. Solche Clubs sollte man natürlich meiden, die kann auch eine Gästeliste nicht retten. Aber es ist nun mal das Prinzip eines Clubs, dass er Menschen ausschließt, und aus denen, die reindürfen, künstlich eine Gemeinschaft kreiert. Wer die Technoszene als Utopie versteht, der will sich wohl partout keine Gedanken über eine bessere Welt machen, die länger andauert als der schlechte Übergang von DJ Empowerment. Aber: Eine Gästeliste kann das System Club durchlässiger machen.

Die Gästeliste schließt Menschen aktiv ein. Nehmen wir die alten Menschen Mitte 30 zum Beispiel, die eine Stunde Schlangestehen überhaupt nicht aushalten könnten, ohne einzuschlafen. Ohne Liste gäbe es also eher weniger alte Menschen im Club. Ebenso Menschen mit aufwendigen Outfits, die auf Plateausohlen schlecht stehen können oder in Fetischklamotten schnell frieren würden. Oder Menschen mit geringem Selbstbewusstsein, deren Ego es nicht zulässt, sich anzustellen. Will man auf die auf der Tanzfläche verzichten? Ja wohl eher nicht.

Was noch gut ist an der Liste, die in besonders sympathischen Fällen kurz vor Ladenöffnung ausgedruckt wird und am Ende der Party mit Zusätzen in Sauklaue versehen ist: Als Türsteher mit der Kladde in der Hand kommt man mit den potentiellen Gästen an der Tür ins Gespräch. Man kann erst mal ganz unverbindlich danach fragen, ob das Gegenüber zufällig auf der Gästeliste stehe. Wer patzig reagiert, einen halblustigen Gag macht oder mit dem ollen Trick »Äh, ich müsste bei Sven draufstehen« für nervigen Zeitverzug sorgt, den kann man charmant darauf hinweisen, dass es heute leider eher nichts wird. Wer freundlich ist, schont das Ego der Dann-doch-nicht-Gäste. Der Grund der Abweisung bezieht sich nicht auf persönliche Merkmale, sondern einfach auf die Formalie: Heute nur mit Liste. Auch als DJ kommt man durch die Gästeliste mit Menschen ins Gespräch. Vor jedem Gig bekommt man auf diversen Kanälen unzählige mal mehr, mal weniger freundliche Nachrichten wie »Ey, haste noch Liste für heute. Wär’ fett« zugesandt und man weiß ja nie, aus welch unscheinbaren Momenten sich das Band der Liebe spannen kann.

Wer nun einwendet, auf der Liste stünden oft auch besonders privilegierte Menschen, hat recht. Aber für die haben sich die netten Leute der Kampagne »Plus 1 – Refugees Welcome« ein Spendensystem ausgedacht, den gesparten Eintritt an Projekte zu spenden, die Geflüchtete unterstützen. Jeder, der umsonst einen Club, eine Party oder ein Festival besucht, kann freundlich auf seine Verantwortung in so einer Demokratie hingewiesen werden. Ist doch gut.

Von Laura Ewert

 

Clubfeudalismus abschaffen

Der König sitzt im Eingang eines Clubs an einem Pult. Darauf sind Zettel verteilt, auf die eine Leselampe Licht wirft. Doch diese Gästelisten würdigt der König kaum eines Blicks. Er hat auch kein Ohr für die Musik, die aus dem Saal hinter ihm dringt, oder für die Gesprächsfetzen, die von den Tresenkräften und den Garderobieren zu ihm wehen. Stattdessen kritzelt er hastig etwas in einen Schreibblock, der auf den Blättern liegt, und hackt fahrig mit zwei Fingern auf den Touchscreen eines Tablet ein. Den Rest der Fläche auf dem Pult füllt Ralf Konersmanns philo­sophischer Bestseller »Die Unruhe der Welt« aus.

Der König weidet sich an dem defensiven Ton, mit dem der Gast seinen Nachnamen aufsagt.

Beim Kritzeln und Hacken passt dem König keine Unterbrechung in den Kram, denn sein eng getakteter Zeitplan wird dadurch noch enger. Nur lebt leider jemand auf der Erde, der dafür wenig Verständnis aufbringt und sich unglücklicherweise auch noch soeben dem Club nähert. Es ist der Gast. Offenbar hat dieser seine gute Kinderstube vergessen, denn er kommt schlendernd und ganz ohne untertänige Anrede auf den König zu. Der Gast erreicht das Pult. So nah steht er da, dass er nur die Hand heben müsste, um das Pult zu berühren.

Der König staunt über solche Unverfrorenheit. Fällt dem Flegel wirklich nicht auf, vor wem er an diesem Pult in diesem Club steht? Begreift der Gast nicht, dass den König dessen Amt manchmal zwingt, die Regierungsgeschäfte weit weg von seinem Schloss zu erledigen, weil die Wände dort Ohren haben und die Diener egoistischen Gedanken nachhängen? Während der König gekränkt in Grübeleien über diese Fragen versinkt, tauchen hinter dem ersten Gast weitere Gäste auf. Sie wagen es, laut zu reden und ganz ungeniert zu lachen. Zwischendurch scharren sie sogar mit den Füßen und werfen unwirsche Blicke nach vorn zu ihm. Offenbar sehen sie im König nichts als ein lästiges Hindernis auf dem Weg in den Saal. Als dem König das klar wird, verharrt er einen Moment mit weit aufgerissenen Augen.

Dann fährt er aus der Haut. Er schlägt den Kopf gegen die Wand, einmal, nochmal und ein drittes Mal. Während ihm Blut aus den Haaren rinnt, ruft er donnernd laut aus: »Ich bin der König!« Augenblicklich stellen die Gäste ihre Gespräche ein. Dem König fehlt die Übung, um vom Protokoll abweichende menschliche Verhaltensweisen richtig einzuschätzen, weshalb er die auffällige Stille für Ehrerbietung hält. Tatsächlich ärgern sich alle über den seltsamen Vogel, der da vorn am Pult den ganzen Laden aufhält. Doch davon bekommt der König schon nichts mehr mit, denn ihn fesselt nun der Anblick des Gastes, welcher als erster an sein Pult getreten war. Aus dessen Gesicht ist jede Farbe gewichen. Der König hat ihn erfolgreich eingeschüchtert. Er weidet sich an dem defensiven Ton, mit dem der Gast seinen Nachnamen aufsagt. Mit tief in die Brust gesenktem Kinn wartet er ab, während der König mit extra umständlichen Bewegungen, garniert mit dem einen oder anderen Seufzer, den Block, das Tablet und das Buch zur Seite schiebt.

Die Gäste sehen zu. Der König sieht, dass sie zusehen, und weiß dadurch, dass sein Moment gekommen ist. Auf einem der nun freiliegenden Zettel – der Gästeliste – findet er den Namen des Gastes und zieht hinter diesen ­einen würdevollen Strich. Danach hebt der König den Kopf so langsam, als tauchte er aus einem Meer von Gedanken auf. Der Gast fasst diese Bewegung als Erlaubnis auf, ebenfalls – aber nicht zu schnell! – den Kopf zu heben, artig »Danke!« zu sagen und sich ohne weitere Sperenzchen in den Saal zu verfügen. Beflissen folgen die restlichen Gäste seinem Beispiel. Danach hört der König doch noch die Musik aus dem Saal, weil sie auf einmal klingt, als würde sie nur zu seinen Ehren gespielt. Er lächelt entspannt. Zwischen den Händen drückt er ein paar Mal einen imaginären Energieball zusammen, wodurch seine Selbstsicherheit zurückkehrt. Die Moral der hier erzählten Geschichte hat er ihr selbst beigebracht: Dieser König ist und bleibt das erste Arschloch des Staates.

Von Kristof Schreuf