Ein Kommentar zur Debatte über BDS bei der »Texte zur Kunst«

Anti mit Einschränkung

Die neueste Ausgabe von »Texte zur Kunst« ist dem ­Antisemitismus gewidmet. Sie gefiel nicht allen.

Die gegen Israel gerichtete Boykottkampagne BDS hat ihre bekanntesten Unterstützer unter Künstlern, vor allem Musikern. Weniger bekannt ist, dass BDS beziehungsweise mindestens die latente Abneigung gegen Israel auch unter Bildenden Künstlern en vogue ist. 2017 beispielsweise zeigte die Künstlerin Jumana Manna im Hamburger Bahnhof in Berlin ihre Videoarbeit »A Magical Substance Flows Into Me«, bestehend aus Aufnahmen von Menschen aus Israel, die volkstümliche Musik spielen. Im Ausstellungstext war dazu zu lesen, Mannas Arbeit ziele darauf, »die Verwobenheit dieser Identitäten sichtbar zu machen, die sich den Auslöschungen und Vertreibungen durch das zionistische Projekt widersetzt«. Für Wirbel sorgte dieser Text nicht. Dagegen gab es 2019 eine kleine Debatte über den Künstler Walid Raad, der mit dem Aachener Kunstpreis geehrt werden sollte. Die Stadt zog ihre Beteiligung zurück, nachdem Raads Eintreten für BDS bekannt geworden war; der ebenfalls beteiligte Verein der Freunde des Ludwig-Forums in Aachen hielt an der Preisvergabe fest, da Raad zwar BDS unterstütze, aber nicht das Existenzrecht Israels in Frage stelle. Dass das eine schwer ohne das andere geht – geschenkt.

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Dass sich die Zeitschrift Texte zur Kunst dieser und ähnlicher Kontroversen annimmt, war eigentlich überfällig. In der Anfang September erschienenen Ausgabe »Anti-Antisemitismus« ging es dann aber eher allgemein und nicht kunstspezifisch um Israel-Hass und Antisemitismus. Zu einem »Roundtable-Gespräch« kam es nach Angaben der Redaktion nicht, »da es einigen der angefragten Diskutant*innen zu BDS-kritisch erschien«.

Auch andere ließen es sich nicht nehmen, eine »Problematisierung« zu verfassen: Einige Mitglieder des Beirats der Zeitschrift, nämlich Susanne Leeb, Jenny Nachtigall, Juliane Rebentisch, Kerstin Stakemeier und Diedrich Diederichsen, fühlten sich dazu bemüßigt, Ende September eine »Stellungnahme« zu ver­öffentlichen, in der sie kritisierten, dass die Ausgabe als »Anti-BDS-Nummer« wahrgenommen würde. BDS sei aber eine von »durchaus heterogenen Kräften« getragene Organisation, die man »unabhängig davon, wie man selbst zum BDS stehen mag«, vor der »Identifikation« mit Antisemitismus beschützen müsse, da dies »politisch fatal« sei. Äußerst verklausuliert wird dann ausgeführt, dass die »notwendige (…) Selbstaufklärung der Linken über (…) linken Antisemitismus in Deutschland« und die daraus folgende »Position zum Nahost-Konflikt« nicht auf eine »internationale Szene projiziert« werden könne. Langer Rede, kurzer Sinn: Die deutsche Linke (wobei man sich fragt, welche das genau sein soll) sei israelfreundlich und soll damit bitte den Rest der Welt nicht belämmern.

Das Thema der Stunde sei nämlich die »Dekolonisierung unserer Gegenwart«. Während die Verfasser allerdings den Autoren der Zeitschrift unterstellen, Antisemitismuskritik gegen Dekolonisierung auszuspielen, tun sie es selbst, und zwar ausgerechnet am Beispiel Achille Mbembe, dessen Argumentation in einem Beitrag, so der Einwand, »antisemitisch vereindeutigt« würde. Was muss man eigentlich tun, um bei deutschen Professoren als antisemitisch gelten zu dürfen? Israel ahistorisch und in denunziatorischer Absicht mit dem südafrikanischen Apartheidsystem zu vergleichen, reicht offenbar nicht aus.

Auch die Redaktion von Texte zur Kunst veröffentlichte ein Statement, in dem sie wissen ließ, dass nicht jede der »oft berechtigten Forderungen« von BDS antisemitisch sei. In den kommenden Wochen will die Redaktion weitere kritische Statements zur Ausgabe veröffentlichen, alles wohl des lieben akademischen Friedens wegen, und wohl auch, weil man weiß, wie BDS-affin viele im eigenen Milieu sind. Von denen, die »Anti« auf ihr Cover schreiben, sollte man mehr erwarten dürfen.