Christian Meyer untersucht den Begriff des Privaten im Nationalsozialismus

Aus einem Reich ohne Wände

Auf der Grundlage autobiographischer Aufsätze deutscher Emigranten zeigt Christian Meyer in seiner Studie »(K)eine Grenze«, dass es im Nationalsozialismus zu einer zentralen sprachlichen Praxis wurde, zwischen Privatem und Politischem zu unterscheiden.

In der letzten Vorkriegsausgabe der in New York herausgegebenen deutsch-jüdischen Emigrantenzeitung Aufbau erschien eine aus ­heutiger Sicht skurrile Anzeige. Diese hatten drei Wissenschaftler an der Harvard University aufgegeben. Sie richtete sich »an alle, die Deutschland vor und nach Hitler gut kennen«, und stellte für die besten Aufsätze zum Thema »Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933« ein Preisgeld von 1 000 US-Dollar in Aussicht. Das Material benötigte die Wissenschaft »für eine Untersuchung der gesellschaftlichen und seelischen Wirkungen des Nationalsozialismus auf die deutsche Gesellschaft und das deutsche Volk«.

An den Autobiographien kann man ablesen, wie stark der Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf nahezu alle Teile der Bevölkerung war. Das rassen­ideologische Denken hat auch die Semantik derjenigen verändert, die zu den Opfern der National­sozialisten gehörten.

Der deutsche Historiker Christian Meyer hat sich der 1939/1940 an der Harvard University gesammelten Lebensberichte der Emigranten und Emigrantinnen erneut angenommen. Gemeinsam mit anderen Dokumenten bilden sie die Grundlage für seine sprachwissenschaftliche Studie »(K) eine Grenze. Das Private und das ­Politische im Nationalsozialismus 1933–1940«, in der er zeigt, wie im »Dritten Reich« zwischen Privatem und Politischem unterschieden wurde. Die Berichte der Harvard-Studie boten sich insofern als Materialsammlung an, als Meyers Interesse vor allem der Frage galt, »wie stark sich die Politik der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft in der Sprache widerspiegelt«.

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Die US-amerikanischen Wissenschaftler werteten 1940 mehr als 250 Zuschriften aus; mindestens zwei Drittel der Verfasser nannten sich entweder selbst jüdisch oder waren von den Machthabern des NS-Regimes als jüdisch bezeichnet worden. Ursprünglich war die Harvard-Studie für wissenschaftliche Zwecke gedacht, schnell bekam sie aber auch eine politische Bedeutung: Das Preisausschreiben fand in einer Zeit statt, als in den USA kontrovers über den Kriegseintritt diskutiert wurde. Edward Y. Hartshorne, einer der drei Initiatoren des Preisausschreibens, wurde 1941 stellvertretender Vorsitzender im »Committee on Morale and National Unity« der »American Defense Group« der Harvard University. Ein wichtiges Ziel der Gruppe war es, die US-amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit des Kampfs gegen den Nationalsozialismus zu überzeugen. Die Harvard-Manuskripte halfen dabei, belegten sie doch auf eindringliche Weise den Unrechtscharakter des »Dritten Reichs«.

Mit der sogenannten Machtergreifung 1933, spätestens mit den »Nürnberger Gesetzen« zwei Jahre später waren die Opfer gegenüber den Tätern »immer exponiert, blieben auf Schritt und Tritt zählbar«, wie der Historiker Raul Hilberg 1992 in seinem Buch »Täter, Opfer, Zuschauer« schrieb. Der Rückzug ins Private war ein verzweifelter Versuch, sich dem Zugriff zu entziehen. Es mag dabei auch eine Rolle gespielt haben, dass viele Juden im »Dritten Reich« nur langsam, gegen innere Widerstände, die Erkenntnis zuließen, dass es für sie in Deutschland keine Zukunft gab. Viele betrachteten sich als assimiliert und fühlten sich eben als Deutsche, die wichtige Positionen einnahmen und Freundschaften zu Nichtjuden unterhielten. Die Gefahr für Leib und Leben wurde gerade in den ersten Jahren nach der »Machtergreifung« unterschätzt und verdrängt. Lion Feuchtwanger hat dies schon 1933 eindrucksvoll in seinem Roman »Die Geschwister Oppermann« beschrieben.

»Mein Interesse«, sagt Christian Meyer der Jungle World, »galt der Zeit von 1933 bis 1939/40. Ich wollte wissen, wie stark sich die Politik der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft in der Sprache der Ego-Dokumente widerspiegelt.« Es seien vor allem die Exiltagebücher des Philosophen Karl Löwith gewesen, die bei ihm das Interesse geweckt hätten, sich mit dem individuellen Erleben zu befassen.

Meyer leitet das Buch mit dem Zitat eines Arztes ein, der von einem Traum berichtet. »Während ich mich nach der Sprechstunde, etwa gegen neun Uhr abends, mit einem Buch über Matthias Grünewald friedlich auf dem Sofa ausstrecken will, wird mein Zimmer, meine Wohnung plötzlich wandlos. Ich sehe mich entsetzt um, alle Wohnungen, so weit das Auge reicht, haben keine Wände mehr. Ich höre einen Lautsprecher brüllen: ›Laut Erlass zur Abschaffung von Wänden vom 17. des Monats‹.«

Die Bedrohung erscheint in vielen Aufzeichnungen als total.

Neu ist für Meyer die Erkenntnis, dass bestimmte sprachliche Wendungen in den Berichten der Exilanten immer wieder auftauchen, unabhängig von deren Geschlecht und Alter. Die Formulierung, man müsse »unter vier Augen sprechen«, komme regelmäßig in den Aufzeichnungen vor. »Es ist das Sprechen über politische Themen insgesamt – das ›über Politik reden‹ oder ›politisieren‹ –, das stellvertretend für systemkritisch interpretierbare Kommunikationsakte stand«, schreibt Meyer. Selbst in Heimen, in denen »Juden ganz unter sich waren«, seien überall Schilder angebracht gewesen, »die den Gästen das Politisieren verboten«, berichtet eine Autorin.

»Es hat eine Verschiebung stattgefunden, weshalb man permanent über Sprache, das Politische, Private reflektieren musste«, sagt Mayer. »Nur so konnte man erkennen, was als politisch – und somit strafbar – ausgelegt wird und was nicht.«

Carl Schmitt definierte das Wesen des Politischen durch die Kategorien Freund und Feind. Diese durchdringen im Nationalsozialismus das ­Private. So berichtet der Arzt Albert Dreyfuß über eine Freundin seiner Frau, dass politische Scherze, die sie in Gegenwart ihrer Hausangestellten gemacht habe, dazu führten, dass sie für fünf Monate ins Zuchthaus musste.
Das war kein Einzelfall und setzte sich bis in die Familien hinein fort. »Das Reden über die Familie kreiste immer um den Pol der Geschlossenheit und Gemeinschaft«, sagt Meyer. Für die verfolgten jüdischen Familien stand der Kampf um ihren Erhalt im Vordergrund. Das Haus und die eigene Wohnung wurden so zum erzwun­genen Aufenthaltsort. »Die Rückzugs­semantik vereinte altersübergreifend eine Vielzahl von Autorinnen und Autoren«, so Meyer. Die Wienerin Gertrude Wickerhauser Lederer, die mit einem Juden verheiratet war, schreibt über die Zeit nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich: »Die Vorhänge wurden vor die Fenster gezogen, die Türen waren versperrt und wir fühlten uns sicher. Das waren jene glück­lichen Tage, wo wir glaubten, des Abends und Nachts in unseren eigenen vier Wänden sicher zu sein.«

An den Autobiographien kann man zudem ablesen, wie stark der Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf nahezu alle Teile der Bevölkerung war. Das rassenideologische Denken hat auch die Semantik derjenigen verändert, die zu den Opfern der Nationalsozialisten gehörten. Begriffe wie »arisch« oder »nichtarisch« werden in den Texten benutzt, als seien es selbstverständliche Kategorien. Dies werde besonders dort deutlich, wo zwischen »arischen« und »nichtarischen« Freunden unterschieden wird, erläutert Meyer, »nur selten reflektierten die Autorinnen und Autoren die Bedeutung der Unterscheidung«.
Manche Berichte lesen sich auch wie ein Abschied von Deutschland und ein Versuch, in den USA anzukommen. »Mit den Autobiographien haben die Verfasser sich auch eine neue Identität erschaffen wollen. Sie wollten zeigen, dass sie es wert sind, aufgenommen zu werden«, glaubt Meyer. Zumal nicht wenige US-Bürger die Emigranten skeptisch sahen. Es gab Befürchtungen, dass sie den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnähmen oder dass Nazispione ins Land kämen. Das betraf auch jüdische Emigranten, die mit ihren Berichten diese Zweifel natürlich beseitigen wollten. »Man muss immer bedenken, für wen die Verfasser die Texte geschrieben haben und dass es keine Tagebücher, sondern bis zu einem gewissen Grad öffentliche Dokumente sind«, sagt Meyer.

Unabhängig davon, ob man der These zustimmt, dass das Private im Nationalsozialismus politisiert wurde: Das Sprechen darüber hat dazu geführt, dass die semantische Grenze zwischen Privatem und Nichtprivatem gestärkt wurde. »Die Menschen haben ständig darüber nachgedacht, was noch privat ist oder nicht; in diesem Sinne war das Politische immer präsent. Selbst dann, wenn sie gesagt haben, der Staat hat unser Privatleben aufgefressen, benötigen sie die semantische Trennung zwischen privaten und politischen ­Begriffen«, so Meyer. Das Private war für die Verfolgten kein sicherer Ort im Abseits, sondern ein fragiles Gebilde, das jederzeit unter dem Druck des Politischen zusammenbrechen konnte.

Christian Meyer, (K)eine Grenze. Das Private und das Politische im Nationalsozialismus 1933–1940, De Gruyter Oldenbourg /Berlin / Boston 2020, 333 Seiten, 49,95 Euro