30 Jahre »Deutsche Einheit« bedeuten 30 Jahre rechter Terror

Fackeln, Steine und Benzin

30 Jahre nach der Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik ist der deutsche Nationalfeiertag noch immer ein Festtag für Neonazis. Ein Rechercheteam hat begonnen, die Gewaltgeschichte dieses Tages zu dokumentieren.

Etwa 250 Rechtsextreme zogen am 3. Oktober durch Berlin-Lichtenberg. Zu der Demonstration aufgerufen hatte die neonazistische Kleinpartei »Der III. Weg«. Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet und aus anderen europäischen Ländern beteiligten sich. Ihnen stellten sich bis zu 2 000 Gegendemonstranten in den Weg und blockierten teilweise erfolgreich die Route.

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Regelmäßig finden am »Tag der Deutschen Einheit« extrem rechte Demonstrationen statt. So zog vergan­genes Jahr der Verein »Wir für Deutschland«, in dem ehemalige Funktionäre der rechtspopulistischen Pro-Bewegung ein neues Betätigungsfeld suchten, mit seinen Anhängern unter dem Motto »Merkel muss weg« durch Berlin-Mitte. Proteste gab es damals nur vereinzelt. Auch die NPD hat den 3. Oktober in der Vergangenheit wiederholt für Aufmärsche genutzt.

Lange Zeit wurde nicht darüber gesprochen, dass Menschen um ihr Leben fürchten mussten, während Deutschland sich selbst feierte.

An einem Tag, an dem Deutschland sich selbst feiert, wollen Rechte jeder Couleur nicht abseitsstehen. Politik und Medien beklagen dann gerne, dass Neonazis die Einheitsfeiern missbrauchten. Ausgeblendet wird dabei die rechtsextreme Gewalt, die sich vor 30 Jah­ren in den Wochen und Monaten vor der sogenannten Wiedervereinigung auf dem Gebiet der DDR und in schwächerer Form auch in Westdeutsch­land Bahn brach. Ihr fielen Menschen zum Opfer, die nicht den Vorstellungen der Nazis entsprachen, sei es wegen der Hautfarbe, der sexuellen ­Orientierung oder der politischen Einstellung.

Eine Gruppe Antifaschisten aus Jena und Umgebung hat zum 30. Jahrestag des Beitritts der DDR zur Bundes­republik die Fälle rechtsextremer Gewalt an dessen Vortag, dem 2. Oktober 1990, recherchiert und auf der Website Zweiteroktober90.de dokumentiert. Die Mitglieder des Rechercheteams haben die Zeit nicht selbst erlebt. »In Gesprächen mit ­Leuten, die 1990 in der Hausbesetzerszene in Thüringen aktiv waren, habe ich erfahren, dass es am Vorabend der Wiedervereinigung 1990 in Jena, Weimar und Erfurt Angriffe auf die besetzten Häuser gab. Das hat mich aufhorchen lassen.« So beschreibt Konstantin Behrends, der das Projekt initiiert hat, im Gespräch mit der ­Jungle World seine Motivation. Zusammen mit Julian Kusebauch, Laura Pe­ter und Thomas Wicher bildete er ein Rechercheteam, das ohne finanzielle Unterstützung Zeitzeugen befragte und Archive der antifaschistischen Bewegung durchforstete.

»Die Angriffe am Vorabend der Wiedervereinigung vor 30 Jahren waren in den Zeitungen meist nur Rand­notizen, was die Recherche erschwerte«, berichtet Behrends. Zudem leben einige der Opfer, zu denen ehemalige Vertragsarbeiter aus asiatischen oder afrikanischen Staaten gehören, nicht mehr in Deutschland. Trotzdem ist es dem Team gelungen, eine lange Liste von rechtsextremen Angriffen zusammenzustellen. Beispielsweise randalierten am Abend des 2. Oktober 1990 etwa 150 Neonazis in der Leipziger Innenstadt. Daran waren Funktionäre der 1984 von Michael Kühnen und Christian Worch gegründeten Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) beteiligt, die für mehrere Jahre eine Schlüsselrolle im Neonazimilieu spielte. Auch in Magdeburg randa­lierten Neonazis. Sie griffen ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbei­ter an. In Guben und Hoyerswerda ­waren am selben Abend Wohnheime von Vertragsarbeitern aus Mosambik Ziel gewalttätiger Übergriffe.

Auch besetzte Häuser und linke Jugendtreffs trafen am Abend des 2. Oktober 1990 rechtsextreme Attacken. In Weimar griffen 150 Neonazis ein besetztes Haus in der Gerberstraße mit Steinen und Molotow-Cocktails an. Die Polizei unterband die Angriffe. In Erfurt brannte bei einem Angriff auf ein Jugendzentrum ein Nebengebäude ab.
Dramatische Szenen spielten sich in der sachsen-anhaltischen Stadt Zerbst ab. Dort belagerten etwa 250 Neonazis die besetzte Kötschauer Mühle, in der sich Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren einen Freizeittreff geschaffen hatten. Als das Haus nach stundenlangen Auseinandersetzungen Feuer fing, retteten sich 17 Jugendliche auf den Giebel des Gebäudes. Oliver L., einer der Angegriffenen, berichtete in einem Video viele Jahre später, dass die von den Flammen Eingeschlossenen Rasierklingen verteilten, weil sie sich selbst töten wollten, um nicht bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Die Feuerwehr erreichte das Haus in letzter Minute und stellte ein Luftkissen auf, das für das Springen aus fünf Metern Höhe zugelassen war. Mehrere der Jugendlichen, die von dem 18 Meter hohen Giebel springen mussten, verletzten sich erheblich und mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Oliver L. sagte der Jungle World, die Angegriffenen hätten unter den Belagerern der Kötschauer Mühle auch Mitschüler und Nachbarn erkannt. Ermutigt fühlte sich der Mob durch Meldungen der Regionalpresse, denen ­zufolge die Volkspolizei über die geplanten Angriffen informiert war, aber personell nicht in der Lage sein würde einzugreifen. Das verstanden die Rechtsextremen als Freibrief. Tatsächlich ist keiner von ihnen juristisch belangt worden.

Nachdem Zweiteroktober90.de die Informationen über den Angriff ­veröffentlicht hatte, organisierte Oliver S. ein Treffen der damals Eingeschlossenen. Es sei eine sehr emotionale Begegnung gewesen, berichtete S. der Jungle World. Lange Zeit wurde nicht darüber gesprochen, dass Menschen um ihre Leben fürchten mussten, während Deutschland sich selbst feierte. Die »friedliche Revolution« jedenfalls war alles andere als friedlich. Gerade 1989/1990 eskalierte die neonazistische Gewalt. Während Bürgerinnen und Bürger demonstrierten und später die sogenannten Runden Tische tagten, verfolgten und terrorisierten Neonazis vielerorts Angehöri­ge marginalisierter Gruppen, wie das Rechercheteam Zweiteroktober90.de konstatiert.

Das Team betont aber auch, dass die Angegriffenen sich wehrten, wie etwa die Jugendlichen der Kötschauer Mühle in Zerbst oder die Besetzer in der Weimarer Gerberstraße. Die Mehrzahl der aufgelisteten Überfälle fand auf dem Gebiet der sich auflösenden DDR statt. Doch es sind auch zahlreiche Naziangriffe in westdeutschen Städten aufgeführt. In Aachen, Hamburg, Bielefeld und anderen Orten griffen Rechtsextreme am 2. Oktober 1990 Migranten, Linke und andere an.

Im »wiedervereinigten« Deutschland war der Nationalfeiertag bei Menschen, die zu den Feindbildern der extremen Rechten zählten, lange angstbesetzt und ist dies teils noch heute – zu Recht. Am 3. Oktober 1999 beispielsweise erschlugen Neonazis den 17jährigen Punk Patrick Thürmer mit einem Axtstiel, als er im sächsischen Hohenstein-Ernstthal mit einem Freund auf dem Heimweg von ei­nem Konzert war. Konstantin Behrends sagt, sein Team plane, auch rechts­extreme Angriffe am 2. und 3. Oktober der Jahre nach 1990 zu dokumentieren und bekannt zu machen.