Die Band Erregung Öffentlicher Erregung über ihr Debütalbum

Dalí in der Disko

Die meisten Mitglieder der Band Erregung Öffentlicher Erregung sind Künstler. Doch als Künstlerband will die nach New und No Wave klingende Gruppe nicht gesehen werden.

Ein bisschen merkwürdig mutet es schon an: Da will man über ein ­Album sprechen, das man für durch und durch gelungen hält, und dann geht es beim Gespräch mit mit der Band, die dieses Album aufgenommen hat, an erster Stelle um das Nichtgelingen, das Nichtkönnen, das Nichtperfekte. »Ich konnte kein In­strument spielen, konnte nicht singen, ich habe die Töne nicht getroffen«, sagt Anja Kasten, die Sängerin der Band Erregung Öffentlicher Erregung, der Jungle World. »Ich mag aber Sängerinnen und Sänger, die auch mal neben den Tönen liegen. Mir ­gefällt es sowieso, Dinge zu machen, die ich eigentlich nicht kann.«
Damit wäre man im Prinzip schon mitten in einer Diskussion darüber, was das eigentlich für eine Band ist, die sich den denkwürdigen Namen Erregung Öffentlicher Erregung gegeben hat. Bestehend aus fünf Mittdreißigern aus Hamburg und Berlin, hat die Gruppe Punk, Post-Punk und NDW im Repertoire und interessiert sich entsprechend wenig für Virtuo­sität, Könner- oder Muckertum. Im Gegenteil, Anja Kasten erzählt, dass sie sich zuletzt viel mit der Szene der Genialen Dilletanten (wie ein stil­prägendes Konzert im Berliner Tempodrom 1981 und ein parallel ver­öffentlichtes Buch über die Berliner Szene hieß) der frühen Achtziger beschäftigt habe. Die Fragen waren und sind dann: Wann ist das Nicht­gelingen Teil des Gelingens? Was heißt es eigentlich, den richtigen Ton zu treffen?

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Im Fall von Erregung Öffentlicher Erregung könnte man sagen: Sie treffen den richtigen Ton, indem sie ihn nicht treffen. Das Quintett hat Anfang September sein Debütalbum »EÖE« veröffentlicht. Öffentliche Erregung zu erregen, hat zumindest in Popkreisen ganz gut geklappt: Überregionale Medien nahmen Notiz, das Album wurde gut besprochen. Die 20 Songs greifen Sounds aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern wieder auf, Malaria!, Ideal und die frühen New Order dürfen gleichermaßen als musikalische Vor­bilder gelten.

Gegründet hat sich die Band vor sechs Jahren. Kasten und Schlagzeuger Michael Schmid hatten zuvor in Kassel zusammen an der Kunsthochschule studiert. Nach dem Studium widmete sich Kasten der Malerei, Bildhauerei und Installationskunst, als Schmid sie fragte, ob sie nicht in einer Band singen wolle. »Für mich war immer klar: Das Medium oder die Art der Ausdrucksform sind nicht so entscheidend, es geht um den Inhalt«, sagt Kasten. »Ich begann, Texte zu schreiben und zu singen. Das hat mir viel Spaß gemacht.«

Mit der Erwachsenenwelt haben EÖE noch immer nicht ihren Frieden gemacht, wie man in »Kacke in der ­Jacke« nachhören kann: »Ich fühl mich fremd in diesem Hemd / (…) Ich fühl mich kacke in der Jacke / Ich bin zu nett in dem Jackett«, heißt es da.

Um den Spaß an der Sache ging es in den ersten beiden Bandjahren. Ohne größere Ambitionen zu verfolgen, haben sich die fünf ausprobiert, für sich gespielt. »Das Musikbusiness-Ding hat uns nicht interessiert, dazu sind wir später gekommen wie die Jungfrau zum Kind«, sagt Schmid. Zwar erschien 2015 bereits eine erste EP, größere Aufmerksamkeit erhielt die Band aber erst, nachdem sie 2017 und 2018 zwei weitere EPs veröffentlicht hatte. Das Debütalbum erscheint nun bei Euphorie Records, das Tammo Kasper, der Bassist der Band Trümmer, und deren Manager Henning Mues betreiben. Neben Kasten und Schmid gehören noch der Gitarrist Michael Hager, der Bassist Laurens Bauer und der Keyboarder Philipp Tögel der Band an.

Viele Avantgarde-Strömungen des 20. Jahrhunderts haben bei EÖE ihre Spuren hinterlassen: Surrealismus, Dada, Futurismus, Punk, Wave. Die Lyrics haben oft etwas Bildliches – kein Wunder, wenn man an Kastens vorherige Stationen denkt. Im Song »Bei mir zuhause« beschreibt sie eine obskure Szenerie, die man sich auch gut von Otto Dix gemalt vorstellen könnte: »Bei mir zuhause hängen die Frauen an der Decke / Ich häng sie richtig hoch / Und schaue ihnen unter ihre Röcke«, heißt es da, Kasten hinterlässt mit derartigen Lyrics gern großzügig verteilte Kleckser von Irritation. In »Kein Bock auf Frühstück« singt sie mit heruntergekühlter Betriebstemperatur über einen einsamen Morgen, der mit ­Nikotin beginnt: »Sag, wie trinkst du deine Zigaretten / Ich nehm nen Löffel Zucker rein / Das Schlimmste, was ich zu mir nehmen kann, bin ich /Die schlimmste Mahlzeit in der Einsamkeit«. Das ganze Stück wirkt in etwa so, als tanzte Salvador Dalí zu Gang of Four in den Achtzigern in der Disko. »Mich interessiert der Punkt, wo Musik und Kunst sich treffen«, sagt Kasten, deshalb könne EÖE sich wahrscheinlich auch so für die Berliner Szene der frühen achtziger Jahre begeistern. Und doch, so erklären die Kasten und Schmid unisono, wolle man bloß nicht als Künstlerband gesehen werden – auch wenn vier Fünftel der Band (alle außer Michael Hager) Kunst studiert haben.

Oft wird die Band auf NDW und Post-Punk reduziert. Der Einfluss der Neuen Deutschen Welle werde überschätzt, auch weil Kastens Gesang so stark an die grandes dames der Ära wie Annette Humpe erinnert, meint Schmid. »Musikalisch hat der deutsche Post-Punk gar keinen so großen Einfluss auf uns gehabt, das wurde uns eher zugeschrieben«, sagt er. »Von Malaria! habe ich zum ersten Mal gehört, als sie in einer Rezen­sion über uns erwähnt wurden. Für mich ist der Krautrock, sind Neu! und der motorische Beat prägend gewesen. Das ist etwas, auf das ich ­immer wieder zurückkomme.« Gerade zu Beginn des Albums klingt das durch. So eröffnet Schmid den Track »Vermessen« mit einem Klaus-Dinger-Gedächtnis-Beat. Aber auch Noise Rock und No Wave haben ihre Spuren hinterlassen, wie in den Intros von »Deine Haare« und »Kacke in der Jacke« zu hören ist. Nicht zu vergessen: der Mainstream-Rock der Achtziger! Denn ist das nicht good old David »The Edge« Evans von U2 da als Gastgitarrist beim Stück »Hohe Schuhe«? Nun, völlig ausgeschlossen wäre das nicht.

»EÖE« ist durchaus ein nostalgisches Album – aber nicht im negativen Sinne einer Früher-war-alles-besser-Litanei, sondern als Rückschau auf das, was prägend war. So besingt die Band in »Disko (je cherche toi)« den Vibe einer Zeit, in der man nicht in Clubs oder bei Tinder, sondern in Diskotheken flirtete. Im ­Abschlussstück »Jugendlich« dürften dagegen all jene Menschen mittleren Alters ein Tränchen verdrücken, die gern an die Teenager-Liebe (und vielleicht auch an den gleichnamigen Song der Ärzte) sowie die Gepflogenheiten vergangener Zeiten zurückdenken: »Ich fühl mich jugendlich mit dir (…) Ich fühl mich jung mit dir/Ich will Kippen schnorr’n mit dir/Ich will Cola-Kracher essen mit dir/Ich will Kassetten hör’n mit dir / Ich will Flipper spiel’n mit dir/Ich will Dosen stechen mit dir / Auf der ­Parkbank kiffen mit dir«. Hach je.

Mit der Erwachsenenwelt haben EÖE noch immer nicht ihren Frieden gemacht, wie man in »Kacke in der ­Jacke« nachhören kann: »Ich fühl mich fremd in diesem Hemd / (…) Ich fühl mich kacke in der Jacke / Ich bin zu nett in dem Jackett«, heißt es da. All jenen, die ihr Lebensgefühl nicht ihrem Lebensalter anpassen wollen, sprechen diese Songs wohl aus der Seele. »EÖE« ist eines der deutschsprachigen Alben, die länger nachhallen werden, EÖE sind eine der Bands, deren Weg man von nun an aufmerksam verfolgen wird. Dass große Kunst aus Nichtkönnen entstehen kann, beweist diese Gruppe einmal mehr.

 

Erregung Öffentlicher Erregung: EÖE (Schlappvogel Records/Euphorie Records/The Orchard)