Das Prepper- und Outdoor-Milieu neigt zu rechtsextremen Ansichten

Männer allein im Wald

Das Milieu der Prepper, Outdoor- und Survival-Experten erhält in der Pandemie Zulauf. Die Übergänge zum Rechtsextremismus sind fließend.

Unsicherheit und Ambivalenz belasten das Selbstverständnis mancher Männer. In der Coronakrise kommen noch Ohnmachtsgefühle hinzu. Eine unter männlichen C-Promis beliebte Methode, diese Empfindungen zu überspielen, ist es, Telegram-Gruppen zu gründen, um martialische Verlautbarungen und antisemitische Verschwörungsmythen zu verbreiten: Der Einzelkämpfer hat die Schuldigen ausgemacht und erklärt sich auf den jeweiligen Kanälen dazu bereit, den Heldentod zu sterben.

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Eine weitere Inszenierung von Männlichkeit hat sich im Zuge der Pandemie in den sozialen Medien etabliert: die Stilisierung zum Outdoor- und Survi­­val-­Experten, was das Herz jedes rechten Preppers höherschlagen lässt. Verunsicherte Männer glauben, sich ihre Handlungsfähigkeit mit Axt, Schafsfell und Feuerstelle beweisen zu können. Wie die Coronaleugner geben sie sich betont wehrhaft.

Das Survival- und Prepper-Milieu distanziert sich nur selten deutlich von rechtsextremen Ansichten. Häufig bezeichnen sich die Protagonisten als unpolitisch.

Auf Youtube-Kanälen wie »Naturensöhne«, »Fritz Meinecke« und »Survival Mattin« kann man lernen, wie man seinen eigenen Bunker baut, sich 24 Stunden lang allein durch den Wald schlägt oder ob die neue Bundeswehrausrüstung etwas taugt, wenn die Apokalypse kommt. Die Macher solcher Kanäle halten ihre eigenen Streifzüge durch Gestrüpp und Unterholz mit der Kamera fest. Professionelle Influencer in diesem Milieu testen verschie­dene Ausrüstungsgegenstände und halten Energiedrinks in die Kamera. Der Kanal »Naturensöhne« hat 276 000 Abonnenten, »Survival Mattin« 612 000, Fritz Meinecke verfügt über eine Mil­lion. »Naturensöhne« und Meinecke betreiben auch eigene Online-Shops, in denen sie die beworbenen Artikel verkaufen. »Naturensöhne« haben neben Messern, Besteck, Tassen und Fan-Shirts auch einen mit dem eigenen Schriftzug bedruckten Mund- und Nasenschutz im Angebot, für 8,90 Euro.

Survival-Milieu und extreme Rechte stehen sich sowohl aus praktischen wie ideologischen Gründen nahe. Als in Deutschland die ersten Pandemiemaßnahmen in Kraft traten, empfahlen rechtsextreme Onlineshops, unverzüglich Äxte, Zwillen und Pfefferspray zu kaufen, die rechtsextreme Kleinpartei »Der III. Weg« gab Tipps zum Einwecken von Gemüse und andere Ratschläge zur Selbstversorgung. Das Milieu der Prepper und Survival-Freunde greift wiederum auf ideologische Versatz­stücke zurück, derer sich auch die extreme Rechte bedient: die Begeisterung für vermeintliche Ursprünglichkeit und Authentizität, die Sehnsucht nach dem Wald als schicksalhaftem Ort, das Feindbild der degenerierten Großstadt, die Notwendigkeit, sich auf einen Tag X vorzubereiten, an dem alles zusammenbricht.

Insbesondere auf der Bild- und Videoplattform Instagram zeigt sich das ­Milieu der Prepper sehr rechtsoffen. So findet man dort neben naturverliebten Erlebnispädagogen mit einem Faible für germanische Mythen beispielsweise auch coronaleugnende Anhänger der Anastasia-Bewegung. Diese in Russland entstandene Gruppe verbindet Ökolandbau mit Rassenlehre und Antisemitismus. Ihre Ideen bezieht sie aus einer Romanreihe des russischen Autors, Esoterikers und Geschäftsmanns Wladimir Megre. Protagonistin ist eine Frau namens Anastasia, die praktische Vorgaben für ein Leben im Einklang mit der Natur gibt. Ihre Ratschläge sind gespickt mit rassistischen, antisemitischen und verschwörungsraunenden Aussagen. Sie verspricht denjenigen magische Fähigkeiten, die ihren rechts­esoterischen Reinheitsphantasien nacheifern und ein Leben als völkische Siedler führen.

In Deutschland soll es etwa 800 Anhänger der Bewegung geben, die in Landkommunen zusammenleben, so etwa im brandenburgischen Grabow, wo die völkischen Esoteriker das Siedlungsprojekt »Goldenes Grabow« betreiben und mittlerweile 84 Hektar Land besitzen. Trotz der bekundeten Abneigung gegen das Leben in der Moderne nutzt die Anastasia-Bewegung die sozi­alen Medien. Auf Instagram stoßen Beiträge aus der Bewegung über Selbstversorgung und Heimatliebe auf großen Anklang, Anhänger geben sich Tipps zum Aufbau von Landsitzen.

Das Survival- und Prepper-Milieu distanziert sich in den sozialen Medien nur selten deutlich von rechtsextremen Ansichten. Häufig bezeichnen sich die Protagonisten als unpolitisch, wobei gelegentlich aber etwa die Musik, mit denen Prepper ihre Instagram-Filmchen unterlegen, mehr verrät: Songs von Freiwild und den Böhsen Onkelz gibt es da zu hören, also von Bands, die Klischees bedienen, die sie auch bei Rechtsextremen beliebt machen.

Vor allem bekommen die Follower aber ein klassisches Männlichkeitsbild zu sehen: den Naturburschen. Er ist heterosexuell, körperlich und mental stark, besteht Abenteuer im Wald und tritt jeder drohenden Gefahr wehrhaft mit Outdoor-Ausrüstung und Kamera entgegen. Ohnmacht und Unsicherheit sind in diesem Bild nicht vorgesehen.

Auch deshalb dürfte das Milieu seit Beginn der Pandemie an Attraktivität und Reichweite gewonnen haben. Die derzeitige Ausnahmesituation ist beängstigend, weil der Einzelne sehr wenig Einfluss auf das hat, was geschieht. Der einsame Mann, der mit Messer, Axt und Schafsfell durch die Wälder streift, erscheint hingegen als autark und souverän.