Indien kommt eine Schlüsselrolle bei der Produktion von Covid-19-Impfstoffen zu

Indiens Impfmacht

Indiens hindunationalistische Regierung erwartet, bald weite Teile der Welt mit Impfstoff gegen Covid-19 zu versorgen. Ob die eigene Bevölkerung sich diese wird leisten können, bleibt abzuwarten.

Die Stadt Ambala im Bundesstaat Haryana ist klein und ländlich im Vergleich zu den Metropolen Delhi und Mumbai. Hier fand die erste Phase-III-Studie des indischen Impfstoffs Covaxin statt. Als freiwilliger Kandidat meldete sich Haryanas Gesundheitsminister Anil Vij von Indiens regierender Bharatiya Janata Party (BJP) höchstpersönlich. »Das ist ein wichtiges Signal an die Öffentlichkeit«, sagte Sukhpreet Singh der Jungle World. Der Arzt ist als Senior Medical Officer für die Pandemiestrategie Ambalas verantwortlich. »Wir zeigen, dass sich jeder an den Tests beteiligen kann. Vor allem da die Zahlen in unserem Bundesstaat zuletzt stark angestiegen sind, ist es wichtig zu sehen, dass ein Impfstoff auf dem Weg ist.« Vor einigen Wochen erkrankte er selbst an Covid-19 – die Nachwirkungen spüre er noch immer, aber das halte ihn nicht von der Arbeit ab, so Singh.

Anzeige

Egal, wo Forscher zuerst einen wirksamen Impfstoff entwickeln – die meisten der am Ende verabreichten Dosen wird man in Indien herstellen. Die private Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen nennt das Land die »Apotheke der Welt« – 70 Prozent aller weltweit verwendeten Impfstoffe werden in Indien hergestellt. Bei den sogenannten generischen Medikamenten, also Arzneimitteln, die man ohne Patent herstellen darf (siehe Die Lizenz zum Impfen), liegt der Anteil sogar bei 90 Prozent. Die bisher aussichtsreichsten in Indien hergestellten Covid-19-Impfpräparate heißen Covaxin und AZD1222, das in Indien unter dem Namen Covidshield produziert wird. Indiens hindunationalistische Regierung will in der Pandemiebekämpfung Stärke zeigen.

Das Pharmaunternehmen Hetero Labs plant mit dem russischen Staatsfonds Russian Direct Investment Fund (RDIF) in Indien mehr als 100 Millionen Dosen vom Sputnik-V-Impfstoff herzustellen.

Die Firma Serum Institute of India (SII) ist mit einem jährlichen Gesamtvolumen von 1,5 Milliarden Dosen der weltweit führende Hersteller von Impfstoffen. Seit dem 11. November finden auch hier klinische Phase-III-Studien für Covidshield statt. SII schloss ein Abkommen mit der britisch-schwedischen Firma Astra-Zeneca, die mit Forschern der Universität Oxford an der Entwicklung des Impfstoffs arbeitet.

Covaxin der Firma Bharat Biotech hingegen ist ein Ergebnis indischer Forschung. Durch ihre große Kapazitäten zur Produktion von Medikamenten konnten indische Firmen mehrere Verträge mit Forschungslaboren schließen, die dem Land einen leichteren Zugang zu potentiellen Medikamenten gegen Covid-19 ermöglichen sollen – auch der russische Impfstoff Sputnik V wird seit Anfang November in Indien klinisch getestet. Das Pharmaunternehmen Hetero Labs plant mit dem russischen Staatsfonds Russian Direct Investment Fund (RDIF), in Indien mehr als 100 Millionen Dosen des Sputnik-V-Impfstoffs herzustellen. Die Produktion soll im ersten Quartal 2021 aufgenommen werden. Dies berichtet vorige Woche die Times of India.

Das bedeutet aber nicht, dass in Indien selbst ein Impfstoff gegen Covid-19 einfach zu bekommen sein wird. Selbst ein paar Hundert Millionen Dosen reichen bei weitem nicht aus, um das ganze Land adäquat zu versorgen. Covidshield soll nach Angaben der Fachzeitung Nature 225 Rupien kosten (etwa 2,50 Euro), Covaxin sogar 1 000 Rupien (etwa 11,40 Euro). So teuer war bisher noch keine Impfung in Indien. Viele Menschen werden sie sich nicht leisten können. Es gibt seit dem 20. November eine nationale Impfstrategie, vorgestellt von Premierminister Narendra Modi. Medizinisches Personal und Vorerkrankte zuerst, danach soll es Impfungen für alle anderen geben – so heißt es zumindest. Im Bundesstaat Bihar wurde in den vergangenen Wochen das Landesparlament gewählt. Die dort regierende BJP versprach kostenlose Impfungen für Bihar im Falle ihrer Wiederwahl. In Westbengalen und Kaschmir verspricht man für die anstehenden Wahlen bereits Ähnliches. Würde dies umgesetzt, könnte es zu großen regionalen Unterschieden bei der Verteilung führen, da es dann in anderen Bundesstaaten Impfstoff fehlen könnte.

Bei der Welthandelsorganisation (WTO) reichten mehrere Entwicklungsländer, allen voran Indien und Südafrika, eine Petition zur Aufhebung der Patentrechte für Covid-19-Impfstoffe ein. Patente sind eine Hürde bei der Verteilung der limitierten Menge an Impfstoffen. Es liegt im Interesse der indischen Impfstoffproduzenten, so viele patentfreie Arzneien wie möglich herzustellen und diese so teuer wie möglich weiterzuverkaufen. Indien scheint sein Quasimonopol auf dem Medikamentenmarkt ausnutzen zu wollen, um seinen Einfluss in Südasien auszubauen. Die Herstellung von Impfstoffen ist Teil einer groß angelegten wirtschaftlichen Kampagne mit dem Titel Atmanirbhar Bharat (»eigenständiges Indien«), die Indiens Infrastruktur ausbauen und seine Importabhängigkeit verringern möchte. Diese stellte Premierminister Modi in diesem Jahr nach Grenzkonfrontationen mit Indiens Rivalen China vor. Beide Länder konkurrieren schon länger um die politische und ökonomische Vormachtstellung in der Region. Bangladesh hat bereits ein Abkommen mit Indien unterzeichnet, um 30 Millionen Dosen Covaxin zu erhalten, zum Preis von umgerechnet etwa fünf Euro pro Impfung. Nicht nur mit den Nachbarländern Myanmar und Bhutan finden bereits Verhandlungen statt, sondern auch mit Katar, der Schweiz, Österreich und Südkorea.

Von einer globalen »Impfapartheid« schreibt die Ökonomin Jayati Ghosh auf der Online-Plattform Project Syndicate: Für viele arme Länder gestalte es sich äußerst schwierig, Zugang zu den begrenzten Kapazitäten der Impfstoffherstellung zu erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat daher gemeinsam mit ihren Mitgliedsländern und privaten Geldgebern die Organisation Covax gegründet (siehe Am Ende der Kühlkette). Diese soll weltweit einen gleichmäßigen Zugang zu Covid-19-Impfstoffen gewährleisten. Alle teilnehmenden Länder sollen unabhängig vom jeweiligen Einkommensniveau gleichen Zugang zu den neuen Impfstoffen haben. Die Beteiligten einigten sich darauf, ärmeren Ländern subventionierte Medikamente zukommen zu lassen.

Die Leiterin des Think Tanks Global Health Strategies in Neu Delhi, Anjali Nayyar, sieht diese Entwicklungen positiv. Sie kennt die Herausforderungen des globalen Pharmamarkts seit Jahrzehnten. Nayyar arbeitete früher für die Internationale Aids-Impfinitiative (IAVI) – eines der ersten Netzwerke, die sich gegen die Durchsetzung von Patenten und für den freien Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten in Entwicklungsländern einsetzten. Die Bekämpfung der Covid-19-Pandemie biete die Chance, ein Umdenken in der Gesundheitsfürsorge einzuleiten. »Wir können immens von globalem Wissen, Expertise und Lösungsansätzen profitieren, wenn wir bereit sind, die Ergebnisse allen zur Verfügung zu stellen«, so Nayyar im Gespräch mit der Jungle World. Sie sei der Überzeugung, dass »die Welt zusammenkommen und sich zu fairen Prinzipien bekennen« müsse, um diese Pandemie zu überwinden.