Impfgegner ziehen pseudomedizinische Scharlatanerie der Schutzimpfung vor

Rettung aus dem Wald 

Impfgegner stützen sich auf pseudowissenschaftliche Analysen und propagieren unseriöse Alternativen zur Schutzimpfung. Zum Verschwörungsglauben ist es da nicht weit.

»Die Hetze und Denunziation gegen Andersdenkende muss endlich aufhören.« Der österreichische Sachbuchautor Clemens G. Arvay, der sich als Gesundheitsökologe bezeichnet, sieht in der Covid-19-Pandemie eine Folge »unserer« Umweltsünden und vertraut auf die Kraft der Naturliebe gegen das Virus. Dem Tragen von Mund-Nasen-Masken und der in Aussicht stehenden Schutzimpfung zieht der medizinische Laie Waldspaziergänge als Infektionsschutz vor. Dieses angebliche Allheilmittel beschreibt er unter anderem in seinem Buch »Der Biophilia-Effekt. Heilung aus dem Wald«.

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Die mRNA-Impfung hält der Baumliebhaber für einen »massive(n) Eingriff in die Physiologie unserer Zellen«. Im Zusammenhang mit dem unter anderem von Pfizer und Biontech entwickelten neuen Impfverfahren, bei dem Genmaterial in Form von Boten-RNA den Körper dazu bringt, selbst Virusproteine herzustellen, hat sich die Falschbehauptung verbreitet, das menschliche Erbgut könne dadurch verändert werden. Es ist überaus fraglich, ob Arvays Studium der Landschaftsökologie und Pflanzenwissenschaften ihn dazu qualifiziert, eine komplexe medizinische Gefahrenabschätzung zu leisten.

Arvay reitet auf der Welle der vermeintlich alternativen Covid-19-Berichterstattung, um sein neuestes Buch »Wir können es besser: Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie aus­löste und warum ökologische Medizin unsere Rettung ist« zu bewerben.

In seinen hunderttausendfach angeklickten Youtube-Videos wiederholt der Spaziergänger gebetsmühlenartig, weder Impfgegner noch »Verschwörungstheoretiker« zu sein. Zugleich macht er sich jedoch Kampfbegriffe dieser Szene zu eigen, wenn er vom »Impfstoffwahn« und von »Hetze« gegen Impfgegner spricht. Diese wiederum erfreut das oberflächlich wissenschaftlich erscheinende Auftreten des Autors, auf den sie ihre Verschwörungsfantasien stützen können. Dazu passt vor allem Arvays exzessives Gerede von der vermeintlichen Übermacht des »Impfstoff-Regisseurs« Bill Gates. Dieses garantiert ihm Klicks und Aufmerksamkeit. So auch im Interview mit dem russischen Auslandsfernsehsender RT (früher: Russia Today). RT wird immer wieder dafür kritisiert, Rechte und Verschwörungsgläubige in ihren Meinungen zu bestätigen. Auch über den Youtube-Kanal des erzkatholischen Wiener Instituts für Religiosität in Psy­chiatrie und Psychotherapie (RPP-Institut) erlangt Arvay eine enorme Reichweite. Dessen Mitgründer Raphael Bonelli verharmlost die Covid-19-Pandemie und polemisiert gegen die Maßnahmen der österreichischen Regierung. Auf seinem Kanal führt er vor, wie sich das Tragen von Masken seiner Meinung nach auf die menschliche Psyche auswirke.

Fasten, Meditation und vegane Ernährung empfiehlt Ruediger Dahlke in seinem Buch »Schutz vor Infektionen«. Das sei ausreichend, um viralen Infektionen vorzubeugen, wie er bereits im Frühjahr behauptete, zu einer Zeit also, als noch kaum wissenschaftliche Erkenntnisse zum Infektionsgeschehen von Covid-19 vorlagen. Der ausgebildete Mediziner betreibt unter anderem ein esoterisches Zentrum in Österreich und bezeichnet die derzeitige Situation auf Facebook als »von oben inszeniertes Chaos«. »Welche Agenda verfolgen unsere Machthaber?« fragt er und spricht von »schrecklichen Auswirkungen« auf die Menschen in ganz Europa, »wenn dieses Ermächtigungsgesetz der gegenwärtig herrschenden Regierung freie Hand gibt«. Gemeint ist die jüngste Änderung des im März erlassenen »Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite«, die der Bundestag am 18. November verabschiedet hat.

Impfgegner ziehen immer wieder Vergleiche zum Nationalsozialismus oder Opfern des Nationalsozialismus. Zwangsimpfungen stünden mit der Zulassung von Impfstoffen kurz bevor, so ist sich Dahlke sicher, der im Juni bei der Kundgebung des Bündnisses »Querdenken 711« in Stuttgart sprach. Von seiner Netzgemeinde erhält er dafür viel Zuspruch, obwohl eine Pflicht zur Impfung gegen Covid-19 niemals zur Debatte stand und von der Regierung immer wieder ausgeschlossen wurde.

In solcherlei Gebrüll artikuliert sich zum einen die Vorstellung, von mäch­tigen Pharmaunternehmen kontrolliert zu werden. Deren Geschäftsmodell für Impfstoffe besteht jedoch weniger darin, diese der Bevölkerung reicher Industrienationen im Komplott mit ihren Regierungen aufzunötigen, als darin, für diese mit einem Patentschutz hohe Preise durchzusetzen, was ärmere Länder oft vor Probleme stellt.

Zum anderen manifestiert sich darin die irrationale Angst, durch die Impfung von einer finsteren Elite vergiftet zu werden. Diese Zwangsvorstellung rekurriert auf die antisemitische Legende von der jüdischen Brunnenvergiftung. Es ist einfacher, sich als Gemeinschaft von Impfgeschädigten zu halluzinieren, als medizinische und gesellschaftliche Prozesse logisch denkend nachzuvollziehen.