Kanwal Ahmed spricht auf Youtube über Tabus der pakistanischen Gesellschaft

Eine Visagistin bricht Tabus

Porträt Von

Kanwal Ahmed ist Kritik gewohnt. Konservative werfen ihr unter anderem vor, sexueller Freizügigkeit und Scheidungen Vorschub zu leisten. Liberale beschweren sich darüber, dass die 31jährige Pakistanerin, die kürzlich nach Kanada gezogen ist, in ihrer Facebook-Gruppe »Soul Sisters Pakistan« (SSP) auch konservative Meinungen über diese Themen zulässt. SSP ist eine private Gruppe mit mehr als 270 000 Mitgliedern, der nur Frauen beitreten dürfen. Die größtenteils 18- bis 35jährigen Mitglieder tauschen sich unter anderem über Sex, häusliche Gewalt und reproduktive Rechte aus.

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Ahmed gründete die Gruppe 2013, weil junge Bräute sie, wie sie AFP sagte, häufig um Rat gebeten hätten, als sie noch als Visagistin arbeitete. 2018 bewarb sie sich erfolgreich um ein von Facebook ausgeschriebenes Stipendium. Mit dem Geld finanzierte sie unter anderem ihre Youtube-Serie »Conversations with Kanwal«, in der sie mit verschiedenen Gästen über Themen spricht, die in vielen pakistanischen Familien tabuisiert sind, etwa Vergewaltigung in der Ehe und Femizide. Über 78 000 Menschen haben die Serie abonniert, fast jede der etwa zehn­minütigen Folgen hat über 100 000 Klicks, manche wurden mehr als über 400 000 mal aufgerufen. Nach zwei Staffeln fand sich aber kein Sponsor für eine Fortsetzung der Serie. Dass Ahmed vorige Woche dennoch mit Dreharbeiten beginnen konnte, hat sie ihren Anhängerinnen zu verdanken. Die hatten binnen einer Woche über fünf Millionen Rupien (rund 25 000 Euro) über eine Crowdfunding-Plattform gespendet.

Die pakistanische Gesellschaft ist islamisch-patriarchalisch geprägt. Erhebungen der unabhängigen pakistanischen Menschenrechtskommission und des Pakistan Journal of Medical Science legen nahe, dass rund 90 Prozent der Pakistanerinnen häusliche Gewalt erlitten haben. Menschenrechtsorganisationen zufolge nimmt in der Covid-19-Pandemie insbesondere die Gewalt gegen Frauen zu, die im informellen Sektor arbeiten, da viele von ihnen ihre Tätigkeit derzeit nicht ausüben können und in beengten Verhältnissen leben.