Homestory #3

In seinem Radiokunstwerk »Pour en finir avec le jugement de dieu« prägte der französische Dichter Antonin Artaud einen Begriff, dem eine erstaunliche Karriere beschieden sein sollte. Dort heißt es: »Wenn du ihm einen Körper ohne Organe geschaffen haben wirst, wirst du ihn von allen Automatismen befreit und ihm seine wahre Freiheit wiedergegeben haben.« Artaud sprach vom Menschen, aber ein Körper ohne Organe ist gewissermaßen auch Ihre Lieblingszeitung derzeit. Nahezu alle, die sie hervorbringen und die als Produzierende von ihr ja auch hervorgebracht werden, sitzen als Monaden im Homeoffice; die Einheit des Büros ist zerschlagen, die Substanz entsteht trotzdem. Das funktioniert zum Glück wesentlich besser, als man vermuten könnte angesichts der Anverwandlung, die der Artaud’sche Begriff im Werk des Poststrukturalisten Gilles Deleuze erfuhr. Dessen Unverständlichkeit ist sogar Inhalt ­eines Memes geworden.

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Merkwürdig wird es nur, wenn eine Monade dazukommt, jemand also anfängt, für Ihre Lieblingszeitung zu arbeiten. Betrogen um das gemütliche Beisammensein in den Redaktionsräumen, die fröhlichen Zigarettenpausen und den charmanten Flurfunk, begegnen einem die anderen – oder müsste es heißen: die Anderen? – nur als Telefonstimme, als Textnachricht und im besten Fall als wackliges Konterfei auf dem Bildschirm. Namen sind Bits und Bytes, Gesichter sowieso; auf Individualität verweisen höchstens spezielle Grußformeln. Die Einarbeitung erfolgt per Chat, und nur wenige Bemerkungen am Rande – »meine Notizen wurden vom Regen zerstört« – lassen vermuten, dass die anderen auch außerhalb des Äthers ­existieren. Womöglich hat sich längst die ganze Redaktion in eine Cloud hochgeladen, anstatt nur die Texte digital weiterzureichen, das wäre womöglich auch klimafreundlicher als die winterlichen Heizkosten in Berliner Altbauten.

Dass es die Menschen, deren Arbeitskraft Woche für Woche die Jungle World hervorbringt, wirklich gibt, dass kann man als neuer Mitarbeiter also nicht mit letzter Sicherheit sagen. Aber wer kann nach Monaten im Homeoffice, ohne die Wohnung für mehr als ­Einkäufe und ein paar Spaziergänge verlassen zu haben, schon mit Sicherheit sagen, dass es ihn selbst überhaupt noch gibt? Ob mit Organen oder ohne, ob deterritorialisiert oder hoffentlich eines Tages wieder reterritorialisiert: Das Wichtigste ist ja, dass diese ­Zeitung entsteht und eins ist sicher: Es wird bestimmt nicht im Jahr des 150. Jubiläums der Gründung des Deutschen Reichs sein, dass diese Redaktion in die Knie gezwungen wird. Denn wenn etwas in Einzelteile zerlegt, zerschlagen und aufgelöst gehört, dann ja wohl nicht die Körper, sondern vor allem eines: Deutschland.