Ein Gespräch mit dem Humanbiologen Jonathan Berman über Impfgegner in den USA

»Es ist immer ein krankes Kind«

In der Covid-19-Pandemie erhält die US-amerikanische Antiimpfbewegung viel Zulauf. Ihre Anhängerinnen und Anhänger verbreiten vor allem über soziale Medien Fehlinformationen und erreichen damit viele Menschen.
Interview Von

Wie stark ist die Antiimpfbewegung in den USA?

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Hierzulande ist die Bewegung stärker als jemals zuvor. Das lässt sich zum Beispiel an der Mitgliederzahl von Online-Gruppen zeigen, die in der Pandemie in einem völlig neuen Ausmaß gestiegen ist. Die Bewegung profitiert von der Politisierung der Frage, ob man eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen sollte, um Infektionen mit dem Virus zu vermeiden. Der große Widerstand gegen Infektionsschutzmaßnahmen in Teilen der Bevölkerung hat Impfgeg­nerinnen und Impfgegnern ein riesiges Publikum beschert, was jetzt zu viel Zögern in ­Bezug auf die Covid-19-Impfungen führt.

Welche Gruppen und Personen sind besonders wichtig?

Zentral sind Organisationen wie Child­ren’s Health Defense, früher bekannt unter dem Namen World Mercury Project, eine Gruppe um den Anwalt und Impfgegner Robert F. Kennedy Jr. Er ist seit den frühen nuller Jahren sehr aktiv hier im Land und sprach im vergangenen August auch auf einer Demons­tration in Berlin. Auch Andrew Wakefield, der berüchtigte Hauptautor der Studie, die 1998 eine seither vielfach widerlegte Verbindung zwischen der MMR-Impfung und Autismus behauptete (in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht; MMR steht für Mumps, Masern und Röteln, Anm. d. Red.), ist ein wichtiger Akteur.

»In den vergangenen Jahren sind immer mehr Personen aus der ­­­Yoga- und Wellness-Szene zur Anti­impfbewegung hinzugekommen.«

In den vergangenen Jahren sind immer mehr Personen aus der Yoga- und Wellness-Szene hinzugekommen, die über ihren Antiimpfaktivismus dann auch den Weg auf die Kundgebung ­gefunden haben, die kürzlich vor dem Kapitol in Washington, D.C., stattfand und zur Erstürmung des Gebäudes führte. Auch einige rechtsextreme Radiomoderatoren wie Alex Jones, der Gründer des Online-Portals Infowars, bewerben auf ihren Kanälen Alternativen zu Impfungen.

Was lässt sich über das Verhältnis dieser Bewegung zu unterschiedlichen Protestbewegungen in den USA sagen?

Die Bewegung ist sehr gut darin, soziale und politische Bewegungen aufzugreifen und sie für sich zu nutzen. Als die Black-Lives-Matter-Proteste groß waren, gab es Impfgegnerinnen und Impfgegner, die auf den Protesten redeten und Desinformation streuten. Sie versuchten auszunutzen, dass das Verhältnis von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern zum US-amerikanischen Gesundheitssystem eine belastete Vorgeschichte hat.
Die Bewegung ist auch stark beteiligt an der Formierung des conspirituality-Milieus, ein Kofferwort aus conspiracy und spirituality. Das ist ein Phänomen der US-amerikanischen Rechten, dessen Sinnbild der sogenannte Qanon-Schamane Jake Angeli ist, der durch seine Beteiligung an der Erstürmung des Kapitols bekannt wurde. So etwas wie eine klare politisch linke oder rechte Orientierung gibt es aber nicht. Als ich 2017 den »March for Science« (weltweit stattfindende Demonstrationen gegen Wissenschaftsfeindlichkeit, Anm. d. Red.) mitorganisierte, haben Impfgegnerinnen und Impfgegner auch dort versucht, sich zu beteiligen, was mich sehr überrascht hat.

Wie groß ist die Bewegung?

Um das zu beantworten, müssen wir unterscheiden zwischen Menschen, die Impfungen skeptisch gegenüberstehen, und denjenigen, deren Impfgegnerschaft gefestigt ist oder die gegen Impfungen sogar politisch aktiv sind. Von Ersteren gibt es unglaublich viele, was sich auch in Umfragen spiegelt, aber ich denke, das verzerrt das Bild, da sie häufig eben nur in diesen Umfragen auftauchen und ihre Kinder trotzdem impfen lassen. Ich würde schätzen, dass es in den USA neun bis zehn Millionen Impfgegnerinnen und Impfgegner gibt. Die Aktiven, die Protestkundgebungen anmelden oder diese besuchen, das sind nur ein paar Tausend.

Welchen sozialen Hintergrund hat die zuletzt genannte Gruppe?

Demographisch auffällig ist, dass es vor allem weiße, finanziell gutgestellte Menschen sind. Die meisten haben ein College besucht und leben im vorstäd­tischen Raum. Damit stehen sie im Gegensatz zu ihrem Publikum, das ethnisch sehr viel diverser und sozial wie ökonomisch häufiger prekarisiert ist.

In ihrem Buch »Anti-vaxxers« datieren Sie den Anfang der Antiimpf­bewegung auf die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Was passierte damals?

Der Anfang der Bewegung war eine ­Reaktion auf die Gesetzgebung im Rahmen ersten Impfungen in Großbritannien, namentlich die Pockenimpfung. Die Regierung versuchte, diese gesetzlich durchzusetzen, zunächst 1840, dann 1853 erneut. Damit löste sie Widerstand in der Bevölkerung aus. Damals gab es ähnliche Bedenken wie heutzutage: Impfgegner fürchteten Eingriffe der Regierung in ihre körperliche Autonomie, hatten Angst vor Giftstoffen und um ihre Kinder.

Und was geschah danach?

Als die Pocken Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa so gut wie ausgerottet waren, gingen die Proteste dort zurück. Als in den dreißiger Jahren in den USA sechs Kinder an einem fehlerhaften Impfstoff starben, kam dort eine neue Protestwelle auf, Ähnliches geschah hier in den fünfziger Jahren noch einmal. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es vor allem Aufsätze in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die ein Aufleben der Bewegung auslösten. 1974 wurde in der Zeitschrift Archives of Disease in Childhood ein Artikel veröffentlicht, der behauptete, die DTP-­Impfung (DTP steht für Diphterie, Tetanus und ­Pertussis, also Keuchhusten, Anm. d. Red.) habe bei 36 Kindern Hirnschäden ausgelöst, was später wi­derlegt wurde. Und 1998 erschien dann Andrew Wakefields Studie, mit deren Nach­wirkungen wir ja noch immer umgehen müssen.

Ist die jüngste Welle der Antiimpfbewegung die historisch stärkste?

ch denke, eigentlich nicht. Im britischen Leicester demonstrierten 1885 rund 100 000 Menschen gegen die ­Pockenimpfung. Allgemein denke ich, dass das späte 19. Jahrhundert die Zeit mit der größten sozialen Verbreitung der Bewegung war. Die Impfgesetzgebung wurde in Nachfolge des britischen Poor Law Amendment Act von 1834 gesehen, der die Armen in die workhouses gezwungen hatte. Die Impfung wurde als ein weiterer Eingriff in die körperliche Autonomie der Armen wahrgenommen und zu einer Frage der sozialen Gerechtigkeit erklärt. Die Verbreitung solcher Ansichten hat mit der Zeit abgenommen und ist nur in Wellen, meist als Reaktion auf einen Aufsatz oder ein anderes Ereignis, wieder ­gestiegen. Aber seit den nuller Jahren wächst die Bewegung wieder stetig.

Die Zahlen, die Sie genannt haben, weisen nicht auf eine Massenbewegung hin. Was können solche Kampagnen denn dann bewirken?

In der Regel lokale Ausbrüche von Krankheiten wie Masern oder Windpocken. Diese finden vor allem in kleinen, isolierten Gruppen statt. Nehmen wir zum Beispiel die US-amerikanischen Waldorfschulen – an einigen dieser Schulen sind nur 20 Prozent der Kinder gegen Masern geimpft. Das mag angesichts einer zu 85 Prozent geimpften Gesamtbevölkerung marginal erscheinen, aber in diesen kleinen Gruppen reicht es, um einen eigentlich vermeidbaren Ausbruch zu erzeugen. Häufig sind es Gruppen, die sich ideologisch abschotten und unter sich bleiben, also religiöse oder spirituelle Gruppen, in denen die größten Erfolge erzielt werden.

Mit welchen Techniken versucht die Bewegung, Einfluss zu gewinnen?

Es gibt viel Propagandamaterial. Es reicht von professionell gemachten Filmen wie dem von Wakefield gedrehten Dokumentarfilm »Vaxxed« von 2016 bis hin zu Memes, die sich in Facebook-Gruppen und aus diesen heraus verbreiten. Die Antiimpfbewegung streut ihre Informationen und die meisten Leute durchschauen das Material als Lüge, sobald sie es sehen, aber ein paar Leute beißen an. Die werden dann tiefer reingezogen.

In welchen gesellschaftlichen Räumen agiert die Antiimpfbewegung?

Ich denke, am wichtigsten sind heut­zutage die sozialen Medien, vor allem die Plattformen, auf denen die meisten jungen Eltern sind. Derzeit dürften das wohl Instagram und Youtube sein, in ein paar Jahren dann vielleicht Tiktok. Da geht die Bewegung mit der ­Gesellschaft mit. Die Entstehung dieser Art von Netzwerken hat zu einer Ex­plosion an Informationen geführt, die Menschen jeden Tag aufnehmen, und die Frage aufgeworfen, wie wir diese Informationen verarbeiten können. Dabei zeigt sich, dass wir soziale Wesen sind, also dass wir uns anschauen, was Menschen um uns herum glauben, uns Gedanken darüber machen, was sie über uns denken, und uns in unseren Ansichten an sie angleichen. Die Antiimpfbewegung ist sehr gut darin, diese Dynamiken auszunutzen. Ich schreibe: »Ich kriege jetzt meine Impfung«, und jemand schreibt darunter: »Oh, ich war auch mal für Impfungen, bis mein Kind dadurch krank wurde« – es ist immer ein krankes Kind! –, und du gerätst in ein Gespräch.

Und danach?

Erstmal kriegst du einfach nur mehr Material und findest neue Freundinnen und Freunde, die dich verstehen. Deshalb wird schnell auch mehr daraus, eher ein wichtiger sozialer Ort. Wenn du dann irgendwann nicht mehr so darüber denkst und vielleicht aussteigen willst oder Zweifel ausdrückst, erfährst du schnell einen unglaublichen sozialen Druck und verlierst, je nachdem, wie tief du drin bist, im Zweifel all deine sozialen Bezugspunkte. Viele Menschen, die aus der Bewegung aussteigen, beschreiben, wie schmerzhaft so ein Ausstieg ist.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die argumentative Auseinandersetzung mit Impfgegnerinnen und Impfgegnern sinnlos sei. Was meinen Sie damit?

Ich würde nicht sinnlos sagen. Diese These zielt auf Regierungen, die der USA im speziellen, deren Herangehens­weise es ist, factsheets über Impfungen zu drucken und sich zu denken: »Dann werden sie es schon verstehen.« Es lässt sich zeigen, dass diese Herangehensweise nicht funktioniert, weil die Bewegung eben eine sehr effektive Desinformationskampagne betreibt. Fakten alleine sind nicht sonderlich überzeugend. Es müsste mehr darum gehen, auf die Bedürfnisse und kulturellen Eigenheiten gerade der Gruppen einzugehen, die anfällig für diese Art von Desinformation sind.