Am Aufbau des DDR-Leistungssports war Personal mit NS-Vergangenheit beteiligt, Teil 1

Sport mit Vergangenheit

Der Sport spielte für die Führung der DDR eine wichtige politische Rolle. Mit dem Aufbau des Leistungssports betraute sie auch Personal mit nationalsozialistischer Vergangenheit. Teil 1.

Der Sport sei kein Privatvergnügen, sondern »ein entscheidendes Mittel, um das kommunistische Bewusstsein in den Massen zu stärken«, sagte Walter Ulbricht, der Erste Sekretär des Zentralkomitees der SED, im Jahr 1960. Die Führung der DDR hatte von Anfang an ein instrumentelles Verhältnis zum Sport und förderte ihn aus ideologischen Gründen. Das »bessere Deutschland«, das versuchte, sich nach innen wie nach außen als antifaschistisch zu profilieren, nahm es dabei mit den Verstrickungen der eigenen Funktionäre in den Nationalsozialismus nicht ganz so genau.

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Für die SED spielte der Sport auch wegen der deutsch-deutschen Konkurrenz eine herausragende Rolle. Von 1956 bis 1964 bestand eine gemeinsame Olympiamannschaft beider deutschen Staaten, die bei den Spielen in Melbourne, Rom und Tokio antrat. 1965 entschied das Internationale Olympische Komitee auf Antrag der DDR-Sportführung anders und gab für die Spiele 1968 – gegen langjährigen Widerstand aus der Bundesrepublik – zwei deutschen Mannschaften die Startgenehmigung.

Manfred Ewald durchlief die Ausbildung an einer »nationalpolitischen Lehranstalt« (Napola), einer nationalsozialistischen Eliteschule, und trat an Hitlers Geburtstag, dem 20. April 1944, in die NSDAP ein. Dennoch ermöglichte ihm die DDR eine sportpolitische Karriere.

Mit dem Leistungssport wollte die DDR nicht nur das »kommunistische Bewusstsein der Massen« stärken und dem »westdeutschen Imperialismus« eine sportliche Niederlage bescheren. Der sozialistische Staat war zudem um die diplomatische An­erkennung durch andere Staaten bemüht. Die Führung der DDR bezeichnete Leistungssportler als »Diplomaten im Trainingsanzug«.

Die sowjetische Militäradministration hatte nach der Kapitulation des nationalsozialistischen Regimes sämtliche Sportverbände auf ihrem Territorium aufgelöst. Bereits 1948 gründete sich der »Deutsche Sportausschuss« (DS) auf Initiative Erich Honeckers, der den Jugendverband »Freie Deutsche Jugend« gegründet hatte und ihm bis 1955 vorsaß. Anschließend wurden lokale Sportverbände in sogenannte Betriebssport­gemeinschaften umgewandelt. Zusätzlich hatten Sportinternate im System des Leistungssports der DDR ihren festen Platz: Kinder und Jugendliche trieben dort nahezu 60 Stunden Sport in der Woche, rechnet man die Trainingseinheiten der FDJ mit ein – ein Pensum, das man durchaus als Kindeswohlgefährdung einstufen kann.

Die politische Praxis des Deutschen Sportausschusses, der später vom Deutscher Turn- und Sportbund (DTSB) abgelöst wurde, genoß bereits in den frühen fünfziger Jahren die volle Unterstützung des Zentral­komitees der SED. Die sich am Modell der Sowjetunion orientierende und ohnehin schon aufgeblähte Staatsbürokratie gründete neben dem DS beziehungsweise dem DTSB noch das »Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der DDR« in Leipzig. Es wurde geschaffen, weil der DS nach Ansicht der DDR-Führung keine ausreichende weltanschauliche Arbeit geleistet hatte.

»Wenn man ins Wasser kommt, lernt man Schwimmen«, war die ­Losung der Leistungsschwimmer in Chemnitz. Das durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadtbad bauten sie selbst wieder auf, es war die erste professionelle Sportstätte in der sowjetischen Besatzungszone. Das Becken wurde mit Hilfe einer alten Loko­motive der Deutschen Reichsbahn beheizt.

Die noch bestehenden privaten Sportvereine, die in der Tradition der 1945 aufgelösten Vereine standen, waren der SED ein Dorn im Auge, da die Sportler ihr Hobby dort nicht ­unter den gewünschten ideologischen Vorgaben ausübten. Erschwerend kam hinzu, dass die privaten Verbände aus dem nationalsozialistischen »Reichsbund für Leibesübungen« hervorgingen; darauf weisen Markus Bülles und Markus Kaminski in ihrer Quellenarbeit »Helden des Sports in Literatur und Film« hin. Deshalb erhielten die privaten Vereine im Zuge der Entnazifizierung keine staatlichen Förderungen.

Der Sport galt der DDR-Führung nicht als bloße Freizeitaktivität, sondern wurde schon früh politisch ­instrumentalisiert. Sportlicher Erfolg habe deshalb, so die Historikerin Uta Andrea Balbier in ihrem Aufsatz »Die Grenzenlosigkeit menschlicher Leistungsfähigkeit«, nicht als persönliche Leistung der Sportler gegolten. Man sei davon ausgegangen, dass neue Trainingsmethoden die sportliche Leistung optimieren müssten, der sozialistische Plan die kapitalistische Marktanarchie so symbolisch überwinde.

Die Historiker Jutta Braun und René Wiese schildern in ihrer Abhandlung »DDR-Fußball und gesamtdeutsche Identität im Kalten Krieg«, dass es aufgrund solcher Überlegungen zu einer »Perspektivplanung« und zu einer Hierarchisierung verschiedener Disziplinen kam – anders als in der Bundesrepublik, in der bis in die sechziger Jahre staatliche Organisation des Sports auch mit Verweis auf die Massenorganisationen des Nationalsozialismus abgelehnt wurden. Lediglich Sportarten wie Schwimmen, Fußball und Boxen erhielten in der DDR finanzielle und ideologische Förderung, weil sich in diesen Disziplinen die Zahl der errungenen Olympiamedaillen nach oben treiben ließ. Dieses Kalkül protokollierte das ZK in staatssozialistischer Genauigkeit: »Einer möglichen Medaille im Wasserball stehen 79 Medaillenmöglichkeiten im Schwimmsport gegenüber; in den Berliner Leistungszentren werden jedoch bis 18 Uhr nur 70 Prozent der Wasserfläche für das Schwimmtraining genutzt, während bisher etwa 30 Prozent dem Wasserball zur Verfügung gestellt werden.«

Nachdem der privat betriebene Sport weitestgehend an den Rand gedrängt worden war, trieb der DTSB unter dem Vorsitz des Funktionärs Manfred Ewald die Entwicklung des Massensports voran. Während die DDR-Propaganda zu Recht auf postnazistische Kontinuitäten in der Bundesrepublik hinwies und beispielsweise die Karriere Hans Globkes vehement kritisierte, der die Nürnberger Rassegesetze mitverfasst hatte und es unter Konrad Adenauer (CDU) bis zum Chef des Bundeskanzleramts brachte, nahm die Staatsführung es im eigenen Umgang mit ehemaligen Nazis nicht ganz so ­genau, wenn es um den Aufbau des Sports in der DDR ging. Ewald ist ein prominentes Beispiel dafür.

Wie der Sporthistoriker Giselher Spitzer aufgezeigt hat, hatte Ewald seine Ausbildung an einer »nationalpolitischen Lehranstalt« (Napola) erhalten, einer nationalsozialistischen Eliteschule, und trat an Hitlers Geburtstag, dem 20. April 1944, in die NSDAP ein. Dennoch ermöglichte ihm das »bessere Deutschland« eine sportpolitische Karriere. Der einflussreiche und als selbstsüchtig beschriebene Ewald habe, so schreibt der Journalist Jürgen Holz, die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass die DDR-Sportler unter seiner Leitung 160 olympische Goldmedaillen gewannen und somit deutlich größere sportliche Erfolge erzielten als die westdeutschen Athleten und Mannschaften.

Ewald, der in nur sieben Jahren die politische Wandlung vom Nazizögling hin zum DDR-Funktionär vollzog, verstrickte sich im Zuge der Ver­öffentlichung seiner Biographie »Ich war der Sport« in den neunziger Jahren in Widersprüche: Obgleich er in dem Buch behauptet, dass er in den Vierzigern den Widerstand gegen das NS-Regime aktiv unterstützt habe, lässt sich anhand seiner Stasi-Akten belegen, dass er in der Endphase des Naziregimes als Funktionär der Hitlerjugend mindestens einen »Diversanten« an die Gestapo ausgeliefert hatte. Darüber hinaus ist es unklar, welche Rolle er bei der Denunziation einer Widerstandsgruppe im Jahr 1944 spielte, der zahlreiche Sozialdemokraten und Kommunisten angehörten (»Gruppe Empacher«). Nach der Auflösung dieser Gruppe wurden zahlreiche Widerstandskämpfer vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.

Die Tageszeitung Neues Deutschland bagatellisierte nach Ewalds Tod im Jahr 2002 in einem Nachruf mit dem Titel »Organisator des Aufstiegs« seine zweifelhafte Geschichte. Doch Ewald war Zeugenaussagen zufolge in der Zeit des Nationalsozialismus damit aufgefallen, für den Beitritt zur SS zu werben, in der HJ unbotmäßige Arbeiterkinder zu schlagen und, so seine damaligen Weggefährten, den »richtigen hitlerischen Führungstyp« zu verkörpern.

Später war Ewald federführend am staatssozialistischen Dopingprogramm beteiligt, wofür er im Jahr 2001 wegen Beihilfe zur Körperver­letzung zum Nachteil von 20 Hochleistungssportlerinnen zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Die Parteiführung hatte ihn ein Jahr vor dem Mauerfall nicht etwa wegen seiner nationalsozialistischen Verstrickungen, sondern wegen seiner Alkoholeskapaden auf dem Rückflug von den Olympischen Spielen in Kanada 1988 suspendiert.