Kolumne Klassenkampf: spätpubertierende Lümmel auf Clubhouse

Nicht mein Club

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Clubhouse, habe ich mir erklären lassen, ist eine App für iPhones, in die Menschen hineinsprechen können, die ein großes Publikum erreichen wollen. Wie einen öffentlichen Chat stelle ich mir das vor, nur mündlich, also ohne diese kleine Verzögerung, die dadurch entsteht, dass ein Gedanke aus dem Kopf über die Hände in die Tastatur fließt und die Augen alles wahrnehmen müssen, was da steht, woraufhin der Kopf nochmal kurz nachdenken darf, ob die Hand das jetzt echt losschicken soll. Diese Kontrolle verhindert, man sieht es in diversen Chatforen sowie meinem gesamten durch Probleme mit technischen Geräten entstandenen Schriftverkehr, nur sehr wenig Leid. Aber vielleicht ist es dem Kundendienst am Ende immer noch lieber, sich meine von Einsicht und Wissen unberührte Aufregung durchzulesen, nachdem sie die Kopf-Hand-Tastatur-Bildschirm-Auge-Kopf-Hand-Prozedur durchlaufen hat, als sie sich ganz ungefiltert anhören zu müssen, wie es am Telefon der Fall wäre. Oder bei Clubhouse.

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Dort haben letztens offenbar Menschen, die strafrechtlich in Verbindung mit Clankriminalität auffällig geworden sind, und solche, die berufsmäßig in der Presse über Clankriminalität berichten, und dann noch andere Menschen, die wegen Corona gerade nichts anderes zu tun hatten, miteinander publikumswirksam über die Verfolgung von Clankriminalität in Deutschland und Rassismus gesprochen. Das hat mich interessiert, weil auf meine Schule ein paar Kinder aus einschlägigen ­Familien gehen und wir deswegen zum Beispiel schon einmal eine aufgeregte Männergruppe auf dem Schulhof hatten, die versuchte, die Ehre einer mit ihnen verwandten Siebtklässlerin wiederherzustellen, die zuvor von einer anderen Siebtklässlerin vielleicht oder vielleicht auch nicht als Nutte bezeichnet worden war. Weil die Männer für den Erfolg dieses Vorhabens ein Messer für unabdingbar hielten, musste letztlich die Polizei kommen und ich denke seitdem, dass es nicht einfach sein kann, diese Siebtklässlerin zu sein.
Jedenfalls habe ich versucht, das Clubhouse-Gespräch auf Youtube nachzuhören, aber es ging nicht, wirklich. So sehr vermisse ich die Schule nicht, dass ich jetzt auf Youtube erwachsenen Männern dabei zuhören müsste, wie sie in perfekter Imitation des männlichen Pubertierenden minutenlang selbstmitleidig vor sich hinramentern, unwillig, andere Menschen als ihre Kumpel zu Wort kommen zu lassen, und mit dem Ziel, ihre Kontrahenten unter strenger Einhaltung des kleinen Einmaleins des Pausenhof­bullys vor einem offenbar willfährigen Publikum niederzumachen. Leider muss der informierte Kommentar zur Debatte, den ich hier gerne bereitgestellt hätte, deshalb entfallen. Dafür aber kann ich allen Besitzerinnen von Android-Geräten, die überlegen, ob sie jetzt nicht doch mal ein iPhone brauchen, mitteilen: dafür nicht.