Das neue Album von Mogwai

Früher war’s lauter

Das neue Album von Mogwai stieg in Großbritannien auf Platz eins der Charts ein – dank einer klugen Medienkampagne. »As the Love Continues« schrammt aber wie alle anderen Alben der Band haarscharf am Mainstream vorbei und präsentiert eine neue Facette von Mogwai: den Space Rock.

To the bin my friend, tonight we vacate earth.« Diese Worte, leidenschaftslos, fast schon teilnahmslos eingesprochen, sind das Erste, was man, noch bevor die Musik einsetzt, hört. Gleichzeitig ist es der Titel des ersten Songs auf dem zehnten Studioalbum von Mogwai. »As the Love Continues« ist, wie der Titel verspricht, ein weiteres Kapitel im opulenten Gesamtkunstwerk der Band. Die Platte lässt keinerlei Langeweile aufkommen, sondern offenbart, wie ein geliebtes Gegenüber, immer neue Seiten. Für eine gute Stunde ermöglicht sie dem Hörer, dem Alltag den Garaus zu machen, wenn auch zurzeit nur vom Sofa aus. Der Band, die sehr stolz auf ihre Live-Auftritte ist, wird diese Trockenübung nur bedingt gerecht.

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Piano und Schlagzeug setzen ein, nach 30 Sekunden gesellt sich das wohlige Rauschen aus verzerrter ­Gitarre und Bass hinzu. Langsam hebt sich der Schleier, das Zeitgefühl geht verloren; mit geschlossenen ­Augen lässt es sich am besten schwelgen, staunen und im sanften Rauschen verschwinden. Beim nächsten Realitätscheck sind schon drei Songs und 15 Minuten vergangen. Mogwai haben ihr Markenzeichen, den ständigen Wechsel zwischen Noisewall und Sphärenklang auf ihren ersten Alben (allen voran auf dem Klassiker »Come On Die Young« von 1999), überwunden. Aus der (Post-)Hardcore-Band sind in dem guten Vierteljahrhundert ihres Bestehens Post-Rocker geworden, die nun auffällig zum Space Rock tendieren.

Auf dem Plattencover versteckt sich eine politische Botschaft: »Made in the E.U.« steht da unter der Glasgower Anschrift des Labels.

Dann ist da plötzlich Gesang. »Rise crystal spear, fly true over me / Suddenly gone from here, left alone on the road / What brings you back? Promises of a memory / Your own ghost running away with the past«, singt Stuart Braithwaite im vierten Song, »Ritchie Sacramento«. Seine Stimme klingt, als wäre er gerade aufgewacht, aber trotzdem prägnant und klar. Der Song ist den in vergangenen Jahren verstorbenen Freunden und Musikerkollegen gewidmet, allen voran David Berman (Silver Jews und Purple Mountains), der sich 2019 das Leben nahm: »My oldest friend that I barely knew / So much fun hanging around in the dark / You stop time, managed to somehow find a way / Out of here, dagger in everyone’s heart.«

Auf Berman gehen auch die ersten Worte des Songs zurück. Der Legende nach warf er in seiner Studentenzeit mit dem Ausruf »Rise crystal spear!« einen Spaten auf ein Luxusauto. »Disappear in the sun / All gone, all gone / It took a while just to think / Of home, of home«, heißt es im Refrain. Dass hier gesungen wird, ist ein gekonnter Bruch auf dem ansonsten instrumental gehaltenen Album, was dem Ganzen noch einmal mehr Bedeutung gibt.

Sprachspiele waren bei Mogwai schon immer präsent, beschränkten sich aber meist auf die Betitelung ihrer Alben und Songs. Ein gutes Beispiel ist ihr Album »Hard­core Will Never Die, but You Will« von 2011. Auch auf »As the Love Continues« findet man solche Sprachspiele. »Drive the Nail« heißt der fünfte Song, ein gewagter Titel für das auf den Nachruf folgende Lied. Es folgt »Fuck Off Money«, der kon­tradiktorische Moment der Platte, denn das Album schaffte es als erste Mogwai-Veröffentlichung auf Platz eins der Albumcharts in Großbritannien (sowie auf Platz neun in den USA und Platz drei in Deutschland, was ebenfalls Bestwerte für die Band sind). Nicht unbedingt, weil es so überragend wäre, sondern weil die Band eine Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag #Mogwai4Number1 lancierte, an der sich neben anderen Robert Smith (The Cure) und Tim Burgess (The Charlatans) beteiligten.

Dieser Erfolg, und das wissen die Musiker selbst hoffentlich am besten (und freuen sich dennoch), ist vor allem zwei ungewöhnlichen Umständen geschuldet. Erstens sind die Hörer von Mogwai viel häufiger ­Vinyl-Nerds als die anderer Bands. Deshalb bat die Band auch diejenigen, die sich das Album ohnehin kaufen wollten, das doch bitte in der ersten Woche zu tun. Denn Chartplatzierungen berechnen sich nach den Einnahmen durch Platten- und CD-Verkäufe; Käufe per Download sind weitestgehend irrelevant. Zweitens wird wegen der anhaltenden Covid-19-Pandemie insgesamt weniger veröffentlicht, und wegen geschlossener Plattenläden kommt es zu weniger Zufallskäufen. Andere Profiteure dieser Konstellation sind vornehmlich Rapper, die ihr Album als Deluxe-Paket mit T-Shirt und DVD zu hohen Preisen anbieten. Dadurch müssen sie relativ wenige Einheiten verkaufen, um eine hohe Chartplatzierung zu erhalten.

Mogwai, musikalisch immer schon nur knapp am Mainstream vorbei, hatten sich in ihrer Anfangszeit gewünscht, irgendwann einmal von John Peel, dem legendären DJ von BBC Radio One, gespielt zu werden – was recht schnell passierte. Ihr später Charterfolg sei ihnen gegönnt. Außerdem haben sie in Großbritannien Ghetts, einen Rapper mit Panzer- und Gottesfimmel, und sein Album »Conflict of Interest« auf den zweiten Platz verwiesen.

In der zweiten Hälfte von »As the Love Continues« und insbesondere im Song »Ceiling Granny« kehren Mogwai zu ihrem bekannten Laut-leise-Spiel zurück, wobei »laut« aber nicht mehr so laut wie früher ist. Dafür folgt das üppige, mit einem kompletten Streichorchester produzierte »Midnight Flit«.

Nicht nur dessen Produktion, sondern die der ganzen Platte stellte Mogwai wegen der Pandemie vor einige Herausforderungen. Das Streichorchester kommt aus Budapest und spielte dort auch seine Aufnahmen ein. Die schottische Band selbst wollte ursprünglich wie üblich zu ihrem Produzenten Dave Fridmann in die USA reisen, um die Platte aufzunehmen, blieb dann aber in Groß­britannien und nahm in den Vale Studios in Worcestershire auf, einer zum Tonstudio umgebauten Kirche. Fridmann war die ganze Zeit für ­Anregungen und Kritik zugeschaltet und um die Musiker herauszufordern beziehungsweise die Fortschritte zu überwachen. Stuart Braithwaite zufolge verlieh dieses Arrangement der Zusammenarbeit mit Fridmann einen »weird Wizard of Oz vibe«. Diese mehr als ungewöhnliche, aber vielleicht bald übliche Produktionsgeschichte merkt man der Platte allerdings zu keinem Zeitpunkt an.

Auf dem Plattencover versteckt sich dann noch eine politische Botschaft: »Made in the E.U.« steht da unter der Glasgower Anschrift des Labels. Zur Veröffentlichung des ­Albums wies Braithwaite mehrmals auf die Probleme hin, die der britische EU-Austritt Musikern bereitet, weil man nun jedes einzelne Stück Equipment separat verzollen müsse und ein Visum brauche, um durch EU-Länder beziehungsweise durch Großbritannien zu touren – wenn das Touren irgendwann wieder möglich sein wird. Dies alles verursacht immense zusätzliche Kosten, die eine Band wie Mogwai zwar bewältigen könne, die aber anderen, vor allem jungen Musikern, den Start erschweren.

Zum Ende der Platte beweisen Mogwai noch einmal ihre Vielseitigkeit. »Supposedly, We Were Nightmares« überspitzt die eigene musikalische Weiterentwicklung. Das Stück ist geradezu poppig. Den würdigen Abschluss des Albums liefert dann ein zwischen Sounds hin und her wogender Song, der wie kein ­anderer ausdrückt, wofür Mogwai stehen, und zusätzlich noch den ­passendsten Titel trägt: »It’s What I Want to Do, Mum«.

Mogwai: As the Love Continues (Rock Action / PIAS)