Einem Landesverband des RCDS wird unter anderem Sexismus vorgeworfen

Mit Feministentanten trinkt man nicht

Im hessischen Landesverband des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) rumort es. Der Bundesverband der konservativen Studentenorganisation drängt darauf, sexistische Vorfälle und rechtspopulistische Ausfälle aufzuklären.

Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) ist nach eigenen Angaben die größte und älteste besteh­ende Studentenorganisation Deutschlands. Er beruft sich auf »christdemokratische, konservative und liberale Wer­te« und steht CDU und CSU nahe. Aber zumindest im hessischen Landesverband vertreten Mitglieder Ansichten, die selbst manchen Konservativen offenbar zu weit gehen. Das zeigen Aussagen eines ehemaligen Mitglieds und Unterlagen, die der Jungle World vorliegen.

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Ein ehemaliges Mitglied hat ausführlich mit der Jungle World über seine Zeit im hessischen RCDS gesprochen. Namentlich will die Frau nicht genannt werden. Sie habe sich mehrere Jahre in dem Verband engagiert, sei inzwischen jedoch wegen diverser Vorfälle ausgetreten, sagte sie. Irgendwann sei es genug gewesen mit Aussagen wie »Mit Frauen trinke ich nicht« oder »Frauen gehören nicht in Führungspositionen« und den Lästereien über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die einigen hessischen Mitgliedern des RCDS als »frustrierte, kommunis­tische Feministentante« gelte. Nach Sitzungen sei über die »Umvolkung« durch Zuwanderung fabuliert und das Frauenwahlrecht in Frage gestellt worden.

Doch es blieb der Frau zufolge nicht immer bei derart abfälligen Äußerungen. Wer sich im RCDS Hessen für die Belange von Frauen einsetzen wollte, habe mit direkten verbalen Angriffen rechnen müssen. »Frauen sind in Kreuzverhöre geraten, vor Sitzungen zusammengebrochen, wurden zum Weinen und zum Schweigen gebracht und haben sich vereinzelt anwaltliche Hilfe gesucht«, schilderte sie. Daher sei sie froh, den RCDS verlassen zu haben. »Mir geht es seither besser, auch wenn ich denke, dass ich für die CDU politisch verbrannt bin.«

Bereits 2018 sorgten Mitglieder der hessischen RCDS-Gruppe Rhein-Main gemeinsam mit Mitgliedern der Jungen Union (JU) aus dem Kreisverband Rheingau-Taunus und dem Stadtverband Limburg für einen Eklat. Sie stimmten während eines Ausflugs nach Berlin am 9. ovember, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, in einer Kneipe das »Westerwaldlied« an, das sich während des Zweiten Weltkriegs bei Soldaten der Wehrmacht großer Beliebtheit erfreut hatte. Ein Video von der Gesangs­einlage gelangte damals an die Öffentlichkeit. Einer der darin erkennbaren singenden Männer war Nils Hofmann, der Vorsitzende der JU Limburg. Das Amt hat er immer noch inne. Zudem ­ist er seit Anfang März Landesschatzmeister des RCDS in Hessen. Vor seinem Engagement in der JU hatte er sich in der AfD betätigt.

In Chat-Protokollen, die die Jungle World einsehen konnte, rühmen sich hessische Mitglieder des RCDS damit, Veranstaltungen der rechtskonservativen Werteunion zu moderieren oder für das rechtspopulistische Portal »Achse des Guten« zu schreiben. Die CDU wird in solchen Chats schon einmal als »erbärmlicher Haufen« bezeichnet. Aber da ohnehin alles »wie ein Kartenhaus zusammenbrechen« werde, sei es das Beste, »für sich selbst das meiste herauszuholen«, beschreibt ein RCDS-Mitglied im Chat die Motivation für sein politisches Engagement. In Anbetracht der derzeitigen Korruptionsaffären von Unionspolitikern scheinen solche Überlegungen durchaus verbreitet zu sein. Darüber hinaus brüsten sich Chat-Teilnehmer mit »einflussreichen Unterstützern«.

Im hessischen Landesverband des RCDS vertreten Mitglieder Ansich­­ten, die offenbar selbst manchen Konservativen zu weit gehen.

In einem internen Brief an den Bundesvorstand, der der Jungle World ebenfalls vorliegt, schilderten besorgte hessische Mitglieder Anfang März diverse sexistische und rassistische Vorfälle mit Nennung der zugehörigen Ortsverbände, darunter Kassel, Darmstadt und Frankfurt am Main. Doch passiert sei nichts, sagt die aus dem RCDS ausgetretene Frau. »Der Bundesvorstand hat keine Handhabe, es müsste in Hessen etwas passieren.« Dem Schreiben zufolge erfuhr sogar der hessische Ministerpräsident und Landesvorsitzende der CDU, Volker Bouffier, von den Vorgängen. Er warnte demnach davor, dass der RCDS zu einer »Sekte aus vergangenen Zeiten« werde.

Eine Anfrage der Jungle World beantwortete der Vorstand des RCDS Hessen erst nach anfänglichem Zögern. Man nehme die Vorwürfe ernst, heißt es – allerdings mit Einschränkungen: »An die Personen des neuen Landesvorstands sind keine konkreten Vorwürfe herangetragen worden.« Es handle sich um »Gerüchte«. Der Landesvorstand stehe Mitgliedern für ein persönliches Gespräch zur Verfügung, die Kontaktdaten seien bekannt. Der neue Vorstand, zu dem Nils Hofmann als Schatzmeister gehört, wurde erst Anfang März auf einem Landesdelegiertentreffen gewählt, ist also erst seit kurzem im Amt.

Etwas ausführlicher fiel die Antwort des Bundesvorstands des RCDS aus: Er wolle die Vorwürfe untersuchen, auch »Disziplinarmaßnahmen« seien nicht ausgeschlossen. Weder »Extremismus« noch Sexismus oder »psychische Gewalt« würden toleriert. Mit dem neuen Landesvorstand habe man bereits kurz nach dessen Wahl Kontakt aufgenommen, um ihn bei der Aufklärung der Vorwürfe zu unterstützen. Und weiter: »Wir drängen zudem auf die Aufklärung seitens des Landesverbandes.«