Großtürkische Ideologie eint Aserbaidschan und die Türkei

Großmachtträume im Kaukasus

Die Türkei hat Aserbaidschan im Krieg um Bergkarabach unterstützt. Der aserbaidschanische Sieg stärkt die pan­turkistische Ideologie in beiden Ländern.
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Es ist fraglich, worin die vielbeschworene Brüderlichkeit zwischen Aserbaidschan und der Türkei begründet sein sollte, wenn da nicht der gemeinsame Feind wäre, also Armenien. Sonderlich lange besteht die offizielle Beziehung zwischen den sogenannten Bruderstaaten noch nicht, nur 30 Jahre ist sie alt; 1991 erkannte die Türkei als erstes Land weltweit die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan an. Gepflegt wird die Beziehung seitdem durch illustre Kulturfeste und die Beschwörung des Umstands, dass die jeweiligen Landessprachen der gleichen Sprachfamilie angehören.

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Doch beide Länder haben ein besonderes Verhältnis zueinander, kaum vergleichbar etwa mit der Beziehung zwischen Usbekistan und Kasachstan, ebenso Staaten sogenannter Turkvölker. Aserbaidschan und die Türkei sollen sich nach Ansicht vieler in beiden Ländern, frei nach dem ehemaligen aserbaidschanischen Präsidenten Heydar Alijew, als zwei Staaten, aber eine Nation verstehen; beide soll der Glaube an die blaue Flagge des Reichs der Göktürken einen, einer Stammesföderation der Spätantike, deren Gebiet vom Schwarzen Meer bis nach China reichte, aber das Staatsgebiet der heutigen Türkei nicht umfasste. Besser bekannt ist die blaue Flagge als Symbol des modernen Panturkismus.

Diese Leitideologie, die in den Untergangsjahren des Osmanischen Reichs im Übergang ins 20. Jahrhundert entstand, findet heutzutage nicht allein unter hinterwäldlerischen Verfechtern eines großtürkischen Reichs Anklang. Politiker und Geschäftsleute hängen ihr an, die die wirtschaftliche und militärische Kooperation der beiden Länder vorantreiben, zum Beispiel den Austausch von aserbaidschanischem Erdöl gegen türkische Drohnen. Diese spielten beim Sieg Aserbaidschans über Armenien in Bergkarabach eine entscheidende Rolle.

Ähnlich wie bereits 1918 kämpften auch im Krieg um Bergkarabach islamistische Söldner. Die Türkei hatte diese in Syrien rekrutiert, Söldner aus dem Land hatte sie in den vergangenen Jahren bereits in Libyen wie eine Privatarmee eingesetzt. 1918 hatten islamistische Söldner in der »Islamischen Armee des Kaukasus«, die aus dem Osmanischen Reich nach Aserbaidschan vorgerückt war, gegen Armenier und Bolschewiki gekämpft. Die Armee stand unter der Führung des Jungtürken Nuri Pascha, dem jüngeren Bruder des osmanischen Kriegsministers Enver Pascha, einem der Hauptverantwortlichen für den Genozid an den Armeniern. An die Formierung der Islamischen Armee des Kaukasus im Ersten Weltkrieg erinnerte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, als er am 10. Dezember vorigen Jahres als Ehrengast an einer aserbaidschanischen Siegesparade nach dem Krieg um Bergkarabach teilnahm. Zur Schau gestellt wurde dort auch Kriegsbeute, zum Beispiel russische Panzer aus dem Bestand der armenischen Streitkräfte.

Die uneingeschränkte Unterstützung Aserbaidschans durch die Türkei hat deren bereits zuvor hohes Ansehen in Aserbaidschan weiter gestärkt. Während des Kriegs waren Autokorsos mit den Flaggen beider Länder in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ein häufiger Anblick. Ob es sich dabei um spontane Äußerungen tiefster Verbundenheit handelte oder um politische Inszenierungen, ist nicht so bedeutsam. Entscheidend ist vielmehr, ob das panturkistische Expansionsstreben nach dem jüngsten triumphalen Sieg auf neue Eroberungszüge sinnt.

Fürsprecher finden sich zuhauf, beispielsweise der mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew verbandelte und mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eng befreundete Milliardär Ilham Rahimow, der sich für einen aserbaidschanisch-türkischen Einheitsstaat starkmacht. Ein Abkommen zwischen der Türkei und Aserbaidschan ermöglicht es Bürgern beider Staaten seit Anfang dieses Monats erstmals, ohne Reisepass zwischen den beiden Ländern zu reisen.

Dennoch ist die Gründung einer aserbaidschanisch-türkischen Konföderation in naher Zukunft unwahrscheinlich. Weder Alijew noch Erdoğan wollen ihre Macht mit irgendjemandem teilen. Doch die panturkistische Idee eines großtürkischen Reichs lebt fort. Aserbaidschan verdankt dem mächtigen Partner seinen militärischen Erfolg und bietet seinerseits Zugang zu Energieressourcen und Großaufträge für die türkische Wirtschaft. Beide Seiten profitieren von der engen Partnerschaft.