Porträt - Bernd Osterloh

König von Wolfsburg

Betriebsräte haben bei VW besonders viel zu sagen. Das geht auf die britische Besatzung in der Nachkriegszeit zurück: Die Briten wollten aus dem Nazi-Konzern einen »demokratisch kontrollierten Industriebetrieb« machen. Doch bekanntlich hat die in deutschen Industriekonzernen institutionalisierte Mitbestimmung nicht gerade zum Aufbau autonomer Proletariermacht geführt. Betriebsräte neigen zur engen Zusammenarbeit mit dem Management, oft haben sie die Maxime verinnerlicht, dass die Gewinne erst einmal sprudeln müssen, damit es den Beschäftigten gutgehen kann.

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Bei VW kamen sich Arbeitnehmervertreter und Konzernleitung besonders nahe gekommen. 2005 kam heraus, dass Betriebsräte mit Geldzahlungen, Luxusreisen und Prostituierten bestochen worden waren. Der damalige Personalvorstand Peter Hartz musste zurücktreten und wurde später wegen Untreue verurteilt.

Als Folge des Skandals stieg Bernd Osterloh zum Betriebsratsvorsitzenden von VW auf. Seitdem gilt er als »König von Wolfsburg« und als mächtigster Arbeitnehmervertreter Deutschlands. Immer wieder legte er sich öffentlich mit VW-Manager Herbert Diess an. Ein Klassenkämpfer war er aber nicht gerade. »Anders als beispielsweise bei Daimler oder Continental verlaufen der Personalabbau und die Transformation zur Elektromobilität bei Volkswagen seit Jahren ohne größere Konflikte zwischen Management und Arbeitnehmern«, lobte noch voriges Jahr die Tageszeitung Die Welt.

Osterloh sah sich gerne als Quasi-Konzernlenker, der mindestens so qualifiziert sei wie die Manager. Zeitweilig verdiente er als Betriebsrat so viel Geld, dass die Staatsanwaltschaft Niedersachsen 2019 wegen Veruntreuung von Unternehmensvermögen Ermittlungen aufnahm.

Nun macht Osterloh einen weiteren Karriereschritt und wechselt in den Konzernvorstand der VW-Tochter Traton. Sogar die konservative Wirtschaftswoche spekuliert, dass Diess seinen Kontrahenten habe ruhigstellen wollen und ihm deshalb den lukrativen Posten zugeschustert habe. Für Osterloh krönt dieser eine lange Karriere in der Chefetage der deutschen Industrie: Endlich ist er ein richtiger Manager. Und diesmal wird nicht einmal die Staatsanwaltschaft ermitteln. Denn die zwei Millionen Euro Jahresgehalt, die er von jetzt an kassiert, sind für einen Konzernvorstand völlig normal.