Der Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin trägt den Namen eines Antisemiten

Der Streit um den Namen

Seit langem fordern Studierende der Freien Universität Berlin, den Henry-Ford-Bau, das zentrale Vorlesungsgebäude der Universität, umzubenennen. Ford, der als Erfinder der Fließbandproduktion gilt, war bekennender Antisemit – das Präsidium der FU behauptet aber, das Gebäude sei nach dessen in dieser Beziehung unbelastetem Enkel Henry Ford II benannt.

»Der Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin trägt einen guten Namen.« So endet ein im Dezember 2020 im ­Tagesspiegel veröffentlichter Artikel des Historikers Jochen Staadt. Dieser Satz ist fragwürdig, ist doch hinlänglich bekannt, dass der Namenspatron nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer war. Henry Ford war Träger höchster Orden des NS-Staats, wie des Adlerschilds des Deutschen Reiches und des Großkreuzes des Deutschen Adlerordens. Hitler bezeichnete ihn 1931 gegenüber der Zeitung Detroit News als »Inspiration«. In den zwanziger Jahren hatte Ford in seiner Zeitung The Dearborn Independent zahlreiche antisemitische Artikel sowie eine Übersetzung der »Protokolle der Weisen von Zion« veröffentlicht. Eine Auswahl dieser Artikel wurde später unter Fords Namen in dem vierbändigen Buch mit dem Titel »The International Jew: The World’s Foremost Problem« veröffentlicht.

Henry Ford war Träger höchster Orden des NS-Staats, wie des Adlerschilds des Deutschen
Reiches und des Großkreuzes des Deutschen Adlerordens.

In den dreißiger Jahren waren die Ford-Werke in Deutschland maßgeblich am Aufbau der Wehrmacht beteiligt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden dort auch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt. Wie groß der Einfluss Fords bis zum Kriegseintritt der USA 1941 noch gewesen ist (danach befanden sich die deutschen Ford-Werke unter Treuhandschaft, Ford blieb zwar Eigentümer, hatte aber, soweit bekannt, keinerlei Einflussmöglichkeiten mehr) und ob Profite mit der Zwangsarbeit erwirtschaftet wurden, ist zwar auch von Belang, kann hier aber nicht beantwortet werden. Henry Fords Antisemitismus jedoch reicht allein schon aus, um zu dem Schluss zu kommen, dass eine solche Persönlichkeit auf keinen Fall öffentlich geehrt werden sollte.

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Das sehen wohl auch das FU-Präsidium und Jochen Staadt so. Um das Gebäude trotzdem nicht umbenennen zu müssen, vertreten sie die These, der Bau sei in Wirklichkeit nach Henry Fords Enkel Henry Ford II benannt. Dieser sei, so Staadt, »philosemitisch eingestellt« gewesen – in diesem ­Sinne war der eingangs zitierte Satz vom »guten Namen« gemeint.

Anfang vorigen Jahres wurde beschlossen, die Beuth-Hochschule für Technik, die erst 2009 nach dem preußischen Staatsrat und Antisemiten Peter Beuth benannt worden war, erneut umzubenennen (sie wird ab Oktober Berliner Hochschule für Technik heißen). Danach intensivierte sich auch die Diskussion über den Henry-Ford-Bau, weswegen sich die FU gezwungen sah, ihre Behauptung zu untermauern. Im November teilte das FU-Präsidium dem Akademischen Senat mit, Staadts Forschungsergebnisse belegten, »dass der Bau zweifelsfrei nach Henry Ford II benannt wurde«. Doch wie stichhaltig sind Staadts Argumente?

Es ist zweifelsohne löblich und erkenntnisfördernd, dass nun endlich eine umfangreiche Recherche in den Akten des Universitätsarchivs sowie der Ford-Stiftung vorgenommen wurde. Jochen Staadt stellte die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit 2020 in einem Artikel in der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat vor. Dabei ging er allerdings nicht auf die Argumente der Gegenseite ein, sondern versuchte, diese durch polemische Labels wie »Matador der Cancel Culture« zu diskreditieren. Die Forderung nach Umbenennung sei von linken Kampagnenführern in die Welt gesetzt worden. Staadt vermochte jedoch nicht zu überdecken, dass seine Forschungen tatsächlich keinen Beweis für die Enkel-These lieferten – höchstens Indizien, die sich unterschiedlich auslegen lassen.

Zunächst die historischen Fakten: Am 3. ärz 1954 beschloss der Akademische Senat, »dass das Gebäude des Auditorium Maximum den Namen ›Henry-Ford-Bau‹ tragen soll«. Dass darauf keine genauere Ausführung folgt, legt eigentlich die Benennung nach dem deutlich bekannteren Großvater und Gründer der geldgebenden Stiftung nahe. Auch die zeitgenössische Presse machte sich nicht die Mühe, zu erläutern, dass es sich beim Namens­geber um Henry Ford II gehandelt habe, obwohl dies sicherlich einer Klarstellung bedurft hätte. In anderen Artikeln aus dieser Zeit, die sich mit Henry Ford II befassen, wird dieser in der Regel auch so genannt oder zumindest als »Enkel des Gründers der Ford-Werke« (Tagesspiegel vom 10. uni 1951) eingeordnet.

Der Akademische Senat nahm zunächst Abstand von dem Vorschlag, die in dem Gebäude befindlichen Hörsäle nach bestimmten Persönlichkeiten zu benennen. Einen solchen Vorschlag konnte Staadt tatsächlich nachweisen. Er stammt von dem Juristen, Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung und Mitgründer der Berliner Politikwissenschaft, Franz Leopold Neumann, der als Sohn jüdischer Eltern und Sozialdemokrat 1933 aus Deutschland in die USA geflüchtet war. Neumann hatte 1952 vorgeschlagen, die Hörsäle nach »Persönlichkeiten der Ford-Stiftung« zu benennen und dabei neben Paul G. Hoffman und Robert Maynard Hutchins auch Henry Ford ins Spiel gebracht. Die Ford Foundation gibt an, 1936 nicht von Henry Ford gegründet worden zu sein, sondern von dessen Sohn Edsel, der auch als ihr erster Präsident fungierte, bis 1943 Henry Ford II die Leitung der Stiftung übernahm. Henry Ford selbst starb 1947, mit einer der »Persönlichkeiten der Ford-Stiftung« dürfte Neumann 1952 also Henry Ford II gemeint haben.

Die weiteren von Staadt genannten Indizien sind ein Memorandum und ein darauf folgendes Telegramm, in dem erfragt wurde, ob Henry Ford II etwas dagegen habe, wenn das neue FU-Gebäude nach Henry Ford benannt werde. Ein Pronomen, das darauf ­hinweisen würde, welcher Henry Ford gemeint ist, kommt nicht vor. Eine solche Nachfrage wäre bei einer Benennung nach Henry Ford II als auch nach seinem Großvater angemessen gewesen. Die Aktenlage sowie die zeitgenössische Rezeption lassen also vollkommen offen, welcher Ford gemeint ist.

Darüber hinaus argumentiert Staadt damit, dass einige Juden die Namensgebung befürworteten, beispielsweise Henry J. Kellermann, ein Deutschland-Experte des US-Außenministeriums. Er unterstützte die Bemühungen des Hohen Kommissars der Vereinigten Staaten in Deutschland um eine Spende der Ford Foundation für die FU. Es ist jedoch nicht ersichtlich, was er in dieser Position mit der Namensgebung zu tun gehabt haben sollte. Auch der bereits erwähnte Franz L. Neumann war nach der Ablehnung seines Vorschlags nicht an der letztlichen Entscheidung beteiligt. Der US-amerikanische Journalist und Historiker Shepard Stone war ab 1953 im Stab der Ford Foundation, ihm ­wurde bei der Einweihung des Henry-Ford-Baus am 19. uni 1954 die Ehrendoktorwürde verliehen; auch der SPD-Politiker Paul Hertz sprach auf dieser Veranstaltung für die Ernst-Reuter-Gesellschaft. Es gibt also keinen Grund zu der Annahme, dass beide an der damals bereits vollzogenen Namensgebung beteiligt gewesen wären. Auch Staadt argumentiert lediglich, dass eine Benennung des Baus nach einem notorischen Antisemiten ein ­Affront für diese Gäste gewesen wäre.

Nicht jüdisch, jedoch ein ehemaliger Widerstandskämpfer war der damalige Kurator der Universität, Fritz von Bergmann. Dieser war Staadt zufolge »an der Einwerbung der Ford-Spende wie auch an der späteren Namensgebung« beteiligt. Inwiefern, lässt er offen. Auf der Anwesenheitsliste des entsprechenden Protokolls des Akademischen Senats ist von Bergmann jedenfalls nicht vermerkt.

Unter den von Staadt genannten jüdischen Personen war allein Ernst Eduard Hirsch, der 1933 Deutschland verlassen hatte, als Rektor der Freien Universität unmittelbar für die Namensgebung mitverantwortlich. Staadt behauptet, angesichts von Hirschs Vita sei die Annahme »unhaltbar«, das Gebäude sei nach »dem Antisemiten« Henry Ford benannt worden. Doch dies ist ein lediglich identitäres Argument, das zudem heutige Standards auf die fünfziger Jahre überträgt.

Fords Schriften waren weit ver­­brei­tet und sein Antisemitismus war nicht unbekannt, wurde jedoch insbesondere nach seinem Ableben selten erwähnt.

Für gewöhnlich wurde zu dieser Zeit bei persönlichen Ehrungen nicht auf eine mögliche NS-Vergangenheit der Geehrten geachtet. Wie man am Fall der Beuth-Hochschule sehen kann, konnte man nicht einmal 2009 ein entsprechendes Problembewusstsein voraussetzen. Auch koloniale Straßennamen sind erst seit einigen Jahren vermehrt Gegenstand der öffentlichen Diskussion, kaum jedoch Straßen, die nach erklärten Antisemiten wie beispielsweise Heinrich von Treitschke benannt wurden. In einer Zeit, in der NS-Verbrecher wie Hans Globke hohe Positionen im bundesdeutschen Staat innehatten, war ein solches Problembewusstsein noch weniger zu ­erwarten.

Der Umgang mit öffentlichen Ehrungen basiert auf gesellschaftlichen Maßstäben, die sich in einem stetigen Wandel befinden. Die Forderung, eine Entscheidung zu revidieren, ist somit auch keine moralische Verurteilung der historischen Akteure, wie Jochen Staadt anzunehmen scheint, wenn er meint, sich für die nie angezweifelte Integrität der oben aufgezählten Personen einsetzen zu müssen.

Auch sollte man die Rezeption Henry Fords im Deutschland der fünfziger Jahre in Betracht ziehen. Fords Schriften waren weit verbreitet und sein Anti­semitismus war nicht unbekannt, wurde jedoch insbesondere nach seinem Ableben selten erwähnt. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung trat jener Aspekt der Biographie Fords in der Nachkriegszeit zurück, zugunsten von Henry Ford »dem Autobauer«, Namensgeber der Stiftung und Großvater des damaligen Stiftungspräsidenten. So rekapituliert die dem zeitgenössischen Antisemitismus meist kritisch begegnende Studierendenzeitschrift Colloquium 1953 unter dem Titel »Unternehmen ›Wohl der Menschheit‹. Sinn und Arbeit der Ford-Stiftung« die Entstehung »dieser ungeheuren philanthropischen Unternehmung«, ohne den Antisemitismus des Namensgebers zu erwähnen. Keiner der im World Biographical Information System verzeichneten Einträge zu Henry Ford aus den Jahren vor 1980 führt dessen Antisemitismus an. Auch eine deutschsprachige, immerhin 16seitige Huldigung Fords von Franz Rudolph in seinem 1994 erschienenen Buch »Klassiker des Managements« verliert kein Wort zu diesem Thema.

Am aufschlussreichsten ist diesbezüglich sicherlich Christiane Eiferts Untersuchung von 2019 zur deutschen Ford-Rezeption in den zwanziger Jahren. Demnach stießen die antisemitischen Passagen in seiner 1922 veröffentlichten Autobiographie »Mein Leben und Werk« nicht nur in der rechten Presse auf Wohlwollen, sondern auch auf nahezu keine öffentliche Kritik. Die Arbeiterbewegung ignorierte Fords Antisemitismus ebenfalls. Eifert hält des Weiteren fest, dass Fords Bücher (»Mein Leben und Werk« und »Der internationale Jude«) sehr schnell wieder aus der deutschen Debatte verschwanden. Bezeichnend ist, dass bei der Neuauflage seiner Autobiographie in der Bundesrepublik 1952 alle explizit antisemitischen Stellen kommentarlos gestrichen wurden. »Der implizite Antisemitismus hingegen störte niemanden und blieb erhalten«, so Eifert.

Man sieht also, dass Fords Antisemitismus in der frühen Bundesrepublik so gut wie gar nicht rezipiert wurde. Entsprechend kann man auch nicht voraussetzen, Fords Antisemitismus wäre bereits in den fünfziger Jahren ein Hinderungsgrund für eine Ehrung gewesen. Eine Ausnahme sei der Vollständigkeit halber erwähnt: 1956 war dem damals eher linken Spiegel in einem siebenseitigen Artikel Fords Antisemitismus immerhin eine dreieinhalbzeilige Fußnote wert, die diesen jedoch als »Feldzug gegen jüdische Einwanderer« verharmlost.

Festzuhalten bleibt: Wem die Namensgebung galt, bleibt trotz der nun vorliegenden Dokumente ungewiss. Dafür, dass eigentlich Henry Fords Enkel gemeint war, ließen sich trotz intensiver Recherchen keine eindeutigen Beweise finden. Klar ist allerdings, mit welcher Person ein »Henry-Ford-Bau« heutzutage assoziiert wird: Die meisten Passantinnen und Passanten werden, wenn sie den Namen des Gebäudes betrachten, an den berühmten Autofabrikanten – und Antisemiten – denken, unabhängig davon, welcher Ford nun tatsächlich »gemeint war«.

Mit dieser Assoziation wird man auch schon zur Zeit der Benennung gerechnet haben müssen. Wenn die beteiligten Personen, wie Staadt argumentiert, den Bau auf keinen Fall nach dem Antisemiten Henry Ford benennen wollten – warum machten sie dies an keiner Stelle explizit, sondern ­akzeptierten vielmehr stillschweigend, dass das Gebäude mit ihm assoziiert werden würde? Viel wahrscheinlicher ist, dass entweder Henry Ford der ­Namenspatron war oder bewusst offen bleiben sollte, welcher Ford gemeint sei.

Sollte die Freie Universität an ihrer Argumentation festhalten, müsste zumindest sehr viel deutlicher erkennbar gemacht werden, dass das Gebäude nicht nach dem Antisemiten Henry Ford benannt ist. Eine geplante Hinweistafel ist nicht ausreichend und ändert wenig an der Außenwahrnehmung, solange der offizielle Name des Gebäudes einfach nur »Henry-Ford-Bau« lautet und in großen Lettern an der Fassade des wichtigsten repräsentativen Gebäudes der FU prangt. Dies ist und bleibt kein »guter Name«. Sollte man im Universitätspräsidium meinen, ein Konzernerbe und Unternehmer sei der richtige Namenspatron für ein Universitätsgebäude, wäre das Mindeste, das Gebäude offiziell in Henry-Ford-II-Bau umzubenennen.

Angemessener wäre es sicherlich, eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler zu ehren. Denkbar wäre beispielsweise auch eine Benennung nach einer der jüdischen oder jüdischstäm­migen Personen, die sich um die Finanzierung des Gebäudes verdient gemacht haben. Eine entsprechende Festlegung sollte jedoch ergebnisoffen von allen Statusgruppen gemeinsam an der FU diskutiert und entschieden werden. Zu unterstellen, Studierende, die diese Diskussion einfordern, seien »Um­benennungsaktivisten«, die eine »Kam­pagne« fahren, um dem Ruf der Universität zu schaden, ist wenig hilfreich. Vielmehr schadet es dem Anliegen ­einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte der FU und letztlich auch dem Ruf der Universität, die sich mit dem Namen Henry Fords schmückt.