»Chemtrails over the Country Club«, das neue Album von Lana Del Rey

Geheimagentin in weißem Kleid

Auch das neue Album von Lana Del Rey strotzt nur so vor fast undurchschaubarem Sarkasmus.

Schon früh in ihrer nun gut zehn Jahre andauernden Karriere bekam Lana Del Rey einen sogenannten Trailblazer Award verliehen. Das war 2015, bei den »Billboard Women in Music Awards«, einer Veranstaltung, die seit 2007 knackige Powerfrauen-Preise in Kategorien wie »Rulebreaker«, »Power House« oder »Game Changer« verleiht.

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Was die Sängerin – die diesen Preis damals übrigens in einem für sie doch sehr untypischen schwarzen Anzug entgegennahm – über solche Kategorien wahrscheinlich denkt, lässt »White Dress« erahnen, der erste Song ihres neuen Albums »Chemtrails over the Country Club«, in dem eine fiktive Frau über eine Veranstaltung mit dem Namen »Men in Music Business Conference« in Orlando singt, bei der sie mit 19 als Kell­nerin der Nachtschicht dabei war. Wenn Lana Del Rey aus der Sicht ­einer Kellnerin singt, zeigt das ihr Interesse an der Arbeiterklasse und dem Prekariat, die man in der Geschichte von Americana nicht erst seit Bruce Springsteen kennt. Aber es schwingt auch die Perspektive einer Geheimagentin mit, deren weißes Kleid von ihrer Aufgabe ablenken soll.

Solche knappen und pointierten Lyrics, deren Sarkasmus man nicht gleich durchschaut, durchziehen Del Reys gesamtes Œuvre. Auf der fein verästelten und souverän un­verkrampften neuen Platte werden Versionen eines mittlerweile auch in der Klatschpresse etablierten, vermeintlich aufgeklärten Leistungsfeminismus müde belächelt, bei dem Frauen zwar super »empowert«, aber eben immer noch Einzelkämpferinnen sind und im Wettbewerb gegeneinander stehen beziehungsweise dafür in Stellung gebracht werden (siehe Meghan vs. Kate); eine patriarchale Grundkonstante, die auch Frauen verinnerlichen – umso mehr, wenn alle so scharf auf Alleinstellungsmerkmale sind.

Von Vereinzelung ist bei Lana Del Rey nichts zu spüren: Auf dem schwarzweißen Coverfoto sieht man elf eng zusammen sitzende Frauen, die Abstandsregeln und Maskenpflicht selbstbewusst ignorieren. ­Der perlenbehängte Trupp scheint halb grinsend, halb Zähne fletschend zum sanften Kampf der So­lidarität in Rüschenkleidern aufzurufen. Um Freundschaft geht es nicht nur in der Coverversion des Joni-Mitchell-Songs »For Free«, die Del Rey gemeinsam mit Zella Day und Weyes Blood aufnahm; von Letzterer lässt sie sich auch ohne Scheu die gesangliche Show stehlen.

Da war ja noch was: diese kleine Kontroverse im vergangenen Jahr, bei der die Presse und fleißige Nutzer sozialer Medien wieder mal bereitwillig übers Stöckchen sprangen, als man Del Rey vorwarf, in ihren Texten bediene sie überkommene Rollenklischees. Doch davon ließ sich Del Rey nicht beeindrucken, siehe den neu­en Song »Let Me Love You Like a Woman«.

Lana Del Rey: Chemtrails over the Country Club (Polydor)