Surfen in der DDR

Real existierendes Brettsegeln

Auch in der DDR war die Begeisterung für das Surfen groß – ebenso wie dessen staatliche Reglementierung.

Das in den sechziger Jahren erfundene Windsurfen, in der DDR als »Brettsegeln« bezeichnet, spielte vor dem Hintergrund ideologischer Konflikte im Kalten Krieg eine große sport- und sicherheitspolitische Rolle. Der 1929 geborene Kalifornier Jim Drake, der in den fünfziger Jahren im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums als Ingenieur beteiligt gewesen war an der Entwicklung des Raketenflugzeugs X-15 und einer Cruise Missile, kombinierte in den sechziger Jahren das Surfboard mit Gabelbaum und Segel. 1968 wurde die Erfindung beim US-amerikanischen Patentamt angemeldet. Drake starb im Juni 2012, in einem Nachruf des Wassersportmagazins Surf berichtet der Verfasser Uli Stanciu von gemeinsamen Surfurlauben mit Drake auf Hawaii und auf den Bahamas. Auf die Frage, wie er als Erfinder des Windsurfens, der »friedlichsten Sportart der Welt«, tödliche Waffen entwickeln konnte, soll Drake einmal geantwortet haben: »Weil ich mein Land liebe.«

Ostberliner Mitglieder der Punker- und Alternativ­szene brachen vor lauter Begeisterung für die neue Sportart sogar ihre Ausbildungen ab – zum Entsetzen der staatssozialistischen Pädagogen.

Es dauerte jedoch bis zum Jahr 1973, bis seine friedliche Erfindung, das Windsurfen, trotz ideologischer Vorbehalte die DDR erreichte. Mit der Umbenennung der Begriffe für neue Sportarten zeigte sich der »Kalte Krieg« bereits auf semantischer Ebene: Analog zu »Jogging« und »Fitness« fand der Begriff »Windsurfen« aufgrund der Ablehnung von Anglizismen keinen Einzug in den offizi­ellen DDR-Jargon. Doch welchen Stellenwert nahm die »Brettsegeln« genannte Sportart in den 17 Jahren zwischen 1973 und 1990 im Sportsystem der DDR ein und welches widerständige Potential barg sie? Die Historiker René Wiese und Ronald Huster befassen sich in ihrem Aufsatz »Brettsegeln in der DDR« aus dem Jahr 2003 mit der Kulturgeschichte dieser »kapitalistischen Sportart« im real existierenden Sozialismus. Das Brettsegeln wurde von Anfang an in die bestehenden Sportstrukturen der DDR, insbesondere in den zentralistisch aufgebauten Bund Deutscher Segler, integriert. Nachdem »Berliner Wasserskisportler 1973 bei einer Schauvorführung während eines Wettkampfs in Polen das neue Gerät« kennengelernt hatten, so Wiese und Huster, ließ sich ein Bootsbauer aus Königs-Wusterhausen von einer Bauanleitung aus der Jugendzeitschrift Micky Maus inspirieren und entwickelte die ersten Prototypen aus Holz.

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In den folgenden Jahren entstanden erste Modelle, die sowohl von staatlichen Einrichtungen entwickelt als auch privat konstruiert wurden. Obgleich die SED-Regierung keine Gelegenheit ausgelassen hatte, den angeblich technischen und wissenschaftlichen Vorsprung des Sozialismus gegenüber der westlichen Staatengemeinschaft zu propagieren, kam es bei der industriellen Fertigung zu großen Problemen: Die im Rahmen der »Konsumgüterproduktion« in Halle, Berlin und Bernau hergestellten frühen Versionen der Segelbretter zeigten Wiese und Huster zufolge »Konstruktionsmängel an den Nähten, die leicht platzten, so dass Wasser eindrang«.

Als Reaktion darauf wurde ein neues, weniger anfälliges »Einheitsbrett« des Typs »Delta« entwickelt, das in kurzer Zeit zum Standardboard avancierte. Dieses Modell war begehrt und nicht wenige Heranwachsende investierten die zur Jugendweihe erhaltenen Geldgeschenke in ein Segelbrett statt in das ebenfalls beliebte Moped »Simson Schwalbe«. Wenngleich der globale Hype um das Windsurfen dem »Klassenfeind« aus den USA zu verdanken war, förderte der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB), die sportpolitische Vorfeldorganisation der SED, von Anfang an die neue Sportart.

Die Motivation des Bundes Deutscher Segler für die nicht eben typische Begünstigung einer neuen Sportart war instrumenteller Natur: Mittels der Integration des Brettsegelns und der Bereitstellung des Materials für große Teile der Bevölkerung sollten die stagnierenden Mitgliederzahlen in den sozialistischen Massenorganisationen wieder gesteigert werden. Zudem konnte es
sich die DDR aus Prestigegründen schlichtweg nicht leisten, bei den internationalen Olympischen Spielen auf ein professionelles Brettsegelteam zu verzichten. Windsurfen machte Spaß und wurde mit dem US-amerikanischen Lebensstil assoziiert. Die westlich-liberale Idee des Windsurfers als Individualist und die folglich meist nicht in Vereinen organisierte Ausübung des Sports wurden jedoch nicht übernommen, da man befürchtete, dass privat betriebener Wassersport die Autorität des DSTB in Frage stellen könnte.

Daher wurde das Brettsegeln von der Sportwissenschaft der DDR – im Widerspruch zu den »westlichen Grundwerten« des Surfens wie Freiheit und Individualismus – bürokratisch durchorganisiert. Das ideologische Unbehagen am westlichen Verständnis des Windsurfens zeigte sich beispielsweise in einem Brief des Staatssekretärs für Körperkultur und Sport, Günter Erbach, an den DTSB-Präsidenten Manfred Ewald. Darin schrieb er: »Zur Sicherheit der Bür­­ger und der Gewährleistung von Disziplin und Ordnung auf unseren Gewässern, aber auch im Interesse eines schnellen und fachgerechten Erlernens ist die fachliche Anleitung unbedingt anzustreben.«

In Ostberlin besuchten Mitglieder der Punker- und Alternativszene die lokale Surfschule; einige brachen aufgrund ihrer Begeisterung für den neuen Sport sogar ihre Ausbildung ab und düpierten Weise und Huster zufolge damit die staatssozialistischen Pädagogen.

Die liberale Idee des Windsurfens stand in krassem Widerspruch zum kollektivistischen Menschenbild und zum autoritären Staatsverständnis der DDR. Die Funktionseliten der SED hatten, so heißt es in einem internen Dokument des Bundesvorstands des DSTB aus dem Jahr 1979, »Angst vor einer ›ideologischen Beeinflussung großer Massen‹, die ›verstärkt im Interesse der kapitalistischen Gesellschaftsordnung‹ geführt wurden«. Die Angst der DDR-Sportfunktionäre galt einem Lebensgefühl, das die Band The Beach Boys in »Surfin‘ USA« als ansteckend beschrieben: »If everybody had an ocean  
Across the U.S.A  hen everybody’d be surfin’  ike Californi-a«. Prompt kam es vor den ersten DDR-Meisterschaften im Brettsegeln im Jahr 1978 zum Eklat. Weil ostdeutsche Wassersportler Hawaiihemden trugen, ­drohten die Sportfunktionäre mit Ausschluss aus dem Verband, sollten sie damit zur Siegerehrung erscheinen. Die Funktionäre konnten erst beruhigt werden, nachdem eine einheitliche Sportbekleidung organisiert wurde.

Die Betrachtung des Brettsegelsports in der DDR ist nicht nur aus kulturgeschichtlicher, sondern auch aus sicherheitspolitischer Perspektive interessant. Der Bau der Berliner Mauer, die Abwesenheit elementarer demokratischer Grundrechte, die Überwachung durch die Staatssicherheit und der Schießbefehl an den Grenzen zur Bundesrepublik stellten schlüssige Gründe dar, Fluchtver­suche zu unternehmen. Weil das Regime die sogenannte Republikflucht mittels Surfboards über die Ostsee verhindern wollte, wurde das Brettsegeln offiziell als Sicherheitsrisiko eingestuft. Den Wassersportlern war das Surfen auf der offenen Ostsee untersagt und in den abgeschlossenen Revieren und Buchten fand es unter Aufsicht der Staatssicherheit statt. Dennoch gelang einzelnen Staatsbürgern die Flucht über die Ostsee. Das mit Blick auf das Grenzregime der DDR widerständige Potential des Brettsegelns kann anhand der spektakulären Flucht Karsten Klünders und Dirk Deckerts exemplifiziert werden: Am frühen Morgen des 25. November 1986 überquerten die beiden zwischen Rügen und der dänischen Insel Møn den unsichtbaren, aber durch NVA-Soldaten stark bewachten »Todesstreifen« mit selbstkonstruierten Windsurfbrettern aus Bauisolierplatten. Die lebensgefährliche Überfahrt der 70 Kilometer langen Strecke dauerte über vier Stunden. Im Vergleich zu anderen »Republikflüchtlingen« hatten sie Glück. In den Jahren 1961 bis 1989 starben 189 DDR-Bürger beim Fluchtversuch mit den verschiedenen Vehikeln über die Ostsee, mehrere Hundert wurden aufgegriffen und inhaftiert.