Erik Schinegger hatte in den sechziger Jahren »gender trouble« mit dem Österreichischen Skiverband

Die verdiente Medaille

Der Kärntner Erik Schinegger hat 1966 als Frau die Abfahrtsweltmeisterschaft gewonnen und sich nach 1968 als Mann eine neue Existenz aufgebaut.

»Sextest« hieß es damals, als Mediziner im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees Athletinnen und Athleten vor den Olympischen Winterspielen auf ihre biologisches Geschlecht hin untersuchten. Bei Erika Schinegger, einer österreichischen Skifahrerin, die zu der Zeit die erfolgreichste Abfahrerin der Welt war, wurde Ende der sechziger Jahre Pseudohermaphroditismus diagnostiziert. Heute würde man von Intersexualität sprechen. Schinegger hatte sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale, wobei die männlichen bis zu jener Unter­suchung unerkannt geblieben waren.

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Dem österreichischen Verband sei es im Prinzip nur darum gegangen, »die Goldmedaille zu erhalten«, sagte Erik Schinegger 2018 dem Journalisten David Pesendorfer in einem Interview für News.at. Schinegger, bei der Untersuchung erst 19 Jahre alt und als Tochter einer Kärntner Bauernfamilie aufge­wachsen, wurde gezwungen, eine Rücktrittserklärung zu unter­schreiben. Über die konkreten Ergebnisse der Untersuchung in­formierte der Verband sie dagegen nicht. Außerdem legte man der ­völlig verunsicherten und schockierten jungen Frau einen zweiwöchigen Urlaub in Nordafrika nahe, mit der Begründung: »Wenn jemand stirbt, redet man noch eine Woche von ihm, bei dir wären es halt dann 14 Tage, dann ist Gras über die Sache gewachsen.« Erika sollte Erika bleiben, Hormonbehandlung und Brustoperation wurden in Aussicht gestellt: »Sie sagten, danach wäre ich eine zertifizierte Frau.« Ein Sportfunktionär habe sogar Skiläufer unterschreiben lassen, dass sie mit Erika Sex gehabt hätten – was beweisen sollte, dass sie eine richtige Frau sei.

Erika Schinegger galt als die große Hoffnung des österreichischen Teams bei den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble. Doch dann stellte ein »Sextest« das Leben der Skifahrerin auf den Kopf.

Schinegger wurde 1948 im Dörflein Agsdorf in den Gurktaler Alpen ­geboren, einem Flecken mit kaum 500 Einwohnern. Schon als Kind ­traten erste Schwierigkeiten mit der geschlechtlichen Identität auf, die die Eltern aber autoritär lösten. Sie waren sich ebenso wie die Ärzte sicher, dass das Kind ein Mädchen sei, weswegen es auch so erzogen wurde, wie man Mädchen in den vierziger und fünfziger Jahren auf dem Land erzog. Dass Erika lieber mit dem Traktor fahren wollte, statt stricken zu lernen, taten ihre Eltern als Ausdruck einer kindlichen Trotzphase ab, die sich schon noch legen werde. Schon früh zeigte Erika eine große Liebe zum Skisport, und da sie sehr gut darin war, wurde der Österreichische Skiverband (ÖSV) auf sie aufmerksam und trainierte sie mit anderen jungen Talenten.

Als Erika in das Alter kam, in dem andere Mädchen anfingen, sich für Jungs zu interessieren, fiel ihr immer stärker auf, dass sie anders war als die anderen Frauen in ihrem Team. Sie fand Männer sexuell unattraktiv, wunderte sich über das Ausblieben der Regelblutung und dachte, sie wäre lesbisch. In jenen Jahren konnte sie sich niemandem anvertrauen, denn der österreichische Skisport war eine Hochburg des ohnehin gesellschaftlich weitverbreiteten Sexismus. Bis heute sind zum Beispiel die ­vielen sexualisierten Übergriffe von Trainern und Betreuern auf junge Sportlerinnen nicht vollständig aufgeklärt, bis heute gelten Betroffene, die von ihren Erlebnissen berichten, als Nestbeschmutzerinnen. In dieser miefig-reaktionären Macho-Welt hätte niemand verstanden, was in Erika vorging.

Trotz dieser persönlichen Probleme schaffte sie es im Skisport nach ganz oben: 1966 gewann Schinegger den Abfahrtslauf der Frauen bei der ­Alpinen Skiweltmeisterschaft im chilenischen Portillo. Sie galt als die große Hoffnung des österreichischen Teams bei den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble. Doch dann kam der »Sextest« und Erikas Leben wurde auf den Kopf ­gestellt.

Als sich Frage stellte, ob Schinegger eine geschlechtsangleichende Operation zur Frau oder zum Mann machen sollte, geriet sie glücklicherweise an Ärzte, die neben physiologischen auch psychologische Aspekte berücksichtigten. Erika entschied sich, zu Erik zu werden, doch damit war nur ein erster Schritt getan. Schinegger berichtete später, einer der Professoren habe ihn als Be­dingung für die OP vor 200 Studenten in einem Hörsaal nackt vorgeführt. Er sei sich vorgekommen wie eine Jahrmarktattraktion.

Der wirkliche Kampf war dann ­allerdings der mit einer Gesellschaft, die von katholischen und auch immer noch von nationalsozialistischen Vorstellungen von Geschlechtlichkeit durchdrungen war und mit Inter- und Transgeschlechtlichkeit im besten Fall nichts anzufangen wusste, meist aber mit offener Ablehnung bis hin zu Hass darauf regierte.

Seine Herkunftsgemeinde Sankt Urban hatte Schinegger 1966 zur ­Belohnung für den Weltmeistertitel per Urkunde ein 1 000 Quadrat­meter großes Grundstück versprochen, doch nach seiner Operation erhielt er dieses nie. Versuche, im Skisport als Mann Fuß zu fassen, scheiterten an Mobbing und Bossing. Das war besonders schwer zu ertragen, denn der Skisport war für ihn in seiner Jugendzeit das Allerwichtigste gewesen. Freunde und Bekannte wandten sich ab. Schinegger sagte später, in jenen Jahren habe er öfter an Suizid gedacht. Nur seine engste Familie unterstützte ihn damals und hielt trotz aller Anfeindungen zu ihm.

Aber Schinegger war nicht nur auf den Skirennstrecken ein Kämpfer. Nachdem er eine Zeitlang überlegt hatte, in ein anderes Land auszuwandern und dort als Skilehrer zu arbeiten, entschied er sich schließlich doch dafür, demonstrativ dazubleiben. Er investierte das Geld, das er als Skirennläuferin verdient hatte, in eine Diskothek, einen Gasthof, ­einen Badestrand sowie eine Skischule, die sich auf den Unterricht von Kindern spezialisierte.

In den siebziger und achtziger Jahren, als die Gurktaler Alpen schneereiche Winter und laue Sommer hatten, wurde Schinegger reich. Und wenn einer Geld hat, hat er bald wieder Freunde, auch wenn er einmal eine Frau gewesen ist. In jenen Jahren kostete Schinegger seinen wirtschaftlichen Erfolg und sein Dasein als Mann in einer sexistischen ­Gesellschaft voll aus. Er fuhr teure Sportwagen und erarbeite sich ­einen Ruf als Frauenheld.

Später wurde Schinegger ruhiger und heiratete, wurde Vater einer Tochter und ist heute zweifacher Großvater. In Interviews aus jüngerer Zeit sprach er durchaus reflektiert über sein Leben, über seine Zeit als Erika und über seinen zweiten ­Lebensabschnitt als Erik. Gefragt, ob er es bereue, als Mädchen aufgewachsen zu sein, verneinte er. Dies habe ihn im Gegenteil vieles gelehrt und ihm ermöglicht, seiner Tochter ein guter Vater zu sein. Wenn er, wie vom Verband bevorzugt, mittels ärztlichen Eingriffen als Frau weitergelebt hätte, hätte das »in einer Katastrophe geendet«, ist er heute sicher.

Viel Wert legte der Kärntner stets auf Sportsgeist und Fairness, wes­wegen er auch die Goldmedaille, die er 1966 gewonnen hatte, an die damals zweitplatzierte Marielle Goitschel überreichte, obwohl ihm dieser Sieg nie offiziell aberkannt worden war. Wie er sich im Interview ­erinnert, gab Goitschel sie ihm allerdings zurück mit den Worten: »Dir hat die Medaille so viel gegeben und du hast so viel geleistet, behalte sie dir.«