Der Milliardär Richard Branson ist an den Rand des Alls geflogen

Bonze im Weltall

Porträt Von

Jede Epoche hat das Wettrennen um den Weltraum, das sie verdient. Was der staatsinterventionistischen Nachkriegszeit der Kampf zwischen Sputnik und Apollo war, ist dem Finanzkapitalismus des 21. Jahrhunderts das Wetteifern Kind gebliebener Milliardäre. Mit Jeff Bezos, Elon Musk und Richard Branson rangeln derzeit gleich drei finanzstarke Charaktermasken um den ersten Platz als Bonze im All. Zwar ist es Musks Unternehmen SpaceXbereits mehrmals gelungen, Raketen ins All zu befördern, doch Richard Branson ist nun am Sonntag als erster der drei selbst geflogen – neun Tage vor dem Start einer Rakete von Bezos’ Unternehmen Blue Origin, die den Amazon-Gründer in große Höhen befördern soll.

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Der 1950 geborene Brite Branson ist Vorsitzender der Virgin Group. Was 1970 als Schallplattenversand begann, wurde mit Virgin Records zu einem großen Musiklabel, das Branson allerdings 1992 an EMI verkaufte. Inzwischen ist die Virgin Group ein Mischkonzern, der in den unterschiedlichsten Branchen – Luftfahrt, Musikindustrie, Eisenbahn, Glücksspiel, um nur einige zu nennen – aktiv ist, meist unter dem Namen Virgin firmiert und einen Umsatz von 21 Milliarden Euro erwirtschaftet. Passend zum Namen, aber wahrscheinlich nicht nur aus diesem Grund liegt der Sitz des Unternehmens auf den steuergünstigen Britischen Jungferninseln, wo Richard Branson außerdem eine Insel besitzt, die ihm als Wohnsitz dient.

2004 gründete Branson Virgin Galactic, um Weltraumflüge touristisch zu vermarkten. Branson dürfte als Jugendlicher die Mondlandung verfolgt haben, nun trägt er durch die Kommodifizierung der Raumfahrt zur weiteren Entzauberung und zunehmend auch zur Banalisierung des Weltraums bei. Allerdings: So wirklich im Weltraum war Branson gar nicht. Im Grund hat er nur am Rand der Atmosphäre gekratzt und auch Bezos wird nicht weiter kommen. Wo das All beginnt, ist umstritten. Der Fédération Aéronautique Internationale zufolge liegt die Grenze bei 100 Kilometern Höhe, die Nasa zählt bereits jeden, der sich 80 Kilometer von der Meeresoberfläche entfernt, als Astronauten. So darf sich nun auch Branson nennen. Er landete nach 59 Minuten sicher wieder auf der Erde. Für Jeff Bezos’ Flug besteht immerhin noch die Hoffnung für die terrestrischen Proleten, dass es dem Milliardär wie einst David Bowies Major Tom ergehen könnte