Wie linke Kollektiv­kneipen durch die Coronakrise kommen

Ehrenamtlich durch die Krise

Viele linke Kollektivkneipen haben die Coronakrise bislang überstanden, weil der Staat Hilfszahlungen gewährt, Gäste Geld spenden und Kollektivmitglieder unentgeltlich arbeiten.

Die Gastronomie hat geöffnet, vor vielen Bars und Cafés sitzen die Menschen seit einigen Wochen wieder dicht gedrängt im Freien. Fast könnte man meinen, die Covid-19-Pandemie sei vorbei oder es sei zumindest für eine gewisse Zeit alles wieder so wie sonst.

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Dass manche Probleme vielleicht auch nach der Pandemie nicht verschwinden werden, weiß Matti sehr gut. Er ist Mitglied des Kollektivs, das in Münster das »Leo 16« betreibt, eine linke Kneipe, die politische und kulturel­le Veranstaltungen organisiert. Im Gespräch mit der Jungle World erzählt er, dass die Kneipe vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen sei. Allerdings liege das vor allem daran, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bisher nur ehrenamtlich dort arbeiten. »Dass wir in dieser Zeit keine Personalkosten, sondern nur die Miete stemmen mussten, hat uns auf jeden Fall gerettet.«

»Dass wir während des Lockdowns keine Personalkosten stemmen mussten, hat uns gerettet.« Matti von der Münsteraner Kollektiv­­­kneipe »Leo 16«

Dennoch sei es immer Ziel des Kollektivs gewesen, auch diejenigen, die in der Kneipe arbeiten, gut zu bezahlen. »In dieser Frage hat uns die Pandemie ein ganzes Stück zurückgeworfen.« Weil die Situation immer noch unsicher sei und beispielsweise nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Gas­tronomie im Herbst erneut schließen muss, sei dieses Thema erst mal in weite Ferne gerückt.

Auch im »Café Cralle«, einer Kneipe im Berliner Stadtteil Wedding, die von einem Frauenkollektiv betrieben wird, arbeiten seit Beginn der Pandemie viele ehrenamtlich. »Durch die Überbrückungshilfen haben wir es ganz gut geschafft, die Kosten zu decken«, sagt Kollektivmitglied Sophia im Gespräch mit der Jungle World. Eine gewisse Unsicherheit bleibe, da immer noch offen sei, ob die Hilfen irgendwann wieder zurückgezahlt werden müssen.

Auch das »Leo 16« hat staatliche Soforthilfen erhalten. Das Geld habe allerdings kaum ausgereicht, um die anfallenden Ausgaben zu decken. »Wäre der Lockdown noch ein paar Wochen oder Monate weitergelaufen, wäre es eng für uns geworden«, sagt Matti. Viele Kneipenkollektive haben in den vergangenen Monaten zu Spenden aufgerufen, um nach Ende des Lockdowns wieder öffnen zu können. Obwohl Kneipen und Cafés Außen- und Innenbereiche in den meisten Bundesländern seit Anfang vorigen Monats wieder öffnen dürfen, haben viele Lokalitäten nach wie vor geschlossen. Das »Café Südstern«, das zum »Linken Zentrum Lilo Herrmann« in Stuttgart gehört, teilte auf seiner Website kürzlich mit, dass der Be­trieb pandemiebedingt nach wie vor eingestellt bleibt.

Andere Kneipen und Cafés konnten zwar wieder öffnen, mussten sich allerdings umorientieren. Vor allem Veranstaltungen, die in vielen linken Bars ebenso zum Betrieb gehören wie der Getränkeverkauf, konnten lange Zeit kaum stattfinden und sind jetzt nur eingeschränkt möglich. Mit diesem Problem sieht sich zum Beispiel das »Silverfuture« konfrontiert, eine Bar in Berlin-Neukölln, die sich vor allem an ein queeres Publikum richtet. Die Einhaltung der Hygieneregeln habe vieles, was den Besuch der Bar früher ausgemacht habe, verändert, sagt Sabine, eine der zwei Inhaberinnen des »Silverfuture«, im Gespräch mit der Jungle World: »Zu uns kommen viele Frauen, Transpersonen und Queers, die alleine unterwegs sind. Normalerweise setzt man sich an den Tresen und fragt nicht an irgendeinem Tisch, ob man sich dazusetzen kann.« Am Tresen könne aufgrund der Abstandsregeln aber derzeit niemand Platz ­nehmen. Dadurch sei vor allem für marginalisierte Personen ein wichtiger Ort weggefallen. »Das sind einfach Plätze, die jetzt fehlen. Leute kennenlernen, sich irgendwo alleine hintrauen – das ist alles viel schwieriger geworden.«

Sabine betont, dass viele unterstützende Maßnahmen nicht so erfolgten wie versprochen. Im Oktober vergangenen Jahres hatte das Bezirksamt Berlin-Neukölln weitere Unterstützung für die lokale Gastronomie beschlossen und angekündigt, keine Sondernutzungsgebühr für Tische und Stühle im Außenbereich zu erheben. Im April verlängerte es die Regelung bis zum Jahresende 2021. »Das funktioniert gerade überhaupt nicht bei uns. Wir kämpfen jetzt seit mehreren Monaten um so eine erweiterte Genehmigung, aber da passiert nicht so richtig was«, sagt Sabine. Oft klinge es zwar erst einmal so, als würden Verordnungen gelockert oder vereinfacht, aber man müsse sehr genau hinsehen, ob es dann tatsächlich dazu komme.

Noch ist nicht absehbar, wie viele Lokalitäten nach der Pandemie nicht mehr öffnen werden. Andere Betriebe mussten sich so stark umstellen, dass ein Teil des Publikums möglicherweise nicht mehr wiederkommen wird. Sophia vom Weddinger »Café Cralle« erzählt, dass sie eine Gruppe, die seit zehn Jahren in die Bar komme, um Doppelkopf zu spielen, nun schon ewig nicht mehr gesehen habe. Auch der sogenannte Lesetresen am Montag, der ein ganz eigenes Publikum angezogen habe, habe nun seit Monaten nicht mehr stattfinden können. »Die Leute schaffen sich dann ja auch alternative Strukturen. Uns gibt es seit 1977, das ist alles sehr familiär. Wenn mal jemand krank war und ein paar Tage nicht vorbeikam, hat man das mitgekriegt. Man merkt schon, wie sehr die Pandemie diese Sozialstrukturen angegriffen hat.«

Sabine vom »Silverfuture« sagt, es sei auch ein Problem, dass die politisch Verantwortlichen all das, was nicht unter den Mainstream falle, nicht richtig berücksichtigten: »Die Situation war für alle neu und wir müssen alle gemeinsam lernen, damit umzugehen. Aber für alle, die irgendwie marginalisiert sind, ist es ein Stück weit schwieriger geworden.«