Die Psychoanalyseprofessur in Frankfurt könnte bald Geschichte sein

Verdrängte Psychoanalyse

»Verfahrensoffen« soll die psychoanalytische Professur im Fachbereich Psychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main künftig ausgeschrieben werden. Das würde wohl das Ende für einen der beiden letzten Lehrstühle für Psycho­analyse in Deutschland bedeuten.

Als Sigmund Freud im März 1919 eine Stellungnahme verfasste, die später unter dem Titel »Soll die Psychoanalyse an Universitäten gelehrt werden?« bekannt werden sollte, intervenierte er unmittelbar in einen hochschulpolitischen Kampf. In Budapest hatte eine Gruppe von Medizinstudenten eine Initiative gegründet, die neben einer allgemeinen Reformierung des Studiums hin zu größerer Praxisnähe eine Etablierung der Psychoanalyse in den medizinischen Lehrplänen forderte. Eine entsprechende Petition mit über 1 000 Unterschriften wurde kurz vor der Ver­öffentlichung von Freuds Memorandum in einer ungarischen Fachzeitschrift dem Erziehungsministerium vorgelegt. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Das Anliegen der Studenten wurde zurückgewiesen, doch kurze Zeit später wurde die ungarische Räterepublik ausgerufen, deren Regierung kurzerhand den Freud-Gefährten Sándor Ferenczi zum Professor für Psychoanalyse berief. ­Ferenczis Professur dauerte allerdings, ebenso wie die sozialistische Regierung, die sie ermöglicht hatte, nur wenige Monate.

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Seit ihrer Entstehung unterhielt die Psychoanalyse ein ambivalentes Verhältnis zum akademischen Lehr- und Forschungsbetrieb. Sie wurde häufig ausgeschlossen, reagierte da­rauf dann mit halb selbstbewusster, halb gekränkter Abkapselung, nicht ohne schließlich doch immer wieder den Eintritt in die akademische Welt anzustreben. Diesem schwierigen Verhältnis lag neben wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Streitigkeiten auch der Antisemitismus zugrunde, vor dem die überwiegend jüdischen Vertreter der Psychoanalyse auch in der akademischen Welt nicht gefeit waren. »Vor allem traf mich die Zumutung, daß ich mich als minderwertig und nicht volks­zugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war«, heißt es bei Freud rückblickend über seine Erfahrungen an der Universität. Dass seine Ernennung zum außerordentlichen Professor im Jahr 1902 erst fünf Jahre nach dem formellen Vorschlag seiner Person erfolgte, war unter anderem dem antisemitischen Klima ­einer Zeit geschuldet, in der der offensive Antisemit Karl Lueger als Bürgermeister Wiens überaus populär war.

Das Aus des Frankfurter Psychoanalyselehrstuhls wäre nicht nur ein herber Rückschlag für die psychoanalytische Forschung – es wäre auch symbolträchtig.

Aus Freuds Stellungnahme spricht deshalb auch einiges an Trotz. Die Psychoanalyse habe sich mit der – bis heute bestehenden – Organisationsform der außerakademischen Berufsvereinigungen eine unabhängige und solide Basis geschaffen: »Es ist gerade der Ausschluß von der Universität, der diese Organisation geschaffen hat. Sollte der Ausschluß andauern, so wird sich diese Organisation ohne Zweifel auch weiterhin als brauchbar bewähren.« Umgekehrt könne aber die Universität durch Aufnahme der Psychoanalyse in die Curricula »nur gewinnen«. Die Geisteswissenschaften würden eine »Befruchtung durch analytische ­Gedanken« erfahren und für werdende Kliniker, so Freud durchaus überheblich, würde eine psychoanalytische Vorlesung »den Nachweis führen, daß die Psychotherapie ihren krönenden Abschluß in der Psychoanalyse findet«.

Etwas mehr als 100 Jahre nach dem Protest der Budapester Medizinstudenten macht sich nun erneut eine studentische Initiative für die Ver­ankerung der Psychoanalyse in der universitären Lehre und Forschung stark. Anders als 1919 geht es aber nicht um die Einführung von etwas Neuem, sondern um den Erhalt ­einer traditionsreichen Institution: Der Lehrstuhl für Psychoanalyse an der Frankfurter Goethe-Universität wackelt, weil der Fachbereich Psychologie eine »verfahrensoffene« Ausschreibung der neu zu besetzenden Stelle plant. Da bei Anlegung der üblichen Entscheidungskriterien über die Vergabe der Professur, insbesondere impact factor und Drittmitteleinwerbung, verhaltenstherapeutisch arbeitende Bewerberinnen und Bewerber de facto im Vorteil sind – ihre kürzeren Therapien lassen sich leichter quantitativ beforschen und entsprechende Studien werden eher finanziert –, wäre eine erneute psychoanalytische Berufung höchst unwahrscheinlich.

Die seit einigen Jahren zielsicher und effektiv betriebene Vertreibung der Psychoanalyse aus der akademischen Psychologie würde damit einen nahezu finalen Punkt erreichen: Mit Frankfurt würde einer der beiden letzten psychoanalytisch besetzten Lehrstühle in der klinischen Psychologie fallen. Die Initiative zum Erhalt der psychoanalytischen Professur bemängelt zu Recht, dass sich damit die derzeitige »Schieflage in der Verteilung von Forschungsgeldern und Ressourcen« nochmals verschärfen würde: Keine Professuren heißt keine Forschungsgelder, heißt keine Möglichkeit, sich im wissenschaftlichen Wettbewerb zu behaupten, heißt endgültiger akademischer Sieg der Verhaltenstherapie im sogenannten psychotherapeutischen Schulenstreit, obwohl die Wirksamkeit der psychodynamischen Verfahren (psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) sehr gut belegt ist und diese Therapieformen deshalb auch von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden.

Das Aus des Frankfurter Psychoanalyselehrstuhls wäre nicht nur ein herber Rückschlag für die psychoanalytische Forschung – so würde das renommierte, auf psychoanalytische Forschung spezialisierte Sigmund-Freud-Institut einen wichtigen universitären Kooperationspartner verlieren –, es wäre auch symbolträchtig. Wie kaum ein anderer steht der Standort Frankfurt für die hohe kulturelle Bedeutung, die der Psychoanalyse in der Bundesrepublik einmal zugekommen ist. An Frankfurt lassen sich auch exemplarisch die kulturellen und politischen Bedingungen studieren, die zu Aufstieg und Fall der universitären Psychoanalyse führten.

Kritische Theorie und Frankfurter Psychoanalyse
Dass gerade Frankfurt zu einem Zentrum der bundesdeutschen Nachkriegspsychoanalyse wurde, ist nicht zuletzt Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu verdanken. Bekanntermaßen hatten sich die kritischen Theoretiker schon zu Beginn der dreißiger Jahre – angesichts der durch den aufkommenden Faschismus aufgeworfenen Frage, wie Menschen sich scharenweise für eine im Widerspruch zu ihren eigenen Interessen stehende Politik einspannen lassen konnten – Fragestellungen einer analytischen Sozialpsychologie zugewandt und dafür einen intensiven Austausch und eine zum Teil fruchtbare Zusammenarbeit mit den Psychoanalytikern der sich gerade erst formierenden Frankfurter Psychoanalyse gepflegt (darunter neben Erich Fromm etwa auch der 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordete Karl Landauer). Nach Frankfurt zurückgekehrt, setzten Horkheimer und ­Adorno sich dann für den Wiederaufbau der Profession ein, der sie als Theorie und Praxis gleichermaßen ein aufklärerisches und politisch ­regressiven Tendenzen widerstreitendes Potential zusprachen.

Der wissenschaftspolitische Coup gelang 1956 mit einem anlässlich des 100. Geburtstags Freuds organisierten Vorlesungszyklus, den Adorno und Horkheimer gemeinsam mit Alexander Mitscherlich von der Universität Heidelberg organisiert hatten. Zum feierlichen Eröffnungsvortrag des vor den Nazis in die USA geflohenen Analytikers Erik Erikson erschien die oberste Politikerriege vom Bahnchef bis zum Bundespräsidenten; der hessische Minister­präsident Georg-August Zinn (SPD) verkündete in seinem Grußwort, dass »die von Sigmund Freud begründete Tiefenpsychologie ein unverzichtbarer Teil der neuen Lehrerbildung sein muß«.

Wohl auch weil die Förderung der Psychoanalyse als symbolischer Akt der Wiedergutmachung galt, waren die politischen Bedingungen günstig, und tatsächlich sollte auf die Vorlesungsreihe der Wiederaufbau der Psychoanalyse in Frankfurt folgen. Bedeutende Etappen waren die von Mitscherlich angestoßene (und von Horkheimer tatkräftig unterstützte) Gründung eines staatlich geförderten Ausbildungszentrums für Psychoanalyse und Psychosomatik im Jahr 1959 (das heute ausschließlich der Forschung gewidmete Sigmund-Freud-Institut), die Berufung Mitscherlichs auf einen Lehrstuhl für »Psychologie, insbesondere Psychoanalyse und Sozialpsychologie« (1966) und die Ausweitung der Mitscherlich-Professur auf ein universitäres »In­stitut für Psychoanalyse« mit drei Professorenstellen, das zwischen 1972 und 1974 eingerichtet wurde.

Doch nicht nur in Frankfurt, sondern deutschlandweit durchlebte die Psychoanalyse eine Blütezeit, die sich auch auf gesundheitspolitische Felder erstreckte: 1967 wurden die psychodynamischen Behandlungsverfahren in die kassenärztliche Versorgung eingeführt, neun Jahre später die Indikation auch auf chro­nische neurotische Erkrankungen ausgedehnt, wodurch krankenkassenfinanzierte hochfrequente psychoanalytische Psychotherapien mit bis zu 300 Stunden möglich wurden – und es bis heute sind.

Als Katalysator dieser Entwicklung wirkte die studentische Protestbewegung, deren Anhänger nicht nur mit Marx und Freud den Verhältnissen auf den Grund gehen wollten, sondern auch einforderten, dies im Rahmen ihres Studiums tun zu können. Es ist kein Zufall, dass Freuds Stellungnahme von 1919 erstmals 1969 in deutscher Sprache im theoretischen Zentralorgan der Studentenbewegung Das Argument erschien. Speziell im von der SPD regierten Hessen war zudem die Politik der Entfaltung der Analyse gewogen – auch über die Amtszeit des psychoanalyseaffinen Ministerpräsidenten Zinn (1950–1969) hinaus.

So übernahm in der folgenden Legislaturperiode der bei Adorno habilitierte und der Psychoanalyse aufgeschlossene Soziologe Ludwig von Friedeburg das Amt des hessischen Kultusministers. In von Friedeburgs Amtszeit fiel nicht nur die Ausweitung der Mitscherlich-Professur zum eigenen Universitätsinstitut, sondern auch die Einrichtung eines stark psychoanalytisch geprägten sexualwissenschaftlichen Instituts (durch Volkmar Sigusch) sowie die Gründung der Universität (damals Gesamthochschule) Kassel, wo neben dem kritischen Theoretiker Ulrich Sonnemann auch zahlreiche Psychoanalytiker Lehrstühle besetzen konnten. In Kassel befindet sich heute der andere der deutschlandweit letzten beiden psychoanalytisch besetzten Lehrstühle in der klinischen Psychologie.

Alexander Mitscherlich und das Freud’sche Versprechen
Das Gesicht der zu neuer kultureller Geltung gekommenen Psychoanalyse war Alexander Mitscherlich: ein heute vergangener Typus des engagierten psychoanalytischen Intellektuellen, der sich zu fast allen Streitfragen des politischen Tagesgeschehens öffentlichkeitswirksam positionierte – von der Städteplanung über die von ihm attackierten Notstandsgesetze bis hin zu den Studentenprotesten, für die er häufig Partei ergriff. Durch seine Auftritte in Funk und Fernsehen und auch beispielsweise durch die Herausgabe der beliebten Freud-Studienausgabe trug Mitscherlich wesentlich zur Popularisierung der Psychoanalyse bei, deren Institutionalisierung er zugleich mit berufspolitischem Gespür vorantrieb.

An Mitscherlich zeigt sich auch, wie eng das Band zwischen dem Aufschwung der Psychoanalyse und dem Impuls zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen geknüpft war. Schon 1949 hatte Mitscherlich eine schonungslose Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses publiziert; die Feindseligkeiten, die er sich dafür in der von Altnazis durchsetzten Ärzteschaft eintrug, sollten seine akademische Karriere in der Medizin – wo er als Arzt und Pionier der Psychosomatik eigentlich beheimatet war – erheblich erschweren. Das gemeinsam mit seiner Frau Margarete Mitscherlich verfasste Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« (1967) sollte die westdeutschen Debatten zur Vergangenheitsaufarbeitung mit psychoanalytischen Thesen prägen. Ein Durcharbeiten der Vergangenheit, so die prominente These der Mitscherlichs, sei nur durch ein Betrauern der Idealisierung ­Hitlers und der narzisstisch-nazistischen Größenphantasien möglich.

Doch schon durch Mitscherlichs an die Ich-Psychologie angelehntes Subjektverständnis verweist seine Version der Psychoanalyse auf ihren postnationalsozialistischen Entstehungskontext. Mitscherlich erklärte bürgerlich-demokratische Werte wie Toleranz, Mündigkeit, Verantwortungsbewusstsein und autonomes Denken zu psychoanalytischen ­Reifeidealen und wollte auf diesem Weg ein Ich-starkes Subjekts fördern, das gegen den regressiven Sog zur lustvollen Verschmelzung mit der faschistischen Masse gewappnet ist. Kaum stärker könnte der Kontrast zu der in Frankreich von Jacques Lacan entwickelten Konzeption des Subjekts als eines durch Sprache (von der wir gesprochen werden) und Spiegel (in dem wir uns verkennen) doppelt dezentrierten sein, welche die Bedürfnisse der deutschen Nachkriegsgesellschaft keineswegs so wirksam hätte ansprechen können wie Mitscherlichs Ideal des Ich-starken Bürgers.

Mitscherlichs Bemühungen, die Psychoanalyse durch ihre Verbindung mit einem öffentlich-politischen Engagement wiederzubeleben, sind keine Selbstverständlichkeit und stehen durchaus im Gegensatz zu anderen Bestrebungen zum Wiederaufbau der Psychoanalyse, die – beispielsweise in Berlin – weiter oder wieder auf relativ abgeschlossene Ausbildungsinstitute und Berufsverbände setzten. Doch gerade indem Mitscherlich und in der Folge auch einige seiner Kollegen und Nachfolger die gesellschaftspolitischen Themen ihrer Zeit aufzugreifen verstanden, gelang es ihnen, die Psychoanalyse auch akademisch zu institutiona­lisieren.

Das »Freud’sche Versprechen«, das die Psychoanalyse für viele Studentinnen und Studenten verkörperte, hat allerdings rückblickend auch den Charakter einer Idealisierung. Das zeigt sich wiederum am Umgang mit der NS-Vergangenheit. Eine Auseinandersetzung mit den Verstrickungen der nichtemigrierten deutschen Psychoanalyse mit dem NS-Staat setzte erst relativ spät in den achtziger Jahren ein, und von ihr ist auch beim Aufarbeitungspionier Mitscherlich nicht viel zu lesen. Ein noch gravierenderes Beispiel bietet der Frankfurter Psychoanalytiker und Soziologieprofessor Alfred Lorenzer, der die freudomarxistischen Theoriebedürfnisse der Studentenschaft vielleicht noch besser als der zu linksliberaler Mäßigung neigende Mitscherlich aufzugreifen verstand. Dass Lorenzer 1941 in die NSDAP eingetreten war, wurde erst vor wenigen Jahren bekannt.

Die Frankfurter Professuren
Die Geschichte der Frankfurter ­psychoanalytischen Professuren in der Nachfolge Mitscherlichs liest sich rückblickend wie eine Chronologie der unterschiedlichen Bemühungen, die Psychoanalyse durch Erschließung neuer Aufgabenfelder, durch Aneignung aktueller Paradigmen oder Moden sowie durch An­näherung an empirische Forschungsansätze, als deren Gegenpol sie einstmals auftrat, in der akademischen Welt zu halten. Der 1974 als ­zusätzlicher Professor berufene Peter Kutter machte die Gruppentherapie, die er als das »überlegene Instrument« begriff, zum neuen Arbeitsfeld und etablierte neben Supervisionsgruppen auch (von Psychoanaly­tikern skeptisch beäugte) psychoanalytische Selbsterfahrungsgruppen an der Universität. Sein kurze Zeit später berufener Kollege Hans-Volker Werthmann unterrichtete die heute als diagnostisch untauglich geltenden projektiven Testverfahren wie den Rorschach-Test.

Hermann Argelander, der 1977 die Nachfolge Mitscherlichs antrat, versuchte gemeinsam mit Lorenzer, die Psychoanalyse in Abgrenzung zu einem naturwissenschaftlichen Selbstverständnis als eine hermeneutische Disziplin zu profilieren. Der von beiden geprägte Begriff des »szenischen Verstehens« zielte auf eine sprach- und erkenntnistheoretische Begründung des spezifischen Verstehensprozesses in der analytischen Situation; im szenischen Verstehen werde verdrängte (nach Lorenzer: desymbolisierte) Praxis, die sich als unbewusste Inszenierung in der Interaktion mit dem Analytiker aktualisiere, durch den Analytiker in reflektierter Teilhabe an der Szene begriffen und mittels Deutung wieder auf ein symbolisches Niveau gehoben. Daneben erschloss Argelander die psychoanalytische Beratung als ein Praxisfeld, auf dem schon im Rahmen des Studiums Erfahrungen gesammelt werden können, und ging mit seiner Analyse von transkribierten Beratungsgesprächen, für die er ein ausgefeiltes Kodierungssystem entwickelte, ­einen ersten Schritt in Richtung Psychotherapieforschung. Die schon seit den sechziger Jahren an der Universität Ulm gemachten Tonbandaufnahmen von Analysesitzungen galten in Frankfurt allerdings als skandalöser Eingriff in die psychoanalytische Praxis.

Mit der Professur Christa Rohde-Dachsers, die in ihrer Anfangszeit (seit 1987) – als Frau und als Analytikerin aus der falschen Fachgesellschaft – mit gehörigem Gegenwind zu kämpfen hatte, setzte ein stärkerer Bruch ein. Als feministisch von ihr gewendete konnte die Psychoanalyse an den allgemeinen Aufschwung der Geschlechterstudien andocken, vor allem indem sie ihre eigenen althergebrachten androzen­trischen Entwicklungstheorien einer gründlichen Kritik unterzog; die ­Arbeiten Rohde-Dachsers, die sich auch für eine Entpathologisierung der Homosexualität einsetzte, waren dafür wegweisend. Doch schon unter Rohde-Dachser begann das akademische Fundament der Frankfurter Psychoanalyse zu bröckeln. Die Stellen Kutters und Werthmanns wurden nicht neu besetzt, das einstige Institut wurde schließlich 2006 wieder zum »Arbeitsbereich« in der Psychologie reduziert und die Bedeutung der Psychoanalyse für das Psychologiestudium sukzessive beschränkt.

Der strukturelle Konkurrenzvorteil der Verhaltens­therapie besteht darin, dass sie durch ihren Schwerpunkt auf direkte Symptomreduktion einer instrumentellen Logik psychotherapeutischen Arbeitens folgt, die sich besser in die heute in medizinischen wie akademischen Institutionen herrschende Verwertungslogik einpassen kann.

Tilmann Habermas, der den Lehrstuhl seit 2004 (interimsmäßig hatte der Sexualforscher und Analytiker Reimut Reiche für zwei Jahre übernommen) innehat, unternahm dann den vorerst letzten Versuch, eine ökologische Nische in der akademischen Psychologie zu finden, namentlich durch Anbindung der Psychoanalyse an die Narrationsforschung. Ähnlich wie in den letzten großen Paradigmen im weiten Sinne psychoanalytischer Provenienz, die zumindest international einen Fuß in die Tür der universitären Psycho­logie setzen konnten (etwa die Bindungs- oder die Mentalisierungsforschung), schneidet Habermas mit seinen Untersuchungen autobiographischer Erzählungen einen Gegenstandsbereich heraus, der der Ope­rationalisierung und Messung besser zugänglich ist als der von der klassischen psychoanalytischen Theorie umrissene: Narrative und ihre Änderung im Verlauf des Lebens oder durch Psychotherapie lassen sich formal analysieren, typisieren, die emotionalen Reaktionen auf sie mit Fragebögen erheben.

Bei deutlich empiristischerer Ausrichtung ist in Habermas’ Forschung noch eine gewisse Verwandtschaft zu den Arbeiten einiger Vorgänger erkennbar: Seine Auffassung von Psychoanalyse als Reformulierung und Durcharbeitung gebrochener Narrative bleibt dem von Argelander und Lorenzer (und mit anderem Akzent auch von seinem Vater Jürgen Habermas) aufgestellten hermeneutischen Ideal einer psychoanalytischen Verständigung treu, und wenn Habermas unter Berufung auf den Ich-Psychologen Erikson einen positiven Begriff stabiler Identitätsbildung unter narratologischen Gesichtspunkten entwickelt, mag man vielleicht sogar noch das alte Mitscherlich’sche Ideal der Ich-Stärke durchschimmern sehen (derweil sich die lacanianische Psychoanalyse der »Identitätskritik« verschrieben hat – und gerade deswegen in Mode kommt). Doch bleibt bei Habermas nur noch wenig vom einstigen sozialpsychologischen und politischen Selbstverständnis der Psychoanalyse erhalten.

Verdrängung der Psychoanalyse
Die Verdrängung der Psychoanalyse aus der akademischen Psychologie hat viele Gründe, unter anderem, dass sich die ihrer kulturellen Autorität sicheren Psychoanalytiker lange Zeit schwertaten, den ihnen von verhaltenstherapeutischer Seite hingeworfenen empiristischen Fehdehandschuh aufzunehmen. Doch vor allem ist sie das Symptom eines gesellschaftlichen Rationalisierungsprozesses. Leidende Subjekte nicht nur durch Medikamente oder verschriebene Übungen wieder arbeitsfähig zu machen, sondern ihre Genesung durch ein notwendig langwieriges Gewahrwerden der individualgeschichtlichen Determinanten ihres Leidens herbeizuführen, wird in der durchökonomisierten Gesundheitsversorgung, und damit auch an den Universitäten, die das entsprechende Nachwuchspersonal heranbilden sollen, als kürzungswürdiger Luxus empfunden. Die jüngst von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unternommenen und aufgrund heftigen Gegenwinds (auch von verhaltenstherapeutischer Seite) wieder verworfenen Vorstöße zur Rationalisierung der psychotherapeutischen Versorgung – die »Rastertherapie«, also die Vergabe von festen Therapiestundenkontingenten nach Diagnose statt individueller Ausrichtung der Therapiedauer (in gewissen Grenzen) nach Therapieverlauf, sowie die 2018 von Spahn eingebrachten externen Voruntersuchungen zur Entscheidung über Therapiebedarfe – hätten denn auch insbesondere die psychoanalytische Praxis empfindlich getroffen.

Der strukturelle Konkurrenzvorteil der Verhaltenstherapie – deren unmittelbarer Nutzen für leidende Menschen außer Frage steht und die mittlerweile auch eine große Auswahl therapeutischer Zugänge vereint – besteht letztlich darin, dass sie durch ihren Schwerpunkt auf direkte Sym­ptomreduktion und ihr störungsspezifisches und manualisiertes Vor­gehen einer instrumentellen Logik psychotherapeutischen Arbeitens folgt, die sich besser in die heute in medizinischen wie akademischen Institutionen herrschende Verwertungslogik einpassen kann. Um­gekehrt haben sich seit der Bologna-Reform aber auch die Universitäten durch die Manualisierung der Lehrpläne und die Entpersönlichung der Lehrverhältnisse dem verhaltenstherapeutischen Setting angenähert. Die Erledigungsmentalität, der man heute gerade unter klausurgeknechteten Psychologiestudenten begegnet, scheint jedenfalls strukturell unverträglich mit dem notwendig ­unpraktischen Denk- und Erfahrungsraum, den ein psychoanalytisches Studium, das mehr sein will als nur die Vermittlung abfragbaren Wissens über die Psychoanalyse, notwendig eröffnen müsste.

Die langfristigen Folgen der Verdrängung der Psychoanalyse aus der akademischen Psychologie dürften schwer wiegen, zumal die Universitäten durch die jüngst beschlossene Etablierung eines Direktstudiums der Psychotherapie auch als Ausbildungsstätten an Bedeutung gewinnen werden. Zu befürchten ist ein Auszubildendenschwund für die psychodynamischen Verfahren. An staatlichen Universitäten wird in Zukunft zwar auf dem Papier »Psychotherapie« studiert, aber aufgrund der professoralen Verfahrensmonokultur de facto Verhaltenstherapie gelehrt werden. Schon heute belegen Studien, dass Psychologieabsolventen sich nicht genügend über die psychodynamischen Verfahren informiert fühlen. Dass sich trotz der ­aktiven Entmutigung durch das Studium und der zum Teil verzerrten ­Bilder, die an Universitäten von der Psychoanalyse vermittelt werden, immer noch circa ein Viertel der werdenden psychologischen Psychotherapeuten für eine Ausbildung in psychodynamischen Verfahren entscheidet, ist unter diesen Umständen beachtlich. Wenn viele Universitäten, wie zu erwarten ist, zukünftig neben dem Psychotherapiestudium auch noch direkt die verhaltenstherapeutische Weiterbildung anbieten, wird diese Zahl aber weiter sinken.

Zwar findet die Psychoanalyse insbesondere in unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Bereichen wie den Sozial-, Kultur-, Geschlechter- oder Erziehungswissenschaften immer wieder Schlupflöcher. Doch wer nicht tief in die Tasche greifen möchte oder kann, um ein psychoanalytisch geprägtes Studium an einer Privatuniversität zu absolvieren, wird zukünftig in der akademischen Psychologie/Psychotherapie in Deutschland keinen Ort mehr finden, um sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Das Mitscherlich’sche Junktim von psychoanalytischer Praxis, universitärer Wissenschaft und politischem Engagement fällt damit endgültig auseinander. Ein Jahrhundert nach dem Protest der Budapester Medizinstudenten und ein halbes Jahrhundert nach dem Aufblühen der Psychoanalyse in der Bonner Repu­blik befindet sich die Psychoanalyse in ihrem Verhältnis zur Universität also wieder in einer vergleichbaren Situation wie zu Zeiten Freuds. Darauf gibt es – aus Perspektive der Psychoanalyse – zwei mögliche Antworten.

Die trotzige Antwort lautet ganz im Sinne von Freuds Memorandum, dass die Psychoanalyse die Universität nicht nötig habe. Gerade bei den nicht wenigen Analytikerinnen und Analytikern, die die empirische Forschung aus Nachbardisziplinen – die wie die Säuglingsforschung tatsächlich einige psychoanalytische Theoreme gründlich in Frage stellen kann – als eine Bedrohung wahrnehmen, ist dies eine zumindest implizit gern gewählte Option. Die derart affirmierte Außenseiterposition mag eine Quelle von eigenständiger Kreativität sein und eine schonungslose Kritik der bestehenden Verhältnisse ermöglichen, doch die Nachteile der wissenschaftlichen Isolation sind gravierend: Neben der mangelnden »Befruchtung« der Analyse durch nicht-analytische Gedanken (um das Bild Freuds einmal umzudrehen) droht ein allgemeiner Bedeutungsverlust der Psychoanalyse.

Die andere Antwort ist die kämpferische. Als Reaktion auf den Ausschluss der Psychoanalyse von den Universitäten haben sich inzwischen verschiedene Vereine wie die »Interessengemeinschaft der Psychoanalyse an Universitäten« gegründet, die sich für den Erhalt und die neue Entfaltung der universitären Psychoanalyse einsetzen und in unterschiedlichen Graden auch an das gesellschaftskritische Potential der Psychoanalyse erinnern. Die »Studentische Initiative zur Forderung für den Erhalt des psychoanalytischen Lehrstuhls an der Goethe-Universität« konnte über 8 000 Unterschriften sammeln und befindet sich ­derzeit in Gesprächen mit der Universitätsleitung.