Der Sektenführer Ivo Sasek und sein Propagandaapparat

Organischer Wahn

Der schweizerische Sektenführer Ivo Sasek betreibt ein Medienimperium für »Querdenker«, Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker.

Zum Einstieg der 17. Konferenz der »Anti-Zensur-Koalition« (AZK) gab es erst  mal eine Musikeinlage. Auf der Website der AZK kann man sich Videos der Veranstaltung anschauen, sie zeigen den Auftritt eines Chors mit kleinem Orchester, die eine schwülstige »Friedenshymne« zum Besten geben. Anschließend tritt der Star des Abends auf, Ivo Sasek, ein Mann Mitte 60, der vor 13 Jahren die »Anti-Zensur-Koalition« gegründet hat. Die AZK veranstaltet regelmäßig Konferenzen, die siebzehnte war im November 2019 und damit die letzte, die vor Beginn der Pandemie stattfand. In den Videos sieht man, wie Sasek breit lächelnd in schwarzem Anzug und Fliege das Publikum begrüßt. Nach eigenen Angaben sind es 3 000 Personen, den Videos nach zu urteilen sind es wohl gut halb so viele. Die Medien verbreiteten Lügen und betrieben »Volkszerstörung«, sagt Sasek in seiner Rede, sie handelten im Auftrag »der Kriegstreiber« und der Pharmaindustrie. Impfen sei »Völkermord«.

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Sasek umreißt damit schon das Programm der Konferenz. Es besteht aus einer Reihe von Vorträgen, in denen allerlei Verschwörungstheorien vertreten werden, von der Gefahr durch 5G-Strahlung bis zum Übel des Zinssystems. Prominentester Gast ist wohl die ehemalige »Tagesschau«-Sprecherin Eva Herman, die mit ihrem Lebensgefährten, dem selbsternannten »Finanzexperten« Andreas Popp, eine mit Scherzen garnierte Rede über die »Eliten« hält, die in Europa die Demokratie zerstört und die freie Meinungsäußerung unterbunden hätten.

In Wirklichkeit seien die Twin Towers durch Atombomben gesprengt worden, die der US-amerikanische Staat dort vor Jahrzehnten ver­­gra­ben habe, sagt ein angeblicher Diplom­physiker auf der Konferenz.

Ein Redner, den Sasek als Diplomphysiker ankündigt, erklärt die »physika­lische Unmöglichkeit« der offiziellen Version des 11. September. »Das Verbrechen ist 1 000 Mal größer als angenommen«, sagt er. In Wirklichkeit seien die Türme durch Atombomben gesprengt worden, die der US-amerikanische Staat dort vor Jahrzehnten vergraben habe. Die wahren Täter seien »die Psychopathen der Macht«, sie seien ein »Tumor«, denn ihre Verbrechen seien »in einem gesunden Volkskörper nicht möglich«.

Sasek macht den Conferencier und stellt die Redner vor. Zwischendurch gibt es Musik- und Showeinlagen, schwülstige Streicher, Hippiegesänge mit Panflöten und Soul-Lieder mit ­obligatem Saxophonsolo.

Eine übliche Veranstaltung von Verschwörungstheoretikern, mag man denken, wenn auch aufwendig inszeniert. Doch bis auf die geladenen Redner sind die meisten Menschen im Publikum und auf der Bühne Sektenmitglieder, Anhänger der fundamentalistischen Organischen Christus-Generation (OCG). Das Zentrum der Sekte befindet sich in Walzenhausen im Westen der Schweiz. Ihre Anhänger glauben an das baldige Ende der Welt; alle Menschen seien in der Sünde gefangen, retten könne man sich nur, indem man sich der OCG anschließt und sich bedingungslos ihrem Propheten unterwirft. Denn dieser sei ein Gesandter Gottes, ein Nachfahre Jesu. Sein Name: Ivo Sasek, der Dauerlächler mit der schwarzen Fliege.

Hugo Stamm beschäftigt sich als Journalist seit Jahrzehnten mit Sekten, auch mit der OCG hat er sich lange auseinandergesetzt – in seiner Einführungsrede bei der 17. AZK-Konferenz bezeichnete Ivo Sasek ihn als seinen »Erbfeind«. Gespräche mit Aussteigern boten Stamm einen Einblick ins Innere der Organisation. Die OCG sei aus dem Milieu der christlichen Freikirchen hervorgegangen, funktioniere aber wie eine klassische Sekte, sagt er der Jungle World. Sie sei straff hierarchisch organisiert und komplett auf die Autorität des Propheten ausgerichtet. Sasek sehe sich als Gesandter Gottes, sein Wort sei letztlich Gottes Wort.

Nur wer sich in die »organische« Gemeinde unter Saseks Führung einfügt und seinen eigenständigen Willen aufgibt, kann gerettet werden, wenn Gott bald über die Menschheit richten wird. In internen Schulungsvideos der OCG, die das Hacker-Kollektiv Anonymous im vorigen Jahr veröffentlichte, sieht man, wie Sasek zu Hunderten seiner Anhänger spricht. »Krieger braucht es da draußen, weil ein Kampf tobt. Wir haben vom Allfrontenkrieg geredet. Es braucht Haudegen da draußen, Menschen, die draufhauen«, sagt Sasek in einem Video.

Show-Gala: Ivo Sasek (2. v. r.) in schwarzer Fliege bei der AZK-Konferenz 2019

Show-Gala: Ivo Sasek (2. v. r.) in schwarzer Fliege bei der AZK-Konferenz 2019

Bild:
Screenshot

Doch auf der AZK-Konferenz bekommt man von dieser christlich-fundamentalistischen Endzeitlehre kaum etwas mit. Ein ehemaliges Mitglied des Schweizer Recherchekollektivs Element Investigate hatte sich 2018 und 2019 zweimal bei AZK-Konferenzen eingeschleust und mit versteckter Kamera Fotos gemacht. Der Jungle World beschreibt der Rechercheur die gelöste, freudige Atmosphäre, die bei den Konferenzen herrschte. Von weit her reisen die zahlreichen Sektenmitglieder an.

Am Rand der Halle seien ausgewählte Broschüren ausgelegt gewesen, die wohl einen Einblick darin geben, wo die OCG potentielle Verbündete sieht. Es gab dort Flyer der Organisation »Ein Prozent«, die der AfD nahesteht, sowie von der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit. Auch Material deutscher Reichsbürger-Gruppen fand sich, und von der rechtsextremen »Gedächtnisstätte Guthmannshausen«.
Als die AfD 2019 die »Erste Konferenz der freien Medien« im Deutschen Bundestag veranstaltete, waren auch die AZK und Ivo Saseks Medienportal Kla.tv eingeladen. Immer wieder hatten Rechts­extreme bei AZK-Konferenzen gesprochen, von entsprechenden Po­litikern der rechtspopulistischen Schweizer Partei SVP bis hin zu der Ho­locaust-Leugnerin Sylvia Stolz. Sie hatte bei der AZK-Konferenz 2012 in Chur behauptet, die Judenvernichtung der Nazis habe nicht stattgefunden, und erhielt dafür in Deutschland eine Gefängnisstrafe.

Hugo Stamm hält Sasek für einen eigentlich unpolitischen Menschen. Als wer seine Laufbahn als Prophet begann, habe er sich als Heilsbringer verstanden, dem mit Gottes Hilfe die Menschen in Scharen zulaufen würden. Dass dieser Erfolg ausblieb, sei für Sasek eine narzisstische Kränkung gewesen, so Stamms Vermutung. Er habe dann einen Feind gesucht, dem er die Schuld dafür geben konnte, und fand ihn in den Medien und Politikern. Hinter ihnen vermutete er eine geheime Macht, den Satan gar, der gegen ihn arbeite. So sei die »unheilvolle Mischung aus Fundamentalismus, Rechts­populismus und Verschwörungstheorien« entstanden, die heutzutage Saseks Wirken und seine Sekte prägt. »Inzwischen macht mir der politische Arm mehr Sorgen als der religiöse«, meint Stamm.

Als Forum für Verschwörungstheorien wirkt Saseks Organisation weit über den Kreis der Sektenmitglieder hinaus – und dabei tritt die religiöse Botschaft fast komplett in den Hintergrund. Sasek gebietet über einen Verlag, eine Filmproduktionsfirma und verschiedene Websites. Das Herzstück dieses Propagandaapparats ist Kla.tv. Die Website wirkt auf den ersten Blick wie eine Nachrichtenseite. Etliche Videos propagieren die abwegigsten Verschwörungstheorien, die Themen reichen von Antiimpfpropaganda über die Leugnung der Giftgasangriffe Bashar al-Assads bis hin zu geschichtsrevisionistischen Thesen über den Zweiten Weltkrieg. In Wirklichkeit hätten »die Juden« schon 1933 Deutschland den Krieg erklärt, erfährt man in einem Video. Sogar eigene Spielfilme produziert Saseks Organisation. Dafür bedürfe es »Millionenumsätze, anders geht das gar nicht«, meint Hugo Stamm. Die Sektenmitglieder seien meistens berufstätig und würden einen Teil ihres Einkommens als »Zehnten« an die Organisation abgeben. Zudem seien sie in die Aktivitäten der Sekte eingespannt. Aktive Mitglieder hätten fast kein Privatleben mehr, für sie gebe es nur noch Broterwerb und Sektendienst.

Inzwischen müsste die »Quer­denker«-Bewegung eigentlich Ivo Saseks Organisation Auftrieb gegeben haben. Doch bei den einschlägigen Protesten in der Schweiz ist die OCG bisher nicht offen in Erscheinung getreten. Vielleicht habe er sich nicht an der Protestbewegung beteiligt, weil er eigentlich kein politisch denkender Mensch sei, mutmaßt Stamm. Auch wollen die in der Schweiz oft bemüht moderat auftretenden Gruppen, die die Coronapro­teste anführen, vermutlich nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden. Trotzdem dürfe man Saseks politischen Einfluss nicht unterschätzen, sagt Hugo Stamm. Weil er ihnen ein Forum biete, sei seine Sekte zur »Drehscheibe der Querdenker, der Coronaleugner, der Rechtsradikalen und der Verschwörungstheoretiker« geworden.