»Feminism for Women«, das neue Buch von Julie Bindel

Immer Trouble mit Gender

Julie Bindel ist eine der profiliertesten und gleichzeitig am meisten angegriffenen britischen Feministinnen. In ihrem neuen Buch »Feminism for Women« versucht sie sich an einer Definition von Feminismus, der sich an der Lebensrealität von Frauen orientiert und nicht an abstrakten Theorien über Gender.

Julie Bindel vertritt so ziemlich alles, womit man sich bei den Vertretern des Queer-Feminismus und des Intersektionalismus unbeliebt macht: Sie ist Kritikerin des Kopftuchs, spricht sich gegen Prostitution aus und hat in den vergangenen Jahren eine scharfe Position gegen den liberalen Feminismus sowie gegen den Transaktivismus formuliert. Falls ­einen das an Alice Schwarzer erinnern sollte, sei hinzugefügt, ohne dabei Schwarzers Verdienste in Abrede zu stellen, dass die Journalistin Bindel eben keine bürgerliche Deutsche, sondern eine britische Linke ist. Und so klingt sie in öffentlichen Auftritten oder ihren Kolumnen auch: schwarzhumorig, polemisch und rotzig.

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Ihrem Ruf gerecht wird sie auch in ihrem jüngsten Buch, dem bisher nur auf Englisch erschienenen »Feminism for Women – The Real Route to Liberation«. Der Titel ist vollmundig, nicht mehr oder weniger aber will Bindel behandeln; denn das, was derzeit als Feminismus durchgeht, ist ihrer Meinung nach keiner. Ihr geht es vor allem um die Definition, oder besser, eine neue Etablierung der alten Definition von Feminismus. Eine solche strenge Definition scheint tatsächlich besonders wichtig in einer Zeit, in der man von überall her zu hören bekommt, es gebe eigentlich so viele »Feminismen«, wie es Menschen gibt. Doch ohne kohärente Definition, so Bindel, ergibt auch die politische Arbeit keinen Sinn. Feminismus versteht sie als die »Befreiung der Frauen vom Patriarchat«, as simple as that.

Ohne kohärente Definition des Feminismus, so Bindel, ergibt auch die politische Arbeit keinen Sinn.

Einfach ist es dann aber doch nicht, denn darüber, was Frauen sind, tobt seit Jahren ein linker Kulturkampf. Nicht nur die Definition von Feminismus, sondern auch die seines Subjekts stehen in Frage. Der neue gender trouble stellt sich laut Bindel folgendermaßen dar: Feministinnen haben immer zwischen »sex«, also Geschlecht, und »gender«, also Geschlechtsidentität, unterschieden, und sie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wieso dies von allen feministischen Strömungen, so unterschiedlich sie auch waren, getan und geteilt wurde – nämlich um zu verstehen, dass Männlichkeit und Weiblichkeit nichts »Natürliches« sind, sondern einen rigorosen Verhaltenskodex darstellen, der Frau­en unterdrückt.

Der Begriff gender hat den Begriff sex in der Debatte immer mehr verdrängt, es soll keinen Begriff mehr für die materielle Realität von Geschlecht geben. Das erzeugt Bindel zufolge eine Situation, in der man logisch gezwungen ist, die »Realität von männlicher Dominanz über Frauen« entweder zu ignorieren oder falsch zu interpretieren, weil schlicht die Begriffe unbrauchbar geworden sind. Während Transaktivisten, so Bindel, die Anzahl von Genderrollen und -ausdrücken vervielfältigen wollen, gehe es Feministinnen um die Abschaffung von gender, wobei sie den Begriff selbst nicht ablehnen, sondern eben darauf bestehen, ihn analytisch und nicht affirmativ zu gebrauchen.

Dass Bindel auf dem Unterschied zwischen Geschlecht und Geschlechtsausdruck beziehungsweise Geschlechtsidentität so rigoros beharrt, hat auch einen ganz praktischen Grund: Ein »clash of rights« macht sich ­immer mehr bemerkbar, denn geschlechtsspezifische Rechte von Frauen wie das auf Räume nur für sie werden beispielsweise in Großbritannien ausgehöhlt. Ein Beispiel, das Bindel nennt, ist Stephen Wood: ein mehrfacher Vergewaltiger, der 2017 in Großbritannien in ein Frauengefängnis verlegt wurde, nachdem er zu Protokoll gegeben hatte, Transgender zu sein und von da an Karen White hieß. Innerhalb von drei Monaten belästigte er zwei Insassinnen sexuell.

Auch im Sport wird viel diskutiert: Bindel sprach für ihr Buch mit der lesbischen Tennisikone und Pionierin des Frauenprofisports, Martina Navratilova, die in Zeiten ihrer Profikarriere auch von einer Transfrau trainiert wurde. Sie sprach sich in einem Tweet 2018 dafür aus, dass es gewisse körperliche Standards geben müsse, um in einem sportlichen Wettkampf gegen Frauen antreten zu können. Unter anderem dieser Tweet führte dazu, dass Navratilova, die sich jahrzehntelang für die Rechte von Schwulen und Lesben eingesetzt hat, aus der LGBT-Sportorganisation Athlete Ally herausflog und einen Shitstorm erlebte, der sie, wie sie Bindel erzählt, wohl nicht so stark getroffen hätte, wenn sie ein schwuler Mann wäre.

Oft wird solchen Argumenten entgegengehalten, weder würden Männer eine Transition beginnen, um Frauen zu belästigen, noch gebe es so viele Trans-Athletinnen, dass der Frauensport ernsthaft Schaden nehmen könnte. Viele Transaktivisten kritisieren zudem, dass sich hinter jenen Argumenten auch Ressentiments verstecken. Es spricht nichts dagegen, das ernst zu nehmen, denn das Vorurteil, Transmenschen würden vorsätzlich täuschen und sich etwas erschleichen wollen, gibt es durchaus. Aber sollte man solche Begebenheiten wie die in Gefängnissen unter den Tisch fallen lassen, weil sie Ressentiments schüren könnten? Diese sind jedenfalls nicht der Grund für Bindels Kritik, ihr geht es um das Prinzip: »Feministinnen ist es egal, wenn Männer sich wie Frauen anziehen oder sich als Frauen identifizieren wollen. Was uns wichtig ist, ist der Schutz unserer geschlechtsspezifischen Rechte und Dienste, besonders in Zufluchtsorten für Frauen und Gefängnissen.«

Und noch etwas anderes ist ihr wichtig, im Gegensatz zu denen, die sich derzeit für »diversity« aussprechen: Bindel spricht nicht über gläserne Decken, nicht über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nicht über Identitäten, sondern beispielsweise über die Frauen, die in dem Dorf Umoja in Kenia leben. Dieses haben in den neunziger Jahren Frauen gegründet, die von britischen Soldaten vergewaltigt worden waren und sich zusammenschlossen, um sich gegen Zwangsverheiratung und Genitalverstümmelung zur Wehr zu setzen. Eine Reportage Bindels über das Dorf, die 2015 im Observer veröffentlicht wurde, war für die australische Kolumnistin Clementine Ford Grund genug, Bindel in einem Text eine »exkludierende Sicht auf Transfrauen« vorzuwerfen. Wenn das Dorf denn einen sicheren Zufluchtsort für Frauen bieten wolle, müsse es im Sinne der Inklusion jede Frau aufnehmen, egal welche Chromosomen sie habe.

Was diese Geschichte klarmacht, ist, dass jedes Mal, wenn öffentlich über die Situation und Rechte von Frauen geredet wird, zugleich auch über die Rechte von Transfrauen gesprochen werden soll, selbst wenn beides nichts miteinander zu tun hat oder sich schlicht widerspricht. Es verwundert daher nicht, das Bindel, nicht um nostalgisch zu sein, sondern um an eine andere Zeit und ihre Themen zu erinnern, ihr Buch mit ihrer eigenen feministischen Sozialisation in den Siebzigern beginnen lässt. Aus armen Verhältnissen stammend, traf sie damals auf intellektu­elle Feministinnen, die sie aber nicht abwertend behandelten, sondern von denen sie beispielsweise lernte, dass Heterosexualität nichts Natürliches ist.

Feministinnen waren überall: Sie protestierten gegen Pornographie zum Beispiel in der Klatschpresse, organisierten Arbeitskämpfe oder demonstrierten gegen Nuklearbewaffnung. »Wir wollten das Establishment herausfordern und ihm trotzen«, schreibt sie. Um die »Transformation des Lebens von Frauen« sei es gegangen.

In den Achtzigern, so schreibt sie weiter, sei Feminismus als toxisch, männerhassend und komplett verrückt gebrandmarkt worden. Ähnlich Krasses wie damals von den Konservativen muss sich Bindel jetzt von progressiven, »woken« Linken gefallen lassen, und man liest aus den Zeilen des Buches den Frust heraus, den diese Angriffe hinterlassen haben. Bindel ist die wohl am meisten gecancelte Person Großbritanniens, auch vor körperlicher Gewalt wurde nicht zurückgeschreckt: 2019 versuchte ein Mann, sie nach einer Veranstaltung, begleitet von den Worten »You fucking cunt, you bitch«, ins Gesicht zu schlagen.

Der Konflikt zwischen Feministinnen und queeren Aktivisten scheint mittlerweile absolut ausweglos und unlösbar. Dabei ist die Existenz ­dieses Konflikts an sich gar keine schlechte, sondern eine äußerst interessante Situation, in der ordentlich gestritten werden könnte. Das Problem aber ist, dass der »extreme Transaktivismus« (wie Bindel ihn nennt) triftige Argumente von Feministinnen mit der pauschalen Entgegnung abwürgt, sie seien hasserfüllt. Bindel beispielsweise ist unzählige Male als »Faschistin« bezeichnet worden.

Dabei plädiert sie lediglich dafür, dass das »Herz der feministischen Bewegung« die »Lebenserfahrung von Frauen« und das Bekämpfen von »männlicher Gewalt« sein sollte, »nicht eine abstrakte Theorie von Gender«. Diese führe nämlich zu einem Feminismus, der auch »Männern und ihren Bedürfnissen nachgeben« würde, die dann misogyn gegen Frauen und vor allem gegen Lesben Stimmung machen. Statt sich im Internet dem clicktivism hinzugeben oder sich allein mit der eigenen Identität zu beschäftigen, also laut Bindel »Identitätspolitik ohne Politik« zu betreiben, plädiert sie für Feminismus nicht als individuelle Weltanschauung, sondern als kollektive Bewegung mit dem Ziel, die Macht der Männer zu brechen und den Zustand zu beenden, in dem der biologische Unterschied zwischen Männern und Frauen dazu benutzt wird, Frauen auszunutzen und zu demütigen.

Julie Bindel: Feminism for Women. The Real Route to Liberation. Constable, London 2021, 256 Seiten, ca. 21 Euro