Der Schmerz der Bilder in Julia Ducournaus Film »Titane«

Nonbinäres Autokino

Muskulöse Feuerwehrmänner, die mit den Hüften wackeln, Bondagesex mit einem Cadillac: Julia Ducournaus neuer Film schrammt hart an der Grenze zur Lächerlichkeit. Aber in seinen besten Momenten offenbart »Titane« die Möglichkeiten des Erzählens von geschlechtlicher Uneindeutigkeit.

Der Film soll wehtun und es gelingt ihm auch auf eine kalkulierte und plakative Weise. Von der ersten bis zur letzten Einstellung zeigt Julia Ducournau in »Titane« Körper, die der Kontrolle des Willens entzogen sind und sich verselbständigen. Es sind Körper, die Geräusche machen, um sich treten und Unfälle provozieren. Versehrte Körper müssen geflickt, erweitert und verstärkt werden. Anabolika, Training und Bandagen zwingen den Leib in eine Form. Man sieht Fleisch, das sich dehnt, Haut, die sich verfärbt, juckt, aufplatzt.

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Nacktheit ist allgegenwärtig, aber abgesehen von zwei Fetischszenen, in denen Autos und viel Stahl eine Rolle spielen, ist hier nichts erotisch auf­ge­laden, es geht um Schmerz, Kampf und Verletzlichkeit. Ausgeleuchtet wie ein voyeuristischer Giallo dauert hier jede Einstellung quälend lang, jeder Song des Soundtrack wird gefühlt bis zum letzten Ton ausgespielt. In den Kampf- und Mordszenen wird noch jedes letzte Zittern und Sabbern empathielos in grellbunte Hell-Dunkel-Kontraste gebannt.

 »Titane« will unbedingt den Schockmoment und strebt geradezu nach dem Vergleich mit den Filmen eines David Lynch oder David Cronenberg.

Bereits 2016 sorgte die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Julia Ducournau mit ihrem Debütfilm »Raw« für einen kleinen Skandal. In den ersten Vorführungen des Body-Horror-Films fielen Zuschauer in Ohnmacht und oder klagten über Übelkeit. »Raw« folgte einer gerad­linigen Handlung, in deren Mittelpunkt eine junge Vegetarierin steht. Als Studienanfängerin an der Fakultät für Veterinärmedizin muss sie ein blutiges Aufnahmeritual über sich ergehen lassen, bei dem sie ihre Neigung zum Kannibalismus entdeckt. Ducournau verbindet Coming-of-Age-Drama und Körperhorror so geschickt, dass ihr Film als brillante Schilderung des Eintritts in eine Erwachsenenwelt aus Zwang und Unterwerfung aus radikal feministischer Perspektive gefeiert wurde. Mit »Titane« hat sie nun nochmal nachgelegt.

Mit zwei starken Figuren – der von Agathe Rousselle mit großem Einsatz dargestellten Alexia und der bedürftig-liebenden Vaterfigur Vincent, verkörpert von dem bekannten französischen Schauspieler Vincent Lindon – reiht Ducournau einprägsame und lang nachhallende Szenen und Motive aneinander, die so recht keine Handlung ergeben wollen, so sehr der Film auch versucht, eine stimmige Erzählung herzustellen.

Am Anfang wird die Jugend Alexias in der Rückschau erzählt. Mit ihrem Vater sitzt das renitente Kind im Auto. Es läuft gerade Lisa Abbotts Version des US-amerikanischen Folkklassikers »Wayfaring Stranger«, den das Mädchen mit lautem Brummen übertönt, so oft der hilflose Vater das Autoradio auch lauter dreht. Als Alexia beginnt, rhythmisch von hinten gegen den Fahrersitz zu treten, kommt es zum Unfall. Das Kind, das schwere Kopfverletzungen erleidet, bekommt eine Titanplatte eingesetzt, die fortan den Schädel stabilisiert.

Was sie sonst noch bewirkt, wird – wie vieles im Film – nicht erklärt. Aber das Implantat scheint verantwortlich dafür zu sein, dass das Alexia sich von nun an körperlich von Autos angezogen fühlt – eine Art von Magnetismus. Als Erwachsene arbeitet sie als Tänzerin in einer erotischen Autoshow, wo sie von Männern angestarrt und begrapscht wird. Als ein Zuschauer ihr zu nahe kommt, tötet sie ihn, indem sie dem Mann ihre lange Haarnadel tief in den Kopf rammt. Was folgt, ist eine abstruse Erotikszene, in der ein fordernder Cadillac eine dominante Rolle übernimmt. Eine sexuelle ­Begegnung, die nicht ohne Folgen bleibt: Alexia wird auf der Stelle schwanger. Ihr Körper beginnt sich zu transformieren, aus ihren Brüsten tropft fortan Motoröl. Weitere Menschen müssen sterben und schon bald wird Alexia von der Polizei gesucht. Auf der Flucht nimmt sie die Identität und das Aussehen des seit zehn Jahren verschwundenen Adrien Legrand an.

Adrien ist der schmerzlich vermisste Sohn des Feuerwehrkomman­danten Vincent, dessen größte Sehnsucht es ist, sein Kind zurückzubekommen. Als er Alexia trifft, glaubt er, seinen geliebten Sohn wieder­gefunden zu haben. Alexia hat sich die Brüste abgebunden, die Haare abgeschnitten und während einer schmerzhaften Prozedur in einer ­öffentlichen Toilette an der Kante eines Waschbeckens die Nase gebrochen, um ihr Äußeres zu verändern. Der muskulöse Feuermann entbrennt in väterlicher Liebe zum wiedergefundenen Sohn.

Alexia wird in die eingeschworene Gemeinschaft testosterongeladener Klischeefeuerwehrmänner aufgenommen, die ehrfürchtig zu ihrem trotz seiner Hormontherapie alternden Boss Vincent aufsehen. Gemeinsam feiern die Männer nach erfolgreichen Einsätzen ekstatische Tanzpartys, wobei es für Alexia immer schwieriger wird, ihren Schwangerschaftsbauch zu verbergen, der unter dem Gewicht seiner metallischen Fracht allmählich aufzureißen droht. Aber Vincent verbietet es seinen Leuten, über die Identität seines Sohnes zu spekulieren, und setzt dieses Verbot ohne Rücksicht auf Verluste durch.

»Titane« hat bei den 74. Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme gewonnen und die Filmkritiker in zwei Lager gespalten. Wie in »Raw« mutet Ducournau dem Publikum auch in ihrem zweiten Film Bilder zu, die darauf angelegt sind zu verstören. Allerdings inszeniert sie hier noch stärker auf den Effekt hin als in ihrem Debütfilm. »Titane« will ­unbedingt den Schockmoment und strebt geradezu nach dem Vergleich mit den Filmen eines David Lynch oder David Cronenberg. Dessen provakanter Spielfilm »Crash« (1996) erzählte von Menschen, die sich an Autounfällen sexuell erregen. »Ti­tane« nimmt darauf deutlich Bezug, ohne jedoch Rücksicht auf die Plau­sibilität der Handlung zu nehmen.

Deshalb kann man den Film als missglückt bezeichnen oder ihn als Einspruch gegen ein allzu glattes ­Kinos werten und mit ihm eine neue Ära des Filmemachens anbrechen sehen, wie einige Kritiker in Cannes meinten. Trotz seiner lächerlich alptraumhaften Unlogik gelingt es Ducournau mit der androgyn kantigen Hauptdarstellerin, dem im Anabolika-Body verschanzten Ersatzvater, überstilisierten Bildern und einem Soundtrack, der sich vom Perkussiven zum Sakralen wandelt, Sequenzen zu schaffen, die gängige Vorstellungen von Identität und Körper unterlaufen. Sowohl Alexias Manipulationen an ihrem Körper als auch Vincents Kampf gegen das Erschlaffen seiner Muskeln erzählen eindringlich davon. Während Alexia ihre Transformation fast vollkommen wortlos durchlebt und kaum etwas über ihr Innenleben preisgibt, steht Vincent mit seiner Autorität und seiner anpassungsfähigen Zugewandtheit dafür ein, dass es immer Möglichkeiten gibt, frei zu wählen, wer man sein und was oder wen man annehmen will.

Auch wenn »Titane« nicht die Geburtsstunde des neuen Kinos ist, wie manche Rezensenten behaupten, wird der Filmexzess Julia Ducournaus dennoch sein Publikum berühren. Der Regisseurin gelingt es, ihren Vorbildern nicht nur nacheifern, sondern deren Visionen um eine entschieden feministische, nichtbinäre Perspektive zu bereichern.

Titane (F/B 2021). Buch und Regie: Julia ­Ducournau. Darsteller: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Laïs Salameh. Filmstart: 7. Oktober