Recherche über Recherche und das Hotel Westin

Investigation beim Investigativjournalisten

Eine Art Fortsetzung der Recherche im Fall Westin.
Die preisgekrönte Reportage Von

Wenige Tage ist erst her, dass der Sänger Gilf Ofarim öffentlich machte, dass er von einem Angestellten des Leipziger Hotels Westin Grand antisemitisch beleidigt wurde. Schnell waren Journalisen vor Ort und verfertigten Stücke der Spitzenklasse wie die unter dem Titel »Eine Nacht in dem Hotel, das ihn abwies« in der FAZ veröffentlichten Reportage. Der Journalist hatte das Leipziger Hotel besucht und die Missstände en detail dokumentiert. Er fand dunkle Haare auf der Tagesdecke! Aus Kalkresten im Wasserkocher konnte der FAZ-Reporter Rückschlüsse auf das rechtsradikale Potential im Osten ziehen.

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Das Rechercheteam der »preisgekrönten Reportage« ging jetzt noch weiter und verschaffte sich Zugang in die Frankfurter Wohnung des Top-Autoren. Wie lebt der Mann, der gerade in Leipzig weilt, an einem völlig normalen Tag in Frankfurt?

Auf dem Briefkasten prangt der Aufkleber »Bitte keine Werbung und kostenlose Zeitungen einwerfen«. Subtiler Hinweis eines leidenschaftlichen Print-Journalisten, der für gute Arbeit gutes Geld sehen möchte? Oder stiller Abgesang auf eine ganze Branche? Die Wohnungstür ist kaum gesichert; mit dem alten Kreditkartentrick lässt sie sich mühelos öffnen. Ist es falsch zu fragen, ob Journalisten, die so unbedacht in Fragen der Sicherheit sind, nicht eventuell selbst schuld sind, wenn wir bei ihnen einbrechen? Bevor wir uns diese rhetorische Frage rhetorisch beantworten, erreichen wir den Flur und befinden uns gewissermaßen im Zentrum der Wohnung – einem leeren Zentrum, jetzt, mitten in der Nacht, und seltsam retro mit der Fotoleiste und den in die Wand gedübelten Garderobenhaken wirkt es auch.

Auf dem Bett liegen Bücher, von Frank Schirrmacher, Frank Thelen und Frank Zander. Viel gelesen wurden sie wohl noch nicht, es fehlen klassische Eselsohren oder Textmar­kerspuren. Auf dem Schreibtisch: mehrere USB-Kabel in verschiedenen Farben. Hier kann sich jemand nicht entscheiden, will sich alle Optionen offenhalten – und verfügt noch dazu über wenig Energie. Im Wohnzimmer steht eine nagelneue PS5 (Mediamarkt), die viel kostbare Zeit frisst. Zeit, die dann bei der Recherche fehlt? Pizzakartons zeugen von einem wenig strukturierten Lebensstil. Welche Zukunft hat der Investigativjournalismus mit solchem Personal? Wie genau wird künftig im Osten hingeschaut? Man darf gespannt sein beziehungsweise bleiben, ja sogar werden.

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.