Im Film »Zeit der Verleumder« wird von einer antideutschen Verschwörung geschwafelt

Wo ist meine Sexparty?

In dem Dokumentarfilm »Zeit der Verleumder« inszenieren sich marxistische Silberrücken als Opfer einer antideutschen Verschwörung.

Es gibt Filme, die nehmen einen mit auf eine Zeitreise. Der Streifen »Zeit der Verleumder« des israelischen Regisseurs und BDS-Propagandisten Dror Dayan sowie der Journalistin und Tierrechtlerin Susann Witt-Stahl ist so einer. Der kürzlich bei Youtube einmalig aufgeführte Film zeigt »Höhepunkte und zentrale Thesen« einer 2018 in Berlin abgehaltenen Konferenz der antiisraelischen Szene, die von einem sich »Projekt Kritische Aufklärung« nennenden Bündnis auf die Beine gestellt wurde. Taufrisch ist das Ganze also ebenso wenig wie die zu Wort kommenden Akteure, allen voran der Historiker Moshe Zuckermann, der Philosoph und Mathematiker Moshé Machover oder der Schauspieler Rolf Becker.

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Sie alle lässt eines nicht mehr schlafen: »Der Rechtstrend in der westlichen Welt hat bizarre Erscheinungsformen. Linke werden als ›Nazis‹, jüdische Antifaschisten als ›Verräter‹ diffamiert«, hieß es in der Konferenzankündigung Dahinter stecke eine Gruppe, die mittlerweile überall in den Mainstream-Medien und Parteien den Ton angebe, wenn es um Themen wie ­Israel und Antisemitismus geht: die Antideutschen. Es folgt ein Parforceritt durch die Szene. Untermalt mit einem dramatischen Sound, der jeder Holocaust-Doku von Guido Knopp alle Ehre gemacht hätte, werden Ruhrbarone, Jungle World und andere genannt. Sie sind die großen Verschwörer gegen die wahren Linken, sprich sie selbst.

Die Antideutschen hätten dagegen den Antifaschismus pervertiert und sich längst von der Faschismusanalyse verabschiedet, so der Vorwurf von Zuckermann & Co. »Sie definieren als Deutsche, wer ein richtiger Jude ist und sein darf«, lamentiert dann auch Becker, um sofort ganz viel Erich Fried zu zitieren. Er will am liebsten gar nicht mehr aufhören damit. Spätestens hier hätte es eine Politkitsch-Triggerwarnung geben müssen. Denn an Pathos wird nicht gespart und Lyrik ist bekanntlich schwürig – vor allem, wenn Erich Fried im Spiel ist.

Und so ist man auch schon mitten drin im großen Jammern. Es gehe um »deutschen Hass auf jüdische Linke«. Existenzen würden vernichtet und Andersdenkende bedroht. Witt-Stahl führt dabei ausgerechnet die RAF-Frontfrau Ulrike Meinhof als Kronzeugin auf, die schon in den sechziger Jahren erkannt habe, dass die Opfer der Shoah von der Springer-Presse missbraucht ­worden seien, um Kommunisten mundtot zu machen – eine interessante Wahl, wenn man bedenkt, dass Meinhof die Attentäter der Olympischen Spiele in München 1972 als vorbildliche Kämpfer gegen Imperialismus und Zionismus bejubelte. Heutzutage würden Antideutsche die Arbeit der Springer-Presse erledigen. An einer Stelle im Film heißt es sogar, dass sie wie Nazis mit Juden umgingen. Spätestens jetzt mutiert die Zeitreise zur Geisterbahnfahrt.

Überhaupt ist viel vom Faschismus die Rede, hinter dem selbstverständlich das Kapital stecke – auch hier entsteht der Eindruck, die siebziger Jahre hätten sich von jeglicher Totalita­rismusforschung unbeleckt zurückgemeldet. Und Israel sei in diesem Kontext laut Machover der »Rottweiler des Imperialismus«. 102 Minuten dauert die oftmals an eine schlechte Powerpoint-Präsentation erinnernde Litanei. Irgendwann wünscht man sich dabei Mohamed »Recherche ist Zeitverschwendung« Amjahids berühmt-berüchtigten Artikel auf Zeit Online von 2017 zurück. Da ging es wenigsten um mysteriöse Sexpartys von Antideutschen und deren wöchentliche Eat-ins bei McDonald’s. Im Vergleich zu dem Fremdschamspektakel »Zeit der Verleumder« war das großes Kino.