Dialektik der Provinz

Dä!

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Es ist ein bisschen schwierig, eine mitreißende Kolumne zu schreiben, wenn man die ganze Woche im Prinzip nix erlebt hat außer Auto. Aber darum geht es erst kommende Woche wieder, weil »et jeben Jrenzen«, wie es im Idiom der Kleinstadt, aus der ich komme, so schön heißt. Diese Kombination der Buchstaben J und R ist im übrigen interessant, weil sie formvollendet auszusprechen, tatsächlich kaum einem Auswärtigen gelingt, was schade ist, jedenfalls wenn sie in besagter Kleinstadt jemanden namens Gregor kennen würden und ihn daher nicht korrekt mit Jrejor ansprechen können.

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Neben dem J und dem R gibt es in der Kleinstadt auch noch das »dä«, das alles und nichts bedeuten kann und deswegen ein sehr wichtiges Wort ist. Halb gesungen und in höherer Tonlage ausgeprochen, bedeutet es »der«, der Gregor wäre entsprechend »dä Jrejor«, richtig? Ja und nein, weil ein »dä« vor einem J eine Winzigkeit kürzer ausgesprochen gehört, vielleicht, weil man es nicht abwarten kann, die folgende wunderbare Buchstabenkombination zu sagen und eventuell und hoffentlich bewundernde Blicke zufällig anwesender Nichtkleinstädter zu ernten. Eine weitere Verwendung des Wortes »dä« gehört zwingend mit einem Ausrufezeichen versehen, besser noch mit zweien oder ganz vielen. »Dä!« bedeutet nämlich ungefähr »Ha!« und wird auch ähnlich kurz gesprochen. »Dä, dä Jrejor« würde man sagen, wenn man sich zuvor noch darüber unterhalten hat, dass Gregor bestimmt gleich auch noch vorbeikommen wird, und »dä, dä Jrejor un et Jorschina«, falls er seine Freundin Georgina mitgebracht hätte. Eine Frau ist »et«, also »es«, oder manchmal »de«, was kein verkürztes »der« ist, sondern ein »die«, nur ohne i. Effizienter Buchstabengebrauch ist in manchen Teilen der Republik halt wichtiger als in anderen, man weiß ja schließlich nie, wann man sie mal dringend braucht, und wenn dann keine mehr übrig wären, wäre das ja auch schlecht. Et jeben eben Jründe, warum man nicht in der Kleinstadt geblieben ist.